Dass nun die Mauer also seit genau so vielen Tagen nicht mehr steht, wie sie einst gestanden hat, ist erst einmal natürlich eine tolle Nachricht. Das bedeutet 28 Jahre, zwei Monate und genau 27 Tage Freiheit. Bedeutet herumreisen und sich die Welt ansehen, bedeutet, Freunde praktisch überall haben zu können, bedeutet, jeden Morgen eine von vielen Zeitungen lesen und dazu italienischen Kaffee trinken zu können, bedeutet, sich seinen Studienplatz selbst ausgesucht zu haben und seine, natürlich demokratische, Meinung eigentlich überall offen äußern zu können. Seinen Glauben ebenso wie seinen Nichtglauben ohne Einschränkung leben zu können. Wählen zu gehen. Bedeutet, selbstbestimmt Frau und Mann und Kind zu sein. Und alles dazwischen natürlich auch. Ein unglaubliches Privileg!

Und andererseits ist das auch eine komische Nachricht. Sie klingt so, als sei nun erneut eine Epoche zu Ende gegangen. Wahrscheinlich hat deshalb ein jeder, dem ich dieses Zahlenspiel in den vergangenen Tagen mitgeteilt habe, auf seine Art ein wenig erschrocken reagiert. Krass, hat meine Schwester gerufen. Nein, das kann nicht wahr sein, mir ist es, als sei es gestern gewesen, sagte ein (Westberliner) Freund, der gerade seinen 70. Geburtstag gefeiert hat. Oje, schrieb eine Freundin per SMS. Nur das Kind hat mal wieder mit jener stoischen Gelassenheit reagiert, die mein Kind nicht von anderen Kindern unterscheidet. Ich habe das oft erlebt, Kinder wissen besser als Erwachsene, was Sinn macht und was nicht.

Ich habe meinem Kind also beim Abendessen ebenfalls diese auf den ersten Blick ein bisschen komplizierte Rechnung erklärt, dabei hat es mich angeschaut und schließlich "Aha" gesagt. Danach bat es mich, ihm doch bitte das Salz zu geben. Damit hatte sich die Sache für das Kind erledigt. Vor zwei oder drei Jahren jedoch hatte es mich, auch da saßen wir beim Abendessen zusammen – beim Abendessen tauschen wir uns oft über die weltgeschichtlich wirklich wichtigen Fragen aus –, damals also hatte es wie aus dem Nichts gefragt: Mama, stimmt es, dass die Mauer vor 25 Jahren gefallen ist? Ja, klar, habe ich ihm geantwortet. Und es hatte gerufen, wie nur Kinder rufen können: Aber dann ist das ja noch gar nicht lange her!

Ich dachte damals und denke heute wieder: Gefühle und Emotionen lassen sich einfach nicht in Zahlen messen. Gefühle sind eine Sache, für die es keine Maßeinheit gibt. Manchmal ist das schade, gern würde ich etwa Liebe messen können, manchmal aber hat das Vorteile. Und die Mauer, jenes steinerne, nein, sogar eiserne Bauwerk, das nicht nur unser Land, sondern beinahe die ganze Welt in zwei Teile geteilt hatte, hat sich nach ihrem Verschwinden nicht einfach aufgelöst. Sie ist nicht wirklich verschwunden, sie hat nur, sagen wir es einmal so, ihren Aggregatzustand geändert: Aus der einst eisernen Mauer ist auch ein Gefühl geworden. Wahrscheinlich schon am Tag nachdem die Menschen zum ersten Mal auf der Mauer gestanden, gejubelt, getanzt und geweint hatten. Einander fremde Menschen sich umarmten.

Wenn ich heute die Bilder von damals sehe, merke ich: Gefühle lassen sich nicht nur nicht messen, sie haben auch kein Alter. Gefühle werden nicht alt. Ich bin oft noch zu Tränen gerührt und schäme mich trotzdem dafür. Ich müsste längst abgeklärter sein. Doch jenes Bonmot, wonach die Zeit alle Wunden heilt, hat mir noch nie eingeleuchtet. So ein Menschenleben ist kurz, es reicht oft gerade einmal dafür, dass Wunden zu Narben werden können. Und so eine Wunde ist die Mauer gewesen, als sie noch stand, und zu einer anderen ist sie geworden, nachdem sie verschwunden war.

Aus der Mauer mit ihren Toten – allein 139 Menschen starben in Berlin, mindestens 327 weitere an der innerdeutschen Grenze – wurde die sogenannte Mauer in den Köpfen. So bezeichnete man jenes Gefühl, das an ihre Stelle getreten war. Es durfte von Anbeginn an kein gutes sein, gehörte nicht den Gewinnern, sondern war ein Verlierergefühl, gegen das man innerlich und äußerlich zu kämpfen hatte, etwas, das in jene Zeit, die angebrochen war, nicht mehr passen durfte. Wer die Mauer nach ihrem Verschwinden in seinem Kopf behielt, stellte sich ins Abseits; dem von allen Seiten gewünschten Zusammenwachsen entgegen. Hat es deshalb bis heute überlebt?

Schon als der parteilose Schriftsteller Stefan Heym im Jahr 1994 als Alterspräsident den 13. Bundestag eröffnete und in seiner Rede konstatierte, dass die anfängliche Euphorie von Mauerfall und Wiedervereinigung bereits wieder verflogen sei, reagierten die Abgeordneten ziemlich frostig. Einer wie Helmut Kohl klatschte kein einziges Mal, auch nicht zum Schluss. Obwohl Heym, der Chemnitzer Jude, der im amerikanischen Exil die Nationalsozialisten überlebte und später in der DDR gemeinsam mit anderen Künstlern gegen die Ausweisung von Wolf Biermann demonstriert hatte, zweifellos einer gewesen ist, dem man seine Zweifel ohne Hintergedanken hätte glauben können. Kein Wendehals, kein Altstalinist, kein Ewiggestriger, sondern ein Deutscher, der aufrecht durch all jene Zeiten gegangen war, die in sein Leben fielen. Wer kann so etwas schon von sich behaupten?