Wussten Sie, dass der große Aufklärer und noch größere Moral-Spindoktor Émile Zola für viele seiner Gegner nur ein kleiner, dreckiger Hassjournalist und Judenfreund war? Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, was der ewige Wort-Onanist Peter Handke bei seiner großen Gruppe-47-Anklage in Princeton gemeint hat, als er der Richter-Grass-Bande in vulgär-germanistischem Vokabular "Beschreibungsimpotenz" vorwarf? Hat er nicht in Wahrheit das gesamte deutsche Literatur-ZK seiner Zeit als einen Haufen alternder Schlappschwänze beschimpft, wofür er bis heute von allen nachfolgenden Literatur-Schlappschwänzen bewundert wird? Und können Sie sich daran erinnern, wie der romantische Ex-Kommunist und Dauer-Einfaltspinsel Wolf Biermann kurz nach der Wende einen der wenigen Helden der DDR-Revolution ausgerechnet in seiner Büchnerpreis-Rede als "Stasi-Spitzel Sascha Arschloch" titulierte, worauf sofort alle Mainstream-Medien das sonst so verbotene Wort euphorisch zitierten – und wie schon bald durch Biermanns genialen rhetorischen Mini-Trick die halbe DDR-Opposition als verlogen diskreditiert war und er wieder ganz allein als großer Honecker-Bezwinger galt?

Nein, das alles haben Sie natürlich längst verdrängt und vergessen – denn heftige, obszöne, hasserfüllte intellektuelle Debatten passen nicht in das gegenwärtige linksrechte Weltbild der inzwischen so prüden, erzreaktionären Feuilleton-Volksgemeinschaft, der Sie angehören, dieses immer größer werdenden, grauen Heers simulationsfixierter Baudrillard-Missversteher, heimlicher Heideggerianer, genderverrückter Judith-Butler-Damen-und-Herren, strammer Merkur-Leser, einfallsloser Oberlehrer, karrieristischer Oberschüler und dezent tätowierter Chris-Dercon-Höflinge, für die angelesene Theorien alles sind und eigene Gedanken nichts – weil man für die ja dann ganz allein verantwortlich wäre als armer, kleiner deutscher Untertan.

Wenn ich Sie jetzt aber daran erinnere, dass zum großen Denken, dass also zum prinzipiellen Infragestellen des Bestehenden nicht pseudogelehrtes Nachplappern gehört, sondern oft auch das große Beleidigen à la "Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!" oder "Und sie dreht sich doch, ihr katholischen Vollidioten!", wenn ich Ihnen sage, dass am Ende jeder wirklich neue Gedanke für die folgsamen Anhänger eines alten Gedankens eine Beleidigung bedeutet, ein unangenehmes, aber oft heilsames Denk-Attentat, dann sind Sie natürlich wahnsinnig genervt, denn erstens dachten Sie, Sie hätten endlich für ein paar Jahre Ruhe von Hasskolumnisten wie mir und wären auf dem Friedhof Ihrer kleinen Germanen- und Gelehrtenrepublik ganz unter sich – und zweitens wissen Sie ganz genau, dass ich recht habe.

Und jetzt sage ich Ihnen, was mir zurzeit unglaublich auf die Nerven geht: dass Leute wie Sie immer öfter so tun, als hätten die Hass- und Hetz-Atmosphäre im Internet und die radikale, aggressive, sorgfältig komponierte Polemik irgendetwas miteinander zu tun. Meinen Sie das im Ernst? Wollen Sie tatsächlich Donald Trumps nächtliche Twitter-Angebereien und antisemitische Facebook-Tsunamis, frauenfeindliche Tiraden und obszöne FSB-Propagandalügen mit den verbalen Ein- und Ausfällen eines Heinrich Heine, eines Karl Kraus oder frühen Henryk M. Broder vergleichen? Ja, genau das wollen Sie! Denn Sie hoffen und beten, dass dieser demagogische Vergleich "nachhaltig" – wie Sie sagen würden – ein Denken und Schreiben diskreditiert, das in Deutschland ohnehin nie sehr beliebt war, allen Börne- und Tucholsky-Preisen zum Trotz, die sowieso fast nur noch an solche nationalkulturellen Verunklarer und Hobby-Esoteriker wie Peter Sloterdijk oder Rüdiger Safranski verschleudert werden.

Sie wollen, anders gesagt, jeden Abend Ihre beruhigende Luhmann-, Lilla-, Eribon- oder Heidegger-Pille nehmen und dann die Nacht und vielleicht sogar noch den halben Tag ungestört durchschlafen. Und dann wollen Sie eine temperamentlose, geistlos abwägende Buchkritik lesen, dort eine Sozialreportage oder einen Flüchtlingsbericht, deren Hauptmerkmale billiges Moralisieren und zeitgenössische Journalistenschulen-"Beschreibungsimpotenz" sind, und wenn Sie einen Leitartikel lesen, dann gefällt er Ihnen nur, wenn Sie hinterher genauso denken wie davor.

Ja, Sie wollen eben nicht, dass man Ihnen mit scharfen Worten erklärt, wie verrottet inzwischen Ihre neu-alte deutsche Gegenwart ist. Sie wollen nicht hören und verstehen, dass nicht bloß im Bundestag neben dem neuen demokratischen Deutschland jetzt auch wieder das alte antidemokratische Deutschland sitzt, sondern genauso in jedem germanistischen Institut, in jeder Redaktion, in jeder modernen Frankfurter Bahnhofsbar, in fast jedem deutschen Gehirn. Und Sie wollen schon gar nicht, dass man die Heuchler und Arschlöcher beim Namen nennt, egal ob sie Jakob "Walser" Augstein, Sigmar "Nazisohn und Iranfreund" Gabriel, Frank-Walter "Ich wohne in einer arisierten Dienstvilla" Steinmeier oder Alexander "Mehr Diktatur wagen!" Gauland heißen, denn die Darf-man-das-Debatte, die dann ausbrechen würde, würde auch Sie selbst und Ihr Selbstverständnis als historisch und politisch hin- und hergerissener Täter-Enkel wegfegen – denn schließlich sind Sie es, Sie Heuchler, 0der diese Alt- und Jung-Siegfrieds ständig fasziniert liest, druckt und interviewt.