"Viel passiert zu allen Zeiten in der Welt der Kleinigkeiten. Stimmt bald ernst und stimmt bald heiter. So, nun gehe, bitte, weiter." Diese abgewandelte Sentenz von Joachim Ringelnatz ist das Erste, was der Reisende zu sehen bekommt, wenn er im sächsischen Wurzen den Zug verlässt und in die Bahnhofsunterführung hinabsteigt – als Graffito neben einem Kutter des berühmten Ringelnatz-Seemanns Kuttel Daddeldu, in Blau, Grün, Gelb. Man fühlt sich hier gut aufgehoben.

Die Schlagzeilen allerdings, für die Wurzen in jüngster Vergangenheit sorgte, zeichnen kein derart heiteres Bild. In den vergangenen Wochen ist viel "ernst Stimmendes" passiert: Mitte Januar war es im Bahnhofspark zu blutigen Zusammenstößen zwischen Asylbewerbern und rechten Einheimischen gekommen. Mal wieder. Asylsuchende seien bepöbelt und bis in ihre Unterkunft verfolgt worden, worauf sie sich mit Messern zur Wehr gesetzt hätten. Zwei junge deutsche Männer mussten später aufgrund ihrer Verletzungen im Krankenhaus behandelt werden. Diese Stadt ist noch immer kein wirklich lebenswerter Ort für Migranten.

Trotz Gegenmaßnahmen: So rief die Stadt im vergangenen Jahr Wurzener und Asylbewerber zu Diskussionen an einen Tisch. Obwohl Letztere fernblieben, machte manch Einheimischer davon lebhaften Gebrauch, "mal alles sagen zu dürfen", so ganz "ohne Scheuklappen". Eine weitere Diskussion über Sorgen und Ängste. Mit der Zeit erinnern solche Gesprächsanlässe lose an Udo Lindenbergs Wozu sind Kriege da?. Mittlerweile könnte man fast sagen: "Noch bevor sie sich kennenlernen, reden sie sich tot."

Für manchen Einwohner ist das Maß längst voll, niemand will rechts sein, die Stadt tut einiges für ein weltoffenes Image, und überhaupt will man endlich seine Ruhe. Aber die will sich partout nicht einstellen. Denn auch auf die jüngsten Messerstechereien folgte am vergangenen Samstag eine Anti-Gewalt-Demonstration im Bahnhofspark, die friedlich blieb – mit viel Polizeiaufgebot und, ja, auch ein paar baseballschlägerbewehrten Glatzköpfen.

Tatsächlich kann man an viel "heiter Stimmendes" denken, wenn die kleine Domstadt erwähnt wird, die nur 30 Kilometer von Leipzig entfernt an der B 6 liegt. Wer mal an einem Frühsommernachmittag in die Türmerwohnung der Stadtkirche St. Wenceslai hinaufsteigen darf und einen Blick über die Stadt und ins Wurzener Land hineinwagt, der wird angetan sein von dem malerischen Städtchen, der sanften Hügellandschaft. Unten, in der Stadt, finden sich interessante und interessierte Gesprächspartner, die einem jede Menge erzählen können zu dem wohl gewichtigsten Pfund des Ortes – dem Geburtshaus von Joachim Ringelnatz, der hier 1883 als Hans Gustav Bötticher geboren wurde. Diesem unvergleichlichen Hansdampf in allen Gassen, der uns das vielleicht heiterste, melancholischste und zärtlichste Vermächtnis hinterlässt, das die Kunst Anfang des letzten Jahrhunderts zu bieten hatte. Ringelnatz rechtfertigt noch immer jeden Wurzen-Besuch.

Irgendwie aber bleibt bei alldem ein großes Fragezeichen stehen. Die Geistesferne einer verlässlich agierenden Neonazi-Szene neben einem lokalen Kulturbetrieb, der festhält an dem Haudegen Ringelnatz, das will nicht recht zusammenpassen. Aber auch das mit dem Festhalten ist bisweilen nicht so einfach. Vor etwa zwei Jahren noch zog die Stadt zum Beispiel in Betracht, das Ringelnatz-Haus aus Einsparungsgründen zu verkaufen. Wurzen sei mit einer solchen nationalen Begegnungsstätte "finanziell überfordert".

Als ich dies damals las, überfiel mich die Angst. Hier war ich besorgte Bürgerin: Besorgt darüber, dass die Zunft derer weiter wachse, die ernsthaft daran glauben, dass alles, was im Leben zählt, man auch zählen können müsse.

Ich hielt es für eine unkluge Idee, das Haus veräußern zu wollen. Für mich war die versuchte Erhaltung des Ringelnatz-Hauses das eindrücklichste Signal gegen rechts, das eine Stadt zu setzen imstande war. Einem Dichter, den die Nazis als frivol und entartet betrachteten, dem sie ein Auftrittsverbot erteilten, selbstverständlich die Erinnerungsstange zu halten, das fand und finde ich groß. Eine Lichterkette der anderen, anhaltenderen Art.

Die Ringelnatz-Stadt war im Begriff, zu einem Potemkinschen Dorf zu werden, das seinen großen Sohn zwar für jedwedes Lokalmarketing hervorzerrte, seinem Geburtshaus aber im Rahmen einer Sparpolitik heimlich den Garaus beschloss.

Allein: All das ist nicht geschehen. Man konnte sich auf einen Kompromiss einigen. Die Stadt übernahm einen Teil der Kosten, und gemeinsam mit dem Ringelnatz-Verein wird sie auch fürderhin das Haus für den Besucher erhalten. Und so erfreulich dies auch ist: Es wird nichts helfen. Oder nicht viel. Die Ereignisse rund um den Bahnhofspark sprechen eine gänzlich andere Sprache. Da hilft auch kein Kuttel Daddeldu.

Man weiß schon ungefähr, was folgen wird: "Mehr Mittel gegen rechts" und "mehr Mittel für die Kultur" werden gefordert werden. Schaden würde dies sicher alles nicht. Man wird aber weiter nach einer echten Lösung suchen müssen. Bei Ringelnatz klingt das natürlich viel schöner, wenn er in dem Gedicht Es lohnt sich doch jenseits jeglicher Yogahaftigkeit feststellt:

"Und stimmte es, dass Leidenschaft Natur bedeutete im Guten und im Bösen, ist doch ein Knoten in dem Schuhband nur mit Ruhe und mit Liebe aufzulösen."