Frage: Herr Püttmann, die ehemalige Bundesvorsitzende der "Christen in der AfD", Anette Schultner, hat die Partei im Oktober unter Protest verlassen – ein Indiz dafür, dass die Christen aus der AfD verschwinden?

Andreas Püttmann: Das ist so pauschal noch nicht festzustellen. Die Abwanderung von Frau Schultner erkläre ich eher dadurch, dass sie Frauke Petry nahesteht. Einsicht und ideologische Umkehr erkenne ich da weniger. Der Anteil der Christen unter den AfD-Anhängern ist zwar unterdurchschnittlich, aber stabil.

Frage: Warum wählen konservative Christen überhaupt die AfD?

Püttmann: Sie teilen deren Wut auf die Eliten. Viele konservative Gläubige sind schon lange mit den Christdemokraten unzufrieden, vom Abtreibungsrecht über den Stammzellbeschluss 2007 und die Frauenpolitik bis zur Freigabe der Abstimmung über die gleichgeschlechtliche Ehe. Zudem wurden eine gewisse Protestantisierung der CDU und Merkels Papstkritik 2009 zum Ärgernis für konservative Katholiken. Auch Furcht vor einer "Islamisierung" treibt manche zur AfD. Von deren angeblicher Abendlandverteidigung sollten sich Christen aber nicht blenden lassen.

Frage: Inwiefern?

Püttmann: Die AfD fand in ihren Programmen zu keiner positiven Würdigung der christlichen Gemeinwohldienste. Ihr Menschenbild nennt sie diffus "differenziert". Christentum und Kirche kommen fast nur im antiislamischen Kontext vor. Wenn die AfD in Anspielung auf die Flüchtlingshilfe eine "Willkommenskultur für Ungeborene" fordert, mag das wie Musik in christlichen Ohren klingen. Wesentliche Änderungen der Abtreibungsregelung schlägt sie aber nicht vor. Aus der Geschichte wissen wir, dass auch menschenfeindliche, faschistische Kräfte Abtreibung oder Homosexualität bekämpften. Fraternisieren ist da fehl am Platz.

Frage: Wie vereinbaren christliche AfD-Wähler diese Paradoxien?

Püttmann: Viele sind schlichtweg uninformiert, andere mit Tunnelblick auf nur zwei Themen fixiert, blenden alles andere aus. Einen gewissen Prozentsatz autoritärer Persönlichkeiten gibt es auch unter Christen. Sie nehmen Verstöße gegen Freiheitsrechte anderer gar nicht als solche wahr. Es geht ihnen nur um Ordnung, Sicherheit, Identität – mit sich selbst als Maßstab.

Frage: Gilt das auch für den Arbeitskreis "Christen in der AfD"?

Püttmann: Das ist eine sehr kleine Gruppe, laut SWR-Recherchen etwa 130 Leute, bei 28.000 Parteimitgliedern. Manche übersehen Unchristliches oder glauben immer noch, sie könnten die AfD missionieren oder als Trampolin für ihre Anliegen nutzen. Problematischer ist eine Gruppe christlicher Publizisten und Aktivisten. Sie lassen ihr Verhältnis zur AfD formal im Unklaren, bereiten aber deren Feld durch notorische Stimmungsmache gegen die CDU und AfD-kritische Bischöfe, "die sich als parteipolitische Gouvernanten aufspielen", so Pater Ockenfels. Martin Lohmann beschimpfte Kardinal Woelki im Rechtsblatt "Junge Freiheit" als "knallroten Populisten".

Frage: Andererseits werden die kirchenfeindlichen Stimmen in der AfD lauter.

Püttmann: Beim AfD-Bundesparteitag rief Armin Hampel sogar zum Kirchenaustritt auf. Aber Christen, die ihre Kirchen zu Bütteln des Staates verkommen sehen, kann das nicht schrecken. Es gibt eben illoyale Kirchenmitglieder. Das sind katholischerseits nun gerade diejenigen, die jahrzehntelang auf Loyalität und Gehorsam gegenüber Papst und Bischöfen pochten.

