Die Vereinten Nationen haben sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 die extreme Armut zu beseitigen. Niemand soll dann mehr von weniger als knapp zwei Dollar am Tag leben müssen. Ginge es nach der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam, würden sich die UN ein weiteres Ziel setzen: die Beseitigung des extremen Reichtums.

Das ist kein Scherz, sondern eine der Forderungen, die Oxfam Anfang dieser Woche in einem Bericht über die weltweite Kluft zwischen Arm und Reich erhoben hat. Der Vorschlag hat etwas populistisches, weil er eine einfache Lösung für ein komplexes Thema suggeriert. Und er ist weit davon entfernt, von den UN aufgegriffen zu werden. Aber völlig absurd ist die Idee nicht. Denn eines stimmt ja: Zu dem geradezu monströsen Wohlstandsgefälle auf der Welt gehören neben den armen Massen auf der einen Seite auch die Ultrareichen auf der anderen. Oxfam veröffentlichte Anfang dieser Woche eine Berechnung, derzufolge 42 Super-Vermögende so viel besitzen wie 3,7 Milliarden andere Menschen – nämlich die komplette ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Man darf die Zahl 42 nicht genau nehmen, die statistischen Daten sind wackelig. Im vergangenen Jahr waren Oxfam zufolge bloß acht Menschen so vermögend wie die halbe Welt. Aufgrund neuer Daten sei diese Zahl nicht mit der heutigen vergleichbar, erklären die Kampagnenmacher. Ob nun aber acht, 42 oder 100 extrem Reiche so viel Vermögen angehäuft haben wie die halbe Erdbevölkerung, ist egal. Tatsache ist, dass sich in den Händen einiger weniger unglaublicher Reichtum ballt. Das Gefälle zwischen den globalen Habenichtsen und den Fastalleshabenden ist obszön.

Dass dieses Gefälle gerecht wäre oder auch nur ökonomisch effizient, kann man mit guten Gründen bezweifeln. Und zwar nicht nur in Bezug auf die Armut, sondern eben auch in Bezug auf den Reichtum. So hat Oxfam zufolge einer von drei extrem Reichen nicht nur von eigenen Leistungen profitiert, sondern von großen Erbschaften. Dazu gehört etwa die Deutsche Susanne Klatten, die BMW-Aktien im Wert von Milliarden erbte.

Ein Teil des Extremreichtums lässt sich auch darauf zurückführen, dass Unternehmer zeitweilig ein Monopol oder eine marktbeherrschende Stellung ausgenutzt haben. Als Beispiel dafür nennt Oxfam den Milliardär Carlos Slim, der lange Zeit den Telekommunikationsmarkt in Mexiko monopolartig kontrolliert habe. Tatsächlich kritisierte die OECD schon 2012, in Mexiko beherrsche eine Firma diesen Markt. Durch zu hohe Preise und zu wenig Investitionen sei der Volkswirtschaft ein Schaden in Höhe von 129 Milliarden US-Dollar entstanden. So deutlich wird selten der Preis für mangelnden Wettbewerb benannt.

Die Liste der 42 extrem Reichen enthält viele Namen, die mit einer mindestens zeitweilig marktbeherrschenden Stellung eines Unternehmens verbunden sind: Bill Gates, Steve Ballmer, Paul Allen (alle Microsoft), Larry Page und Sergey Brin (Google), Mark Zuckerberg (Facebook) und Jeff Bezos (Amazon). Sie alle haben zweifellos viel geleistet. Aber sie verdanken ihre Vermögen auch einer problematischen Dominanz einzelner Firmen in bestimmten Märkten. Selbst das liberale britische Magazin The Economist plädierte jüngst dafür, die Marktmacht von Google, Facebook und Amazon zu beschränken. Das sei nötig, um den Wettbewerb zu erhalten und um zu verhindern, dass ihre Aktionäre in den kommenden Jahrzehnten weiter "Monopol-Renditen" einstrichen.

Marktmacht und extreme Vermögenskonzentration sind zwei Seiten einer Medaille. Insofern könnte ein traditionelles Instrument der Ökonomie – mehr Wettbewerb – dazu beitragen, die Ungleichheit zu verringern. Ein weiteres Mittel wären Steuern. Oxfam beziffert die Summe, die das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung durch Steuervermeidung spart, auf 200 Milliarden Dollar pro Jahr. Auch das ist keine exakt berechnete Zahl. Sie passt aber zu der Erfahrung, dass gerade die großen Technologiefirmen auch großen Erfindungsreichtum beim Nutzen von Steuerschlupflöchern beweisen. Bei der Besteuerung von Erbschaften begünstigen zudem einige Staaten wie Deutschland Unternehmenserben, obwohl das selbst konservative Ökonomen kritisieren.

Extremer Reichtum geht neben ökonomischer Macht oft mit politischer Macht einher. Das spricht dafür, die Konzentration von Vermögen zu begrenzen. Ein förmlich beschlossenes Ziel – etwa: "Halbierung des extremen Reichtums bis zum Jahr 2030" – erscheint abwegig. Aber der weiteren Ballung ungeheurer Vermögen entgegenzuwirken ist nötig.

Klar ist auch: Damit ist noch keiner armen Familie in Afrika geholfen. Am oberen Ende der Verteilung etwas zu ändern löst die Probleme unten nicht. Dort ist die Situation bekannt: Während China und Indien die Globalisierung nutzen, um die Armut schrittweise zu überwinden, kommen viele Staaten Afrikas nicht vom Fleck. Instabile politische Systeme, korrupte Eliten, Bürgerkriege, unzureichende Bildung, mangelnde Gesundheitsversorgung und vieles mehr machen es schwer, der Armut zu entrinnen. Der Kampf dagegen muss weitergehen – genauso wie es richtig wäre, eine weitere Konzentration des Reichtums zu bekämpfen.