Man verliert sich schnell in den Tiefen unterhalb des Burggartens, zwischen scheinbar endlosen Drehwänden, in denen sich Buchrücken an Buchrücken reiht, 21 Regalkilometer lang, bis zu 14 Meter unter der Erdoberfläche. Hat die ganze Sammelwut ein Ende, hört sie irgendwo auf? "Rechts gehen, immer rechts, irgendwann kommt man schon an einen Ausgang": Der Lösungsalgorithmus für Irrgärten, so verrät es ein Bibliotheksmitarbeiter, er funktioniere im Notfall auch im Bücherspeicher der Österreichischen Nationalbibliothek unterhalb der Neuen Burg.

Weit über drei Millionen Druckwerke lagern hier, und das ist nur der jüngere, kleinere Teil all dessen, was die Nationalbibliothek in ihren labyrinthischen Korridoren, verborgenen Lagern und stolz zur Schau gestellten Prachträumen hortet.

650 Jahre alt ist jenes Schriftwerk, das heute als Gründungscodex der Bibliothek gilt. Diese Sammlung ist die größte des Landes und eine der bedeutendsten Bucharchive der Welt. Noch mehr aber war und ist die Nationalbibliothek ein Abbild von Machtstrukturen und gesellschaftlichen Umbrüchen, ein Räderwerk der unterschiedlichen Geschwindigkeiten, in dem sich die Geschichte Österreichs, sein Selbst- und Fremdbild fortschreiben. Auch in der Gegenwart: Welchen Platz hat eine Instanz, deren Kerngeschäft Information auf bedrucktem Papier war, in der digitalen Ära?

Der verlassene Eindruck täuscht, den die gewundenen Flure mit den knarzenden Holzdielen einige Stockwerke über dem Benutzertrakt in der Neuen Burg geben. Hinter einer weiß getünchten Tür werden acht mannshohe Scanmaschinen zeitgleich bedient, kein Gerät gleicht dem anderen. Behutsam scannen die Mitarbeiter im Digitalisierungszentrum händisch von antiken Papyri bis zu mittelalterlichen Inkunabeln all jenes ein, was zu wertvoll und zu fragil ist, um in einen Scanroboter gelegt zu werden.

Das Labyrinth hinter den heute über die ganze Wiener Innenstadt verstreuten Residenzen der Nationalbibliothek schluckt seit ihren Anfängen Objekte ohne Unterlass. In der Zweiten Republik, so will es das Gesetz, wird vom Groschenroman bis zur Dissertation jede Publikation archiviert, die in Österreich erscheint. Schon im Mittelalter verleibt sich fast jeder habsburgische Herrscher Bibliotheken aus dem Familienkreis ein, erwirbt Bestände aus dem weitverzweigten Reich – und beschränkt sich dabei nicht nur auf Bücher. In den vier Museen und acht Sammlungen – noch in diesem Jahr wird das Haus der Geschichte dazu kommen – finden sich Globen und Atlanten, Notenblätter und Schuhplattler auf Schwarz-Weiß-Fotos, höfische Porträtkameen und ganze Schriftstellernachlässe.

Zugleich wächst die virtuelle Bibliothek. "Das tun wir auch in Verantwortung für spätere Generationen", sagt Johanna Rachinger. 2001 übernahm die Oberösterreicherin die Direktion der Nationalbibliothek und erklärte die Digitalisierung sogleich zum Programm. Im digitalen Zeitungslesesaal können bereits mehr als 17 Millionen Seiten historischer Zeitungen aufgerufen werden. Das Großprojekt Austrian Books Online, bei dem der 600.000 Titel umfassende urheberrechtsfreie Bestand eingescannt wird, soll noch in diesem Sommer abgeschlossen sein.

Doch längst geht das Archivieren weiter: Heute sammelt die Nationalbibliothek auch E-Books und digital erscheinende Medien, ja sogar das ganze Internet, das sich hinter der Domain ".at" ausbreitet. "Wenn Historiker in 100 Jahren erspüren wollen, wie das Land im Jahr 2018 getickt hat, dann kann man ja das Internet nicht außer Acht lassen", sagt Rachinger.

Die Theaterwissenschaftlerin, groß gewachsen und resolut, ist eine Schnellrednerin, die ihre Ansichten druckreif auf den Punkt bringt. Demokratisierung des Zugangs zu Wissen, so lautet das programmatische Credo, das sie dem altehrwürdigen Haus auf die Fahne geschrieben hat.

Wobei das Haus als Gebäude die längste Zeit gar nicht existierte: Erst im 18. Jahrhundert bekam die damalige Hofbibliothek eine eigene Bleibe.

300 Jahre zuvor residierte in der Wiener Herzogsburg mit Albrecht III. ein Liebhaber der Buchkunst. Rasch entdeckten die Habsburger Prachtbände zur Inszenierung von Einfluss und Reichtum. Im ausgehenden 16. Jahrhundert förderte Maximilian I. nicht nur die Verbreitung des Buchdrucks im Habsburgerreich. Zuhauf ließ er sein Leben, wahre und vermeintliche Heldentaten in schillernden Farben festhalten. "Maximilian I. erkannte das Buch als propagandistisches Medium", sagt Andreas Fingernagel, Leiter der Handschriftensammlung der Nationalbibliothek.

Die wechselhafte Verhandlung der österreichischen Identität

Obwohl die Sammlung rasch anwuchs, blieb sie zunächst eine reine Adelsbibliothek. Mit dem ersten Bibliothekar, der 1576 eingestellt wurde, änderte sich das. Hugo Blotius inventarisierte und ließ mehrere Tausend Werke ankaufen – nicht mehr nur Prunkfolianten, sondern auch wissenschaftliche Schriften, zu denen Gelehrte Zugang bekamen.

Doch Blotius, ein Niederländer, war unzufrieden. "Er machte laufend Eingaben beim Hof und schilderte dem Kaiser, dass zu wenig Geld und zu wenig Platz da sei", erzählt Fingernagel.

Denn die habsburgischen Büchertruhen waren zwar ein Imperium in Schrift. Doch die Bestände der Bibliothek zerstreuten sich zwischen Wiener Neustadt und Innsbruck, dem Wiener Minoritenkloster, Prag und anderen höfische Sitzen.

Erst unter Karl VI. wurde schließlich die Hofbibliothek am Josefsplatz gebaut – sie diente dem Herrscher einmal mehr dazu, sich zu verewigen. Die Statuen und Fresken im 1726 fertiggestellten Prunksaal huldigen Karl VI. in allen Facetten, die 200.000 historischen Bände ringsum wirken da beinahe nur als schmückendes Accessoire.

Doch dieser Eindruck täuscht. Vorsichtig geht Harald Weiland in die Knie, bis die hölzerne Trage auf seinem Rücken das dunkle, große Lesepult berührt, das unter einem der hohen Bücherwände steht. In seinem blauen Kittel und mit dem altertümlichen Gerät voller Folianten, die schwer auf den Schultern lasten, wirkt der schmale Mann mit Schnauzbart selbst wie ein Museumsstück.

Drüben, im 1992 fertiggestellten Tiefspeicher unter der Neuen Burg, werden die Bücher mit einer Art vertikaler Carrera-Bahn hinaufbefördert zu den Lesern. Telelift heißt das System im Bibliotheksjargon: Mit eineinhalb Stundenkilometern rollen Bücher in blauen Wägelchen die Schienen entlang, machen Loops und fahren dank Schwenkmechanismus auch kopfüber.

Den "Sarg" gibt es nicht mehr. Doch die Aufarbeitung der NS-Zeit begann spät

Im historischen Bibliothekstrakt am Josefsplatz gibt es hingegen keinen automatisierten Ersatz für die anachronistisch anmutenden Holzbütten. Noch immer erklimmen die Buchausheber wie Harald Weiland fast fünf Meter hohe Leitergestelle im Prunksaal und auf seinen Balustraden ringsum. Und manchmal, erzählt Weiland, müsse man sich schon sehr strecken und hinauslehnen, um ein bestimmtes Werk in den eng gefüllten Regalen zu erwischen.

26 Jahre ist es her, als gleich nebenan die Redoutensäle Feuer fingen. Damals sorgten sich die Österreicher nicht nur um die Lipizzaner in der Spanischen Hofreitschule. 240 Polizisten bildeten eine Kette, um 10.000 besonders kostbare Schriften ins Freie zu bringen.

"Obwohl die wenigsten Menschen in diese Bücher hineingelesen haben, haben sie sehr genau gespürt, dass sie etwas mit uns, mit unserer Geschichte zu tun haben", sagt Johanna Rachinger. Nach dem Großbrand habe sie ein Aufatmen beobachtet, das durch das Land ging: "Allen war klar, wären die Bücher verloren gegangen, dann wäre auch ein Stück kulturelle Identität verloren gegangen."

Von der wechselhaften Verhandlung der österreichischen Identität erzählt bereits die Bezeichnung des zentralen Wissensarchivs: Aus der kaiserlichen Hofbibliothek wird in der Ersten Republik die Nationalbibliothek – doch als österreichisch will man sie keineswegs verstanden wissen. "Es wurde zum Beispiel von einigen Beamten der Bibliothek darauf hingewiesen, dass eine 'österreichische Nation' nicht existiere, ja dass dieser Name sogar den künftigen Anschluss an Deutschland hemmen könnte", schreibt 1928 der amtierende Direktor Josef Donabaum, als er den Namen "National-Bibliothek" vorschlägt. Um Befürchtungen weiter auszuräumen, lässt er wissen: "Dass keine besondere österreichische Nation existiert, darf ja wohl als weltbekannt angenommen werden."