Frage: Hat die katholische Kirche im Umgang mit konservativen Christen auch Fehler gemacht?

Püttmann: Ja. Liberal-reformorientierte Katholiken haben lange eine übermäßige Ausgrenzung der Konservativen betrieben. Insofern ist der Boden, auf dem die AfD jetzt sät, mit bereitet worden. Alle hätte man aber nicht integrieren können.

Frage: Sollte die katholische Kirche die AfD zum Katholikentag einladen?

Püttmann: Es wäre absurd, die weniger radikalisierte AfD von 2016 nicht zum Katholikentag eingeladen zu haben, die weiter nach rechts gerückte von heute aber einzuladen. Man kann ja in den Katholischen Büros mit AfD-Parlamentariern reden, aber so einer Partei auch noch ein kirchliches Podium quasi als Megafon bieten sollte man nicht. Es ist angebracht, die AfD nur mit spitzen Fingern anzufassen.

Frage: Welches Verhältnis hat die Amtskirche gegenwärtig zur AfD?

Püttmann: Kardinal Marx hat 2017 rote Linien der Wählbarkeit markiert: Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Verunglimpfung von Religionen, Gleichgültigkeit gegenüber den Armen, Hassrhetorik. Dahinter kann man nicht zurückgehen ohne Schaden für die eigene Glaubwürdigkeit. Da die AfD nun im Bundestag sitzt, meinen einige Oberpragmatiker, einen Modus Vivendi finden zu müssen. Sie folgen einer Opportunitätslogik, die man dem Episkopat der dreißiger Jahre vorwirft.

Frage: Wie bewerten Sie die Rolle der katholischen Bischöfe?

Püttmann: Gut. Es gibt nur zwei Ausreißer: Bischof Oster prognostizierte jüngst eine "Entkrampfung" im Verhältnis von Kirche und AfD – eine unsachliche, verharmlosende Diktion, als ginge es nur um atmosphärische Störungen. Bischof Voderholzer meinte im Januar 2017 vor "Einmischung in die tagespolitische Debatte" warnen zu müssen. "Hirte sein für alle, auch für die, die sich verirrt haben in krude Auffassungen", bedeute, sie "zurückzugewinnen versuchen" statt ihnen "durch die Verurteilung ganzer Parteien noch einen Fußtritt zu geben". So konterkarierte er die AfD-Kritik von Amtsbrüdern auf unerleuchtete, grobe Weise. Um bloße "Tagespolitik" und "Fußtritte" geht es gegenüber dem Rechtspopulismus nicht.

Frage: Sollten sich die Bischöfe wieder stärker positionieren?

Püttmann: Man kann vertreten, dass das Notwendige bereits gesagt wurde, weiterhin gültig und nicht wiederholungsbedürftig ist. Andererseits liefert die AfD immer neue Provokationen, wie durch die Reden der Abgeordneten Maier vom "Halbneger" und Gauland, der eine deutsche Ministerin mit türkischer Familiengeschichte "in Anatolien entsorgen" wollte. Hier, oder wenn unser Rechtsstaat als Quasidiktatur verleumdet und ein historischer "Schuldkult" beklagt wird, sollten auch mal Bischöfe auf den Plan treten. Noch wichtiger ist es, den eigenen Laden sauber zu halten. Rechtspopulistische Hetzer in der Kirche werden zu wenig zurechtgewiesen.

Frage: Woran liegt das?

Püttmann: Ich denke, dass hier eine gewisse Desensibilisierung und Sorgen um den innerkirchlichen Frieden eine Rolle spielen.

Frage: Vielleicht hoffen die Bischöfe ja, dadurch den einen oder anderen christlichen AfD-Wähler zurückzugewinnen.

Püttmann: Falls das so ist, wird es nicht funktionieren. Trotz aller Skandale hat die AfD eine stabile Wählerschaft. Die Vorstellung, man könne durch Stillhalten und Beschwichtigen dafür sorgen, dass sie sich selbst erledigt, ist hochgradig naiv.