Das Enneagramm

Man sagt meiner Generation nach, sehr ichbezogen zu sein. Stimmt. Deswegen ist Das Enneagramm meine Bibel. Dieses Buch steht in jeder gut sortierten Bahnhofsbuchhandlung im Regal Selbsthilfe – aber es bietet viel mehr als das.

Das Modell des Enneagramms ermöglicht dem Leser, sich selbst und jeden Menschen, den er kennt, anhand seiner Charaktereigenschaften einem von neun Persönlichkeitstypen zuzuordnen. Die Welt, der Alltag, die Menschen – alles wird sehr übersichtlich mit diesem Buch in der Hand. Man versteht durch die aufmerksame Lektüre, warum der eine mit dem anderen nicht kann, warum man sich andauernd mit der Mitbewohnerin streitet oder weshalb man immer pleite ist. Mein eigenes Exemplar verleihe ich nur ungern, zum einen, weil es Eselsohren hat, zum anderen wegen der vielen persönlichen Notizen am Rand.

Da gibt es die EINSER. Sie sind idealistische Perfektionisten und Missionare. Diszipliniert, zuverlässig – aber im Streitfall auch rechthaberisch. ZWEIER sind stets auf die Bedürfnisse anderer bedacht, sie haben ein Helfersyndrom, aber Vorsicht: Einige neigen zur Manipulation. Die machtbewussten Alphatiere, von denen alle reden? Klarer Fall einer DREI. VIERER, die Dramaqueens, hassen Eselsohren und schätzen Luxus als "äußere Stütze der Selbstachtung". Ganz im Gegensatz zur asketisch lebenden FÜNF, die soziale Bindungen als lästig empfindet. Wahrscheinlich kennen Sie keine. Die SECHS gibt gern Anweisungen; man findet sie häufig im Beamtentum. Als Kind im Körper eines Erwachsenen muss man sich die SIEBEN vorstellen, deren Flatterhaftigkeit und Vergnügungssucht nicht nur Eltern in den Wahnsinn treiben. Bestes Beispiel: der späte Michael Jackson. Oder Mozart! Mit der aggressiven ACHT legt man sich besser nicht an, außer man ist selbst eine. Und schließlich die stets auf Harmonie bedachte NEUN, die oft ihre eigenen Bedürfnisse aus dem Blick verliert.

Nicht nur beim Kennenlernen potenzieller Mitbewohner erweist sich das Enneagramm als ausgesprochen nützlich. Nehmen wir die klassische Küchen-Partyszene: Während mein Gegenüber noch beim "Und was machst du so?" ist, merke ich bereits an der Art, wie er redet und von sich erzählt, stolz und selbstsicher, dass er eine DREI ist. Ich nehme ihm das nicht übel, denn die Kenntnis des Enneagramm-Schemas macht mich zu einem großzügigen Menschen. Oft ist in diesem Buch von "Erlösung" die Rede, was nicht das Ende der Neurosen meint, sondern einen reifen Umgang damit. Endlich geht es einmal nicht um Selbstoptimierung, sondern um Selbstakzeptanz.

Im Gegensatz zum Sternzeichen lässt sich die eigene Ziffer im Enneagramm nicht anhand solcher Trivialitäten wie des Geburtstags bestimmen. Man muss sie durch Analyse herausbekommen. Nächtelang haben meine sensiblen Freunde und ich das knapp 500 Seiten starke Grundlagenwerk durchgearbeitet, um unsere Mitmenschen zu verstehen. A. formuliert seine eigene Grabrede? Als VIER, genannt "der tragische Romantiker", ist er manchmal dem Tod näher als dem Leben. K. hat bei vier Facebook-Veranstaltungen am gleichen Abend auf "Teilnehmen" geklickt? Die SIEBEN tanzt nun mal gerne auf allen Hochzeiten. M. sortiert das Gewürzregal nach Farben? Kein Wunder, fürchtet die SECHS doch nichts mehr als den Kontrollverlust.

Für manche gehört das Enneagramm in dieselbe Schublade wie TV-Wahrsagerinnen und Emotionale-Intelligenz-Tests in der Cosmopolitan. Aber da kann ich nur wissend lächeln: typischer Abwehrmechanismus der FÜNF.

Eva Biringer mag auch: Filme von Ulrich Seidl, Tweets von René Pollesch und burgenländischen Chardonnay