Hölzerne Relikte aus der vollanalogen Zeit

Schon in den Jahren des Austrofaschismus bereichert sich die Nationalbibliothek voller Elan, vor allem an sozialdemokratischen Einrichtungen, die geschlossen werden. 1938 übernimmt schließlich der glühende Nationalsozialist Paul Heigl die Direktion und beginnt einen schamlosen Plünderungszug.

Weit über 50.000 geraubte Werke werden später ausgemacht – doch darüber spricht man noch nicht, als sich der Schriftsteller Gerhard Roth 1989 in die Tiefen des nationalen Bücherspeichers aufmacht. Er hört etwa von einem im Haus unter dem dunklen Namen "Sarg" bekannten Raum, der jahrzehntelang zugemauert gewesen war und in dem geraubte Werke ebenso wie NS-Literatur lagert – damals teilweise noch unausgepackt, wie Johanna Rachinger erzählt. Eine Ironie der Geschichte, macht das die Spurensuche bei der Restitution einiger Werke am Ende gar einfacher.

Aber das mit der rechtmäßigen Rückgabe dauert in Österreich, auch in seiner Nationalbibliothek. "Vor allem sind falsche Auskünfte und sechzig Jahre Wartezeit auf die Restitution geraubten Eigentums bedrückend und inakzeptabel", schreibt Roth später in seinem Essayband Die Stadt. Entdeckungen im Inneren von Wien. Die Ursachen dafür seien gewiss nicht nur Resignation vor den damit verbundenen Mühen gewesen, so Roth: "Was dann? Amnesie? Der Stupor Austriacus? Gleichgültigkeit?"

Als Johanna Rachinger 2001 zur Direktorin bestellt wird, ist das Kunstrückgabegesetz zwar schon in Kraft. Doch wirklich auseinandergesetzt hat man sich in der Nationalbibliothek nicht mit dem schändlichen Kapitel. "Es hing immer dieser braune Schatten über dem Haus", sagt Rachinger. Die wissenschaftliche Aufarbeitung, die dann eingeleitet wurde, die Spurensuche nach der Herkunft des Raubguts und die heute weitgehend abgeschlossene Restitution: "Das war ein Reinigungsprozess, der sehr wichtig war für uns alle hier."

Auch den berüchtigten Sarg gibt es nicht mehr. Doch ein geheimnisvolles, ja manchmal gespenstisches Geflecht bleiben die unterirdischen Kanäle zwischen der historischen Hofbibliothek am Josefsplatz und dem 1966 bezogenen Bibliothekstrakt in der Neuen Burg allemal.

So landet man hinter einer der vielen Türen, die einen marmorweißen Flur aus neuerer Zeit säumen, in den Irrwegen, die das ganze Burg-Areal seit alters her unterirdisch verbinden. Mitten in einem dieser Tunnel blockieren plötzlich Zettelkästen den Weg, hölzerne Relikte aus der vollanalogen Zeit.

Ganz anders im Foyer, gleich hinter der Drehschranke am Eingang der modernen Bibliothek in der Neuen Burg: Hier fläzen sich viele und oft sehr junge Menschen mit Laptops und Sandwiches in roten, weichen Ledersesseln. Zwischen Buchausgabe und Toiletten wuseln mit durchsichtigen Plastiktaschen behängte Benützer, über die Schreibtische beugt sich Rücken an Rücken.

Mit der Öffnung der Bibliothek an ein breites Publikum kamen zwar auch Kritiker, die sich – so wie ein Germanist vor wenigen Jahren – am "permanenten Gegacker, Gekicher und Gequatsche" stören, an den Studenten, die 98 Prozent aller Plätze in Beschlag nähmen.

Doch die Nationalbibliothek will kein entrückter Tempel für eine eingeschworene Bildungselite sein – und entfernt sich damit in Wahrheit gar nicht von dem, was schon in der ersten, von Kaiser Karl VI. aufgestellten Bibliotheksordnung steht: "Der Benützer braucht nichts bezahlen, er soll reicher von dannen gehen und öfter wiederkehren." Gemeint ist: Dieser Wissensort soll für alle zugänglich sein – wenngleich es eine Einschränkung auch damals gab: "Unwissende, Diener, Faule, Schwätzer und Herumspazierer mögen fernbleiben."

Am 26. Jänner eröffnet die Sonderausstellung "Schatzkammer des Wissens. 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek" im Prunksaal am Josefsplatz.