Noch vor wenigen Wochen, im Dezember 2017, schien das Unvorstellbare möglich: ein Ende des Krieges in Syrien – wenn auch um den hohen Preis des Machterhalts von Diktator Baschar al-Assad. Der "Islamische Staat" (IS) ist aus seiner "Hauptstadt" Rakka vertrieben und auf der Flucht; die USA machen erstmals seit Jahren Pläne für die Stabilisierung und den Wiederaufbau in Teilen des Landes; die syrische Opposition hat sich mit enormen Zugeständnissen zu einer neuen UN-Verhandlungsrunde in Genf eingefunden; und auch Wladimir Putin drängte auf eine Befriedung möglichst noch vor den russischen Präsidentschaftswahlen in diesem Frühjahr.

Stattdessen beginnt das Jahr 2018 mit weiteren Giftgaseinsätzen, mit neuer Massenflucht und einer Intervention: Seit Tagen bombardieren türkische Kampfflugzeuge kurdische Stellungen im Nordwesten Syriens, am vergangenen Wochenende sind dort türkische Bodentruppen einmarschiert – und setzen dabei offenbar auch Panzer aus deutscher Produktion ein. "Operation Olivenzweig" heißt der Einsatz. Syrien bleibt das Zentrum der Schlachtfelder und Zynismen im Nahen Osten. Doch tatsächlich birgt die jüngste Krise womöglich auch Ansätze einer künftigen Lösung.

1. Was steckt hinter dem Einmarsch der Türkei in Syrien?

Die türkische Intervention markiert eine neue Phase in Syrien: die des "Krieges nach dem Islamischen Staat". Seit der IS als besiegt gilt und als gemeinsamer Feind bis auf Weiteres entfällt, offenbaren sich die gegensätzlichen geostrategischen Interessen der Partner im "war on terror" umso deutlicher.

Die türkische Regierung ist mit dem syrischen Präsidenten Assad verfeindet und hat auch den Kampf der Amerikaner und ihrer Verbündeten gegen den IS unterstützt, halbherzig. Der Hauptfeind für die Türkei aber ist weder Assad noch der IS, es sind die Kurden. In der Türkei und außerhalb der Türkei. Innerhalb der Türkei bekämpft die Regierung Erdoğan die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, die sie als Terrororganisation einstuft. Und in Syrien betrachtet Ankara den PKK-Ableger PYD (Partei der Demokratischen Union) als akute Bedrohung. Die Vision eines autonomen kurdischen Staatsgebildes auf türkischem Boden oder in unmittelbarer Nachbarschaft in Syrien will die Regierung in Ankara um fast jeden Preis verhindern. Zunehmend alarmiert beobachtete Erdoğan, wie die USA bei ihrer Intervention in Syrien, PKK-nahe kurdische Einheiten als Kern ihrer Bodentruppen gegen den IS ausrüsteten. Auch die Bundeswehr unterstützt die Kurden, dabei handelt es sich jedoch um Peschmerga-Kämpfer im Irak.

Ausgelöst wurde die aktuelle Zuspitzung vermutlich durch eine Ankündigung in Washington Anfang Januar, ebendiese kurdischen Milizen in eine dauerhafte, von den USA koordinierte Truppe von 30.000 Mann zu integrieren. Diese Truppe soll in Ost-Syrien die Grenze zum Irak sichern und flüchtige IS-Kämpfer jagen. Vor allem aber soll sie die dauerhafte Präsenz der USA in Syrien und deren Strategie der Eindämmung gegen den Iran absichern.

Türkische Truppen sind 2016 schon einmal in den Norden Syriens einmarschiert – vordergründig gegen den IS, vor allem aber, um kurdische Einheiten aus Gebieten westlich des Euphrats zu vertreiben. Die aktuelle Intervention birgt weitaus größere geostrategische Risiken. Denn sie richtet sich unverhohlen auch gegen die USA. Bislang liefern sich türkische und kurdische Einheiten Kämpfe in Afrin, dem von Kurden reklamierten Gebiet im Nordwesten Syriens. Danach will die türkische Armee mit ihren Verbündeten auf die kurdisch kontrollierte Stadt Manbidsch vorrücken. Dort aber operieren US-Soldaten. Ziehen die sich nicht zurück, könnte es zu Kampfhandlungen zwischen zwei Nato-Ländern kommen.

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