Papst Franziskus hat um Entschuldigung für seine verletzenden Äußerungen gegenüber Missbrauchsopfern gebeten. Richtig so! Das war nötig. Aber erst einmal: Was ist überhaupt geschehen? Während des Papstbesuchs in Chile, am Rande eines Gottesdienstes, wurde der Papst auf den chilenischen Bischof Juan Barros, 61, angesprochen. Missbrauchsopfer werfen dem Bischof vor, von Verbrechen gewusst und geschwiegen zu haben. Die Antwort von Franziskus: "Alles ist Verleumdung. Ist das klar?" Es gebe "keinen einzigen Beweis".

Tatsächlich sind die Vorwürfe gegen Barros unbewiesen. Doch die harschen Worte des Papstes lösten auch bei seinen Verbündeten Befremden aus. Sie fügten den Überlebenden sexuellen Missbrauchs "großen Schmerz" zu, erklärte Bostons Kardinal Sean O’Malley, Vorsitzender der päpstlichen Kinderschutzkommission. Betroffene würden ins Abseits gestellt, wenn man ihnen signalisiere: Wer Vorwürfe nicht belegen kann, dem glaubt man nicht.

Nun hat Franziskus das Richtige getan. Er gab seinen Kritikern recht und wandte sich an die Opfer: "Den Papst sagen zu hören: 'Bringt mir einen Brief mit dem Beweis', ist eine Ohrfeige." Doch warum hält er trotzdem an Bischof Barros fest?

Chiles Kirche wird seit Jahren von Missbrauchsfällen erschüttert, in deren Mittelpunkt der Priester Fernando Karadima, 87, steht. Er wurde 2011 von einem kirchlichen Gericht wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger, die zu seinem Schülerkreis gehörten, verurteilt. Auch Bischof Barros war ein Schüler von Karadima. Betroffene sagen, er sei sogar anwesend gewesen, als Karadima versuchte, Mitschüler gegen ihren Willen zu küssen.

Juan Barros bestreitet das. Dennoch kam aus der Chilenischen Bischofskonferenz der Vorschlag, dass vier Bischöfe, die aus dem Kreis Karadimas stammten – unter ihnen Barros – zurücktreten sollten, um die Situation zu deeskalieren.

Die Jesuiten in Chile hatten Bischof Barros schon vor der Papstreise scharf kritisiert. Doch dieser fühlte sich von Franziskus geschützt und trat während des Papstbesuches mehrfach öffentlich auf.

Der Vorgang schmerzt umso mehr, als gerade Franziskus das ungeheuerliche Scheitern der Kirche und des Klerus beim Thema Missbrauch sieht, eingesteht und aufarbeitet. Die Einrichtung der päpstlichen Kinderschutzkommission im Jahr 2014 war der erste große Schritt seiner Kurienreform. Seitdem strengt die Kommission weltweit Aufarbeitung und Prävention an. Franziskus erließ zudem neue Gesetze gegen Bischöfe, die Verdachtsfälle vertuschen.

Ein Dilemma jedoch bleibt: Missbrauchsopfer sind darauf angewiesen, dass man ihnen glaubt, wenn sie aussprechen, was ihnen von Tätern (und Vertuschern) angetan wurde. Ohne Vertrauensvorschuss ist Aufarbeitung von Missbrauch unmöglich. Zugleich aber haben bezichtigte Personen das Anrecht auf ein faires Verfahren, zu dem auch die Unschuldsvermutung gehört. Wie sollen nun die Verantwortlichen, denen ein Missbrauchsvorwurf zugetragen wird – ob Papst, Bischof, Betriebschef, Schulleiter – gerecht bleiben?

Meine Erfahrung als Jesuit und Schulleiter, dem Missbrauchsfälle angezeigt wurden, lautet: Man muss Betroffenen einen positiven Vertrauensvorschuss gewähren. Die Unschuldsvermutung geht mit einem methodischen Misstrauen gegenüber Anzeigen und Bezichtigungen einher – und muss es auch. Deswegen darf man das Problem nicht einfach den Juristen zuschieben. Die Entscheidungssituation ist also unausweichlich: glauben oder nicht glauben.

Ich habe erfahren: Meist sind die Aussagen von Missbrauchsopfern glaubwürdig, zumal diese oft ein hohes Risiko eingehen, wenn sie das Schweigen brechen. Doch ich war auch schon mit Fällen konfrontiert, da wollte ich einem mutmaßlich Betroffenen gern glauben, konnte es aber nicht. Geschieht das, muss man es deutlich sagen. Auch wenn es wehtut.