Als der Berliner Kunsthändler Thilo Holzmann vor einem Jahr nach Florida reiste, war das Aufsehen gewaltig. Das lag an seinem Gepäck; es war tonnenschwer und sollte die Kunstwelt elektrisieren: eine 20 Meter lange Wand aus Buntglas, zusammengesetzt aus vielen Einzelteilen, einst erschaffen vom DDR-Glaskünstler Richard Otfried Wilhelm – angeblich im Auftrag von Stasi-Chef Erich Mielke persönlich. Das Bild, Frieden unserem Erdenrund sein Name, zeigt Lenin im Profil, Friedenstauben, Soldatenköpfe, rote Fahnen. Ein sozialistisches Propagandaprodukt erster Klasse, das in der Berliner Stasi-Zentrale in der Normannenstraße aufgebaut war, nach der Wende in Vergessenheit geriet und auf Irrwegen zum Kunsthändler Holzmann gelangte. Der sah nun seinen großen Moment gekommen: In Amerika, dachte er, würde das Publikum in Ekstase geraten!

Holzmann war damals, Anfang 2017, überzeugt, der Welt eine Sensation zu präsentieren, eine Riesensache aus East Germany. Vor allem das Publikum der Art Basel Miami, einer der größten internationalen Kunstmessen, wollte er beeindrucken. Und zum Kauf des Glasriesen bewegen. Holzmanns Preisvorstellung: 20 Millionen Dollar. Seine Inszenierung wirkte so gewaltig wie die Wand selbst.

Was wurde aus dem Werk?

20 Millionen! Viele wunderten sich schon damals über diese spektakuläre Summe. Holzmann selbst hielt sie für vollkommen angemessen. Sogar die New York Times berichtete: From Behind the Iron Wall to Miami. Und die ZEIT widmete der Geschichte hinter dem Bild eine Doppelseite (Nr. 3/17) – über die Opulenz des Werks, das Leben des Künstlers, vor allem aber die erheblichen Zweifel, ob der Kaufpreis von 20 Millionen Euro berechtigt sein könnte. "Dieses Werk ist reiner Diktatorenkitsch", sagte damals der Kunstkritiker Paul Kaiser in der ZEIT. "Der Preis, der dafür aufgerufen wird, ist grotesk."

Um es nun gleich vorweg zu sagen: Nein, den Kaufpreis von 20 Millionen Euro hat bislang niemand gezahlt. Das Bild steht auch nicht mehr in Miami. Es steht nicht einmal mehr in Amerika.

Die Wahrheit ist: Die Wand ist wieder zu Hause, zurück in Berlin. Dort lagert sie, wo sie auch die Nachwendezeit über lagerte: auf einem Speditionsgelände, verpackt in einem Container. Es hat nicht geklappt mit dem Coup. Kein Käufer war interessiert. Ein Minusgeschäft. Eine Pleite.

Angeblich hatten chinesische Museen Interesse. Aber ist da wirklich etwas dran?

Pleite? Nein: So würde das Thilo Holzmann, der Kunsthändler, nicht sehen. Der ist stolz. Ein Anruf bei ihm, er sagt: "So etwas hat ja noch niemand in dieser Größenordnung in die USA geschickt. Das kommt doch nicht alle Tage auf den Markt. Wir hatten viele Schlagzeilen, viel Rummel. Das ist ja auch etwas wert." Insgesamt 350.000 Euro habe er in die Kampagne rund um das Bild gesteckt. Nicht nur der Transport nach Übersee kostete viel Geld. Holzmann buchte auch eine Marketingagentur, die sich für Frieden unserem Erdenrund einsetzte, er musste Zollgebühren bezahlen, sechs Monate Miete für eine Ausstellungshalle in Miami, am Rand der Kunstmesse. Dazu eine aufsehenerregende Vernissage, mit Kellnern und Buffet, für Hunderte Gäste aus der Kunstszene.

Und das alles dafür, dass er das Werk nun doch nicht im MoMA unterbringen konnte oder bei einem reichen Sammler oder wo auch immer? Das stört ihn wirklich nicht?

Nein, nein, er sei weiterhin zufrieden, beteuert Holzmann. "Wenn man große Sachen anschