In einem arabischen Restaurant in Berlin-Mitte treffen sich vier Männer, die ein besonderer Vorname verbindet. Der Schauspieler Mohamed Achour, 38, ist aus Köln angereist. Der syrische Rapper Mohammad Abu Hajar, 31, hatte es nicht weit, er wohnt in Berlin. Genau wie Mohamad Hajjaj, 31, der Berliner Landesvorsitzende des Zentralrats der Muslime. Und dann ist da noch Ari Dillmann, 39. Er hieß früher Mohamad Khidir Mohamad und arbeitet als Friseur in München. Der Schauspieler bestellt Bier, der Rapper Anisschnaps, der Friseur Weißwein und der Mann vom Zentralrat einen Tee mit Minze. Die Getränke sind noch nicht serviert, da diskutieren schon alle.

Mohamed Achour: Mich interessiert total, was ihr für Geschichten mit eurem Namen erlebt habt. Ob die ähnlich sind wie meine oder nicht.

DIE ZEIT: Reden Sie sonst nicht über die Erfahrungen mit Ihrem Namen?

Achour: Schon, aber nicht mit anderen Mohammeds. Es gibt einen Theaterabend, da spreche ich einen Monolog, in dem es um den Namen geht. Auf der Bühne stehen Gläubige verschiedener Religionen – und drei, vier Schauspieler, die die säkulare Welt repräsentieren. Ich bin auf der Bühne und im Leben irgendwie dazwischen. Ich bin zwar nicht gläubig, aber ich bin halt Mohamed.

Mohamad Hajjaj: Der Name kann eine Bürde sein.

Achour: Bist du gläubig?

Hajjaj: Ja, ich bin Landesvorsitzender des Zentralrats der Muslime in Berlin. Aber ich wurde nicht gläubig erzogen. Erst in Deutschland wurde ich religiös, das war so eine Art Identitätssuche, ein Empowerment.

"Viele denken: Mohammed ist Muslim, gewalttätig, frauenfeindlich und antisemitisch" (Mohammad Abu Hajar, 31, Rapper) © Gene Glover für DIE ZEIT

Achour: Wo bist du geboren?

Hajjaj: In einem Flüchtlingslager im Libanon. Als ich fünf war, kam ich nach Deutschland. Ich habe Abitur gemacht, studiert, und jetzt leite ich eine Antidiskriminierungsorganisation in Berlin-Wedding.

ZEIT: Mohammed ist der häufigste Name der Welt.

Hajjaj: Mohammed und alle seine Variationen: Mahmut, Mustafa, Hamada ...

ZEIT: Wie geht es Ihnen damit, Mohammed zu heißen?

Hajjaj: Gut. Obwohl ich weiß, und da gibt es auch Studien, dass Menschen mit muslimisch klingenden Namen häufig diskriminiert werden, auf dem Wohnungsmarkt etwa. Mohamad zu heißen, für mich ist das ein Kampf um Anerkennung.

ZEIT: Wie ist es mit den anderen?

Abu Hajar bittet um stilles Wasser, um seinen Anisschnaps zu mischen.

Mohammad Abu Hajar: Ich bin in Syrien aufgewachsen, habe also 25 Jahre im Nahen Osten gelebt. Die Hälfte meiner Klasse hieß Mohammed! Als Kind nervt das. Später hat der Name genervt, weil ich Atheist bin. Alle fragten: Mohammad, betest du? Mohammad, du trinkst? Mohammad, du isst während des Ramadan? Challas! Es reicht! Ich wollte den Namen loswerden.

ZEIT: Und heute?

Abu Hajar: Ich kam vor zwei Jahren nach Deutschland. Hier bin ich plötzlich für alle Mohammad, der Muslim, egal, wie viel ich trinke. Als ich im Krankenhaus war, habe ich den Leuten gesagt: Ich bin Mohammad, aber nicht der, der du glaubst. Und sie haben mir trotzdem kein Schweinefleisch gegeben. Ich dachte: Ich will mein Steak!

Hajjaj: Das ist ein guter Punkt. Es geht gar nicht um tatsächliche Religiosität, sondern um zugeschriebene. Wer Mohammed heißt, hat religiös zu sein. Im Grunde ist das rassistisch.

Abu Hajar: Ich würde den Namen gern vom Islam loslösen. Mohammed hieß so, bevor er Prophet wurde. Der Name ist also nicht islamisch, sondern arabisch. Und Arabersein ist Teil meiner Kultur.

Die Vorspeisenteller kommen: Hummus, Taboulé, gefüllte Weinblätter. Alle vier, egal, ob in Deutschland geboren, im Irak oder in Syrien, sprechen Arabisch mit dem Kellner.

ZEIT: Herr Dillmann, Sie haben den Namen Mohamad abgelegt.

Ari Dillmann: Ich bin in Nadschaf im Südirak geboren. Da als Mohamad aufzuwachsen war nicht einfach. Denn einen in Nadschaf geborenen Mohamad gibt es nicht. Dort heißt man entweder Ali oder Hussein oder Hassan.

Achour: Weil dort Schiiten leben, für die Ali der Nachfolger Mohammeds ist.

Dillmann: Genau. Mit 17 zog ich in den Iran. Mohamad aus Nadschaf – die Leute dachten, ich sei ein Agent. Vom Iran bin ich in die Türkei. Dort hieß es: Mohamad? Nein, ab heute heißt du Mehmet. Dann in Griechenland: kein Bedarf an Mohamads. In der Schweiz, in Deutschland, immer dasselbe: Ich kriegte keine Jobs.

Hajjaj: Und deshalb hast du deinen Namen geändert?

Dillmann: Ja.

"Warum diese religiösen Namen?"

ZEIT: Heute wohnen Sie in München. In einem Interview haben Sie gesagt, dass dort mit einem Mohammed niemand in den Biergarten geht. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Dillmann: Doch, ist so. Deshalb habe ich meinen Namen irgendwann verheimlicht. Keiner meiner Freunde wusste, dass ich Mohamad heiße. Für den einen hieß ich Alex, für den anderen Martin ...

ZEIT: Sie haben sich auf einer Datingplattform Robin genannt und so Ihre Frau kennengelernt. Warum Robin?

Dillmann: Das war spontan. Bei unserem zweiten Treffen habe ich meinen Ausweis auf den Tisch gelegt. Sie hat gesagt: Du hast mich belogen. Ich habe gefragt: Wärst du denn gekommen? Sie hat überlegt: Nein. Dann hat sie mich sofort nach meinen Ansichten befragt. Ich habe gesagt: Schau mal, da ist mein Schrank voller Wein. Ich esse Schweinefleisch. Ich habe mit der Sache nichts zu tun.

Hajjaj: Ist Assimilation wirklich die Lösung des Problems?

Dillmann: Für mich ja.

Hajjaj: Der Rassismus in der Gesellschaft ist dann aber immer noch da. Und du akzeptierst das, indem du dich ihm beugst.

Dillmann: Wieso gibt es überhaupt so viele Mohammeds? Wenn der Mann so heilig ist, dann reserviert den Namen doch für ihn!

"Wieso gibt es so viele Mohammeds? Wenn der Name so heilig ist, reserviert ihn doch für ihn!" (Ari Dillmann, 39, Friseur) © Gene Glover für DIE ZEIT

Abu Hajar: Hier in Deutschland stelle ich mich immer mit Vornamen vor: Ich heiße Mohammad, ich habe eine eigene Persönlichkeit, und gleich zeige ich sie dir. Ich werde meinen Namen nicht ändern. Du musst mich akzeptieren. Das hier soll doch eine moderne, kosmopolitische Gesellschaft sein, oder? Aber viele denken: Mohammed ist Muslim, gewalttätig, frauenfeindlich und antisemitisch. Bei Paolo ist das anders. Paolo kann vegan sein.

Achour: Wie heißt du jetzt eigentlich?

Dillmann: Ari.

Hajjaj: Warum nicht Wolfgang?

Dillmann: Ich bin kein Deutscher. Ari ist ein typisch kurdischer Name. Ich hieß vorher ja doppelt Mohamad: Mein Vorname war Mohamad, mein Nachname war Mohamad. Und meine Kinder hießen auch so mit Nachnamen! Ich wollte nicht, dass sie erleben, was ich erlebt habe.

ZEIT: Passt man sich vollkommen an, wenn man seinen Namen ändert? Wie sehen Sie das, Herr Achour?

Achour: Ich glaube, ja. Du, Ari, gehst dem Konflikt aus dem Weg und willst nicht warten, dass die Gesellschaft sich ändert. Was völlig legitim ist. Ich persönlich finde es aber wichtig, den Kampf anzunehmen, genauso wie den Namen – weil er zu mir gehört.

Dillmann: Verzeihung, der Name gehört Muslimen. Nicht mir. Egal, wo ich hingehe, ins Hotel, zur Bank, immer muss ich den Namen vorzeigen. Und wenn du gerade noch fünf Sterne an der Schulter hattest, fallen in diesem Moment vier davon ab. Wie lange soll ich das ertragen? Für mich ist ein Name wie ein Kleidungsstück.

Hajjaj: Das heißt, wenn er dir nicht gefällt, ziehst du ihn aus.

Dillmann: Richtig! Dieser Name passt mir nicht. Wieso hängt ihr so an eurem Namen?

Abu Hajar: Wenn ich akzeptiere, dass sie Mohammed hier nicht mögen, akzeptiere ich, dass sie Jesus in Syrien nicht mögen. Ari, manche Kurden in Syrien müssen ihre Namen verleugnen. Eine Zeit lang waren kurdische Namen ganz verboten. Und wir haben dagegen gekämpft.

Hajjaj: Wenn du deinen Namen änderst, akzeptierst du Rassismus.

"Mohamad zu heißen, das ist für mich ein Kampf um Anerkennung" (Mohamad Hajjaj, 31, Jurist) © Gene Glover für DIE ZEIT

Dillmann: Ich akzeptiere Rassismus nicht. Aber warum diese religiösen Namen? Wieso?

Achour: Das ist doch in Deutschland nicht anders, die heißen auch Matthias und Lukas.

Dillmann: Aber hier ist das nicht mehr religiös. Wer geht in Deutschland noch in die Kirche?

Achour: Das ist auch einfach Tradition.

Dillmann: Tradition! Aber bei uns ist es Liebe zu Mohammed.

Hajjaj: Auch Mohammed ist Tradition! Ich wurde nach meinem Großvater benannt. Das ist bei den meisten Arabern so. Hätte man mich als Zehnjährigen gefragt: Wer ist Mohammed?, hätte ich gesagt: Keinen Plan, mein Opa.

Abu Hajar: Alle meine Brüder haben säkulare Namen. Ich sollte eigentlich Fedi heißen. Ein paar Monate vor meiner Geburt ist mein Großvater gestorben. Dann wurde ich nach ihm benannt.

ZEIT: Denken Sie manchmal, verdammt, Fedi wäre besser gewesen?

Abu Hajar: Früher ja. Aber um in Syrien deinen Namen zu ändern, musst du deinen Vater verklagen. Das wollte ich meinem nicht antun. Er saß sechs Jahre als politischer Gefangener in Assads Gefängnis.

"Ich würde mich Horst nennen"

ZEIT: Was passiert, wenn man sich in Deutschland als Mohammed vorstellt? Wie reagieren die Leute?

Hajjaj: Ich war mal bei einer Vorlesung über Martin Luther, mit Kapuzenpulli und Käppi und habe mich vorgestellt: Mein Name ist Mohamad Hajjaj, ich habe eine Frage an den Professor. Er war total perplex, dass jemand, der so aussieht wie ich, der so heißt wie ich, auf so einem Niveau mit ihm diskutieren kann. Ihm sind die Worte im Hals stecken geblieben. Ich weiß nicht, ob ich das positiv aufnehmen soll oder nicht.

Dillmann: Wie viele Mohammeds beschäftigen sich mit Martin Luther?

Hajjaj: Ich glaube, sehr viele.

Dillmann: Ich glaube, sehr wenige.

Hajjaj: Wie viele Martins beschäftigen sich damit?

ZEIT: Herr Achour, welche Mohammed-Momente haben sich bei Ihnen eingeprägt?

Achour: Mein ganzer Eintritt in den Beruf. Vor der Schauspielschule war ich Deutscher. Ich bin in München geboren, in Hannover aufgewachsen. Dann bin ich nach Leipzig gezogen. Die Schauspiel-Dozenten haben mir geraten, meinen Namen zu ändern. Du wirst es schwer haben, sagten sie. Mein erstes Gespräch mit dem Intendanten des Kölner Theaters ging so los: Hallo, Ahmed! Ich war perplex. Monate später dann bei einer Probe: Ahmed, kommst du mal nach vorne? Ahmed, stell dich mal ins Licht. Ahmed, und jetzt sag deinen Text. Das hat mich so gelähmt, ich konnte nicht sagen: Ich heiße Mohamed!

Hajjaj: Hast du dich für deinen Namen geschämt?

"Ich habe natürlich Vorurteile. Aber wegen eines Namens? Das ist mir zu simpel" (Mohamed Achour, 38, Schauspieler) © Gene Glover für DIE ZEIT

Achour: Ich hab mich dafür geschämt, dass mich das überhaupt berührt. Es könnte natürlich auch sein, dass es einfach eine Verwechslung war, so wie Peter statt Jens. Aber bei mir hat das wahnsinnig viel aufgemacht. Ali und Ahmed, so hat man uns – dieses vermeintliche uns – in den Achtzigern und Neunzigern genannt. Und auf diese Taste des Fremdfühlens hat das natürlich gedrückt.

ZEIT: Hatten Ihre Dozenten Sie also zu Recht gewarnt?

Achour: Die klassischen Theaterrollen gibt es nicht für Mohammed. Und im Fernsehen ist es eh klar: Mohammed ist der Kioskmann, der Obstverkäufer, der kleine Muck. Inzwischen darf ich manchmal akzentfrei sprechen. Vielleicht ist der einzige Weg für jemanden wie mich, akzeptiert zu werden, wenn mir mal erlaubt würde, einen Nazi zu spielen. Dann wäre ich komplett drin im Alman-Game.

ZEIT: Haben Sie als Mohammeds eigentlich Spitznamen?

Hajjaj: Es gibt im familiären Bereich eine klassische Abkürzung, Hamudi.

Achour: Aber das erzählst du keinem.

Hajjaj: Hamudi, das ist so was wie Mohammedchen, eine Verniedlichung. Und dann gibt’s noch Hamada, je nach Land. In Ägypten sagt man auch Midu.

ZEIT: Und in Deutschland?

Hajjaj: Hier sagen einige Mo.

Achour: Das finde ich so ätzend. Wenn mich jemand Mo nennt, sage ich: Ich bin doch keine Comicfigur oder so ein cooler Dude, der um die Ecke biegt.

ZEIT: Kann Mohammed sexy sein als Name?

Abu Hajar: Eher in Deutschland als in Syrien. Hier gibt es viele Migrantenliebhaber. Die lieben dich, gerade weil du Mohammed heißt.

Achour: Gegenfrage: Was ist ein sexy Name?

Hajjaj: Juan.

ZEIT: Haben Sie Vorurteile gegenüber Kevins?

Hajjaj: Ich kenne Leute, die Kevin heißen, ich hab kein Problem mit denen.

Achour: Ich hab natürlich Vorurteile, wie jeder Mensch. Aber wegen eines Namens? Das ist mir zu simpel.

ZEIT: Wenn Sie sich einen deutschen Namen aussuchen müssten, welchen würden Sie nehmen?

Dillmann: Oliver.

ZEIT: Warum?

Dillmann: Gefällt mir einfach.

ZEIT: Haben Sie sich schon mal Oliver genannt?

Dillmann: Klar, auf meiner Flucht, in Griechenland.

Abu Hajar: Ich würde mich Horst nennen. Weil ich dann auch diskriminiert würde, aber weil ich so weiß und alt bin. Im Integrationskurs muss ich manchmal Briefe schreiben und mir Namen ausdenken. Dann nehme ich immer Horst und Alfredine.

Hajjaj: Ich mag die klassischen Namen: Alexander, Johannes, Michael.

Achour: Ich würde mich Hermann nennen. Deutscher geht’s schon fast nicht. Es gibt dieses Drama von Kleist, Die Hermannsschlacht, das ist so ein deutscher Urmythos.

"Identifikation mit dem Aggressor"

Hajjaj: Das war die Schlacht am Teutoburger Wald, da hat Arminius, oder eben: Hermann, die Römer geschlagen.

Achour: Der ist schon wichtig, der deutsche Hermann.

ZEIT: Das klingt alles sehr ironisch.

Achour: Ja, natürlich, die Frage kann ich nicht unironisch beantworten. Ich kann mir keinen deutschen Namen aussuchen und mich damit gut fühlen.

Dillmann: Hast du wirklich nie über einen anderen Namen nachgedacht?

Achour: Vielleicht als Kind. In meiner Jugend habe ich mich extrem gegen alles Arabische gewehrt. Klassische Assimilation.

ZEIT: 2016 war Elias der beliebteste Jungenname in Deutschland. Wie finden Sie den?

Hajjaj: Ich wollte meinen Sohn Elias nennen, meine Frau ist gerade schwanger. Aber sie sagt: Nein, jeder Zweite nennt seinen Sohn so. Jetzt wird er vielleicht Noah heißen.

ZEIT: Wie heißen Ihre Kinder, Herr Achour?

Achour: Edith und Josef.

ZEIT: Das ist sehr deutsch.

Achour: Auf jeden Fall – Identifikation mit dem Aggressor. Wenn jemand sagt, ich nenne meine Kinder Ali und Aisha, finde ich das bewundernswert. Aber ich selbst möchte das nicht. Außerdem habe ich eine deutsche Frau.

ZEIT: Wie heißen Ihre Kinder, Herr Dillmann?

Dillmann: Evin und Elin, das sind kurdische Namen.

Achour: Schön!

ZEIT: Haben Sie Kinder, Herr Abu Hajar?

Abu Hajar: Nein. Sie würden aber Horst und Alfredine heißen.

Achour: Dann verklagen sie dich!

Abu Hajar: Oder ein Mix aus beiden Sprachen, so was wie Asil Silke. Ein Doppelname.

Achour: Darüber habe ich auch nachgedacht, aber ich bin so weit entfernt von der arabischen Kultur. Andererseits auch nicht, weil sie mir immer von anderen auferlegt wird.

Abu Hajar: Deswegen sind wir ja auch gerade hier.

ZEIT: Herr Hajjaj, Sie sind der Einzige in der Runde, der religiös ist. Tragen Sie den Namen nicht auch mit Stolz?

Hajjaj: Ich weiß nicht, ob man einen Namen mit Stolz tragen kann, ich habe ja nichts für ihn getan.

ZEIT: Anders gefragt: Sind Sie froh, den Namen des Propheten zu tragen?

Hajjaj: Das ehrt einen. Ich setze generell einen hohen moralischen Anspruch an mich selbst, das könnte unterbewusst auch mit meinem Namen zu tun haben.

ZEIT: Bezieht jeder Mohammed den historischen Mohammed irgendwann in sein Leben ein?

Abu Hajar: Ich habe viel über ihn gelesen, aber nicht wegen meines Namens. Die anderen wissen das vielleicht: Man spricht den Namen des Propheten auf Hocharabisch und den aller anderen Mohammeds umgangssprachlich aus – das klingt unterschiedlich. Deswegen ist mein Name für mich gar nicht so eng mit der historischen Figur verbunden.

Der Kellner will die Vorspeisen abräumen. Aber die Teller sind noch voll. Nach einer längeren Unterredung auf Arabisch geht er wieder.

Abu Hajar: Ich glaube, wir müssen hier langsam raus.

ZEIT: Wie war das für Sie am 11. September, als Sie gehört haben, dass der Attentäter Mohammed heißt?

Achour: Im Prinzip ging es da los, dass ...

Hajjaj: ... aus Ausländern Muslime wurden.

Achour: Man hatte einen neuen Feind gefunden. Und heute ist die Stimmung in Deutschland aufgeheizt.

Dillmann: Vom 11. September an hatte ich jeden Tag Kunden, die zum Haareschneiden kamen und fragten: Wie ist das jetzt mit Saddam Hussein im Irak? Unterstützt er den Terrorismus oder nicht?

Achour: Das ist das Allermühsamste.

Hajjaj: Diese Sippenhaft.

Achour: Manchmal ist das echtes Interesse, manchmal Tollpatschigkeit, manchmal latenter Rassismus.

Dillmann: Die dachten: Dieser Friseur, zu dem gehe ich seit Jahren, und haben sich getraut zu fragen. Das ist auch okay. Aber 15 Kunden am Tag?

ZEIT: Haben Sie sich eine Antwort zurechtgelegt?

Dillmann: Ich habe immer gesagt: Ich habe keinen Fernseher.

ZEIT: Ist es mit dem Erfolg der AfD schwieriger geworden, in Deutschland Mohammed zu heißen?

Dillmann: Kann ich nicht beurteilen.

Achour: Stimmt, du bist ja raus! Das ist geil. Aber soll ich euch sagen, was viel schlimmer war? Köln war viel schlimmer.

Dillmann: Die Sache mit dem Hauptbahnhof.

Achour: Danach im Supermarkt in der Schlange zu stehen und eine Frau anzugucken war nicht möglich, ohne die ganze Zeit zu denken: Ach du Scheiße, was denkt die jetzt, was ich für ein Typ bin? Vielleicht war das in anderen Städten anders.

Abu Hajar: Es ist in Berlin genauso, glaub mir.

"Ich bin Deutscher und heiße Mohamed"

Achour: Das ist ein Narrativ, das die Rechten füttern: der orientalische Mann, der nicht fähig ist, seine Sexualität zu kontrollieren. Uns Muslime sehen die Leute als die anderen. Uns Muslime sag ich schon, guck mal, ich bin ja gar kein Muslim.

Der Kellner kommt wieder und mustert die halb vollen Teller, er wirkt ungeduldig.

ZEIT: Herr Dillmann, es war sehr schwierig, den Namen Mohamad loszuwerden. Wie genau lief das?

Dillmann: Als ich zu den Behörden ging, haben sie mich anfangs immer weggeschickt. Eines Tages liest dann ein Kunde den Spiegel, während ich seine Haare schneide. Da ist ein Bild von Willy Brandt. Er sagt: Der hat auch seinen Namen geändert. Ich bin zum Standesamt und habe gesagt: Willy Brandt konnte seinen Namen ändern, warum ich nicht?

ZEIT: Willy Brandt wurde als Herbert Frahm geboren.

Dillmann: Die haben dann gesagt: Der war Bundeskanzler. Und ich: Ich bin Friseur. Ich war in jeder freien Minute dort, die kannten mich alle. Und immer haben sie mir die Tür gezeigt. Alex, Michael oder Thomas hätten es bestimmt leichter gehabt.

Hajjaj: Nein, nein, ist nicht so. Ich habe Jura studiert. Du brauchst einfach einen plausiblen Grund.

Dillmann: Dann hatte ich einen Schlaganfall und konnte kaum mehr sprechen. Eines Tages bin ich auf dem Standesamt zufällig dem Leiter in die Arme gelaufen. Bis ich Hallo sagen konnte, hat es fünf Minuten gedauert. Ich habe einen Zettel genommen und angefangen zu schreiben. Er ging mit mir in sein Büro. Ich habe geschrieben und geschrieben. Er stand auf und sagte: Unmöglich ist es nicht. Da bin ich zusammengebrochen. Wie ein Kind. Das war eine Hoffnung! Mit einem Anwalt hat es dann geklappt. Nach acht Jahren.

Abu Hajar: Acht Jahre? Allahu Akbar!

Achour: Und was hat dir das gebracht?

Dillmann: Ich fühle mich wie neu, wie neu! Entschuldigung, dass ich das hier mit Herz und Seele erzähle.

Abu Hajar: Die deutsche Bürokratie ist für mich Grund genug, meinen Namen nicht zu ändern.

Dillmann: Das Problem war auch: Die wollten Mohamad eindeutschen.

Achour: Und was wäre das dann?

Dillmann: Ich weiß nicht, Mohamadmann? Das hat Monate gedauert.

Hajjaj: Es geht darum, dass Mohamad akzeptiert wird!

Achour: Und die Frage ist, wie man das erreicht. Ich glaube, nicht darüber, dass man sich als Opfer von Rassismus labelt, sondern dass man versucht ...

Hajjaj: ... sich zu empowern!

Achour: Genau. Man muss Selbstbewusstsein entwickeln.

Dillmann: Oder wir müssen anders auftreten. Wir kommen hierher, der Arbeitgeber überlegt sich: Lassen die sich im Ramadan alle krankschreiben?

Hajjaj: Unserem Verband gehören zehn muslimische Gemeinden an. Nicht ein Einziger hat sich jemals krankschreiben lassen im Ramadan.

Dillmann: Ich kenn keinen, der das nicht tut. Es ist so: Wenn man in einem Haus lebt, gibt es bestimmte Regeln. Ganz einfach.

Abu Hajar: Wenn mir diese Regeln nicht passen, werde ich sie nicht akzeptieren.

ZEIT: Sie haben die bayerischen Integrationswerte ziemlich gut verinnerlicht, Herr Dillmann.

Achour: Das ist schon übertrieben, Ari. Du verkennst einen Teil deiner selbst.

Dillmann: Ich war immer mit meinen Ansichten allein. Auch jetzt, ich habe keinen Kontakt zu meiner Familie wegen der Namensänderung. Danach standen Salafisten vor meinem Laden, die Zeitungsartikel über mich gelesen hatten. Ich musste meinen Facebook-Account löschen, weil ich so viel Hass abbekommen habe.

Hajjaj: Suchst du den Kontakt zu deiner Familie?

Dillmann: Ja, aber meine Familie erwartet, dass ich jeden Tag in die Moschee gehe. Das will ich nicht.

Der Kellner beginnt jetzt einfach, den Tisch abzuräumen.

Hajjaj: Man muss die Akzeptanz für Vielfalt schärfen. Das Problem ist doch: Wir wollen Einfalt in Deutschland.

Achour: Aber die Idee von Vielfalt ist doch gescheitert. Wenn man jetzt so marketingmäßig denkt ...

Hajjaj: Deutschland war immer ein Vielvölkerstaat. Auch wenn das manche nicht gerne hören.

Abu Hajar: Ich finde, irgendwann muss Mohammed ein deutscher Name werden. Solange die Leute, die Mohammed heißen, Deutsche sind.

Achour: Ich bin Deutscher und heiße Mohamed.