Fünf Millionen Euro für 128 Menschenleben. Auf dieses Urteil hat Monica Oddis jahrelang gewartet. Fünf Millionen, so viel soll Deutschland nach einer italienischen Gerichtsentscheidung als Schadensersatz zahlen. Weil deutsche Soldaten im November 1943 ein Massaker verübten, das 128 Italiener das Leben kostete. Darunter zwei Schwestern, der Schwager und drei Neffen von Monica Oddis’ Großvater. Die Soldaten ermordeten damals in der Nähe des Abruzzendorfs Roccaraso 90 Erwachsene und 38 Kinder, das jüngste war drei Monate alt.

Für die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer klagte die Rechtsanwältin Oddis vor rund drei Jahren auf Entschädigung. Im vergangenen November traf das Urteil ein: "Das Zivilgericht von Sulmona erklärt die Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgerin des Deutschen Reichs für die Ermordung von 128 Personen verantwortlich." Zusätzlich zu den fünf Millionen Euro für die Opfer soll die Bundesrepublik die Gemeinde Roccaraso mit 1,6 Millionen Euro entschädigen. Für die zurückhaltende 44-Jährige war das ein überwältigendes Gefühl: "Wir haben die Klage gegen Deutschland gewonnen!"

Die Vergangenheit ist für die Deutschen so etwas wie eine zweite Gegenwart. Gleich in mehreren europäischen Ländern werden derzeit Forderungen aus einer lange zurückliegenden Zeit erhoben. Dabei dachten die Deutschen, sie hätten das mit der Schuld so gut hinbekommen. So gut, dass sie ein eigenes Wort dafür erfunden haben: Vergangenheitsbewältigung. Zwangsarbeiter aus Osteuropa, KZ-Häftlinge, Juden – Millionen Menschen wurden entschädigt, Mahnmale gebaut, Stolpersteine eingesetzt. Aber vielen Nachkommen der Opfer ist das nicht genug. Dorfbewohner in Italien und Griechenland, Abgeordnete in Polen, Aktivisten in Namibia finden, die Deutschen hätten sich gedrückt. Es geht um Schuld, aber es geht auch um Schulden und sehr viel Geld.

Ein "ganz heißes Eisen" nennt ein deutsches Regierungsmitglied das Thema Reparationen. Derweil wächst in italienischen und griechischen Gemeinden, aber auch in Polen der Zorn auf Deutschland. Zusätzlich zur Wut, die sich in der Euro- und Flüchtlingskrise aufgebaut hat. Auch weil Deutsche wie Kanzler Gerhard Schröder vor Jahren nicht richtig hingehört haben.

Im Jahr 2008 kamen zwei Regisseure nach Roccaraso, um einen Film über das Wehrmachtsmassaker zu drehen. Sie suchten Zeitzeugen und Statisten. Das war zuerst gar nicht einfach. Denn in Roccaraso war die Erinnerung verschüttet. Auch Monica Oddis’ Großvater hatte sein Leben lang nichts erzählt. Die Regisseure wollten die Erschießungen mit Leuten aus dem Ort nachstellen. Für Oddis zunächst ein schräger Plan, aber dann machte sie mit. Nachkommen schlüpften in Wehrmachtsuniformen. Oddis spielte eine Bäuerin, die ihre Kinder gegen die Wehrmacht zu schützen versuchte. Auf einmal fanden sich alle im Roccaraso von 1943 wieder. Fühlten nach, was damals geschehen war. Auch ihre Vergangenheit wurde Gegenwart. "Der Film hat eine jahrzehntelange Stille durchbrochen", sagt Oddis.

Das war ein Anstoß für die juristische Aufarbeitung. Roccaraso steht für ein Motiv der neuen Forderungen an Berlin: die wiederentdeckte Erinnerung. Als auch andere Gemeinden in Italien klagten, stellte die Gemeinde Roccaraso erstmals im Jahr 2011 Anspruch auf Schadensersatz.

Solche Klagen haben in Italien zu großem Streit geführt. Die Regierungen in Rom und Berlin hatten sich vor einem Jahrzehnt geeinigt, vor den Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag zu ziehen. Der sprach 2012 ein Grundsatzurteil: Opfer von Nazi-Verbrechen können vor ausländischen Gerichten nicht auf Entschädigung klagen. Die Staatenimmunität schließe aus, dass ein Staat über einen anderen Staat zu Gericht sitze. Zahlungen müssten, wenn überhaupt, politisch ausgehandelt werden. "Dieses Urteil hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen", sagt Monica Oddis. Doch zwei Jahre später, im Oktober 2014, schöpfte sie neue Hoffnung. Da setzte sich das italienische Verfassungsgericht über den IGH hinweg und ließ Klagen in Italien wieder zu. Auch die von Monica Oddis.

Der Richterspruch aus der italienischen Provinz blieb in Deutschland unbemerkt, aber in Polen machte er Schlagzeilen. Fernseh- und Radio-Stationen führten Interviews mit einem Politiker, von dem bislang nicht viele gehört hatten: Arkadiusz Mularczyk, Abgeordneter der nationalkonservativen PiS-Partei aus dem südpolnischen Nowy Sącz, 46 Jahre alt. Blonder Mittelscheitel, Retrobrille, blaue Krawatte. Er redet langsam, wenn er über Reparationen spricht, bringt die Hände unter Kontrolle, faltet sie wie zum Gebet. Ende November sprach Mularczyk in Breslau darüber, danach in Warschau, im Fernsehen, bei Radio Maryja, einem radikalkatholischen Sender. Er sagte: "Das italienische Gerichtsurteil ist richtig." Deutschland habe auch Polen nach der Wiedervereinigung erpresst – Verzicht auf Reparationen gegen EU-Mitgliedschaft. Damals habe sich die polnische Regierung kaufen lassen. Deutschland sei das reichste Land Europas, "weil es nie die Folgen des Zweiten Weltkriegs geregelt hat". Warschau müsse Reparationen fordern, um die "Zivilisationsverzögerungen" in Polen auszugleichen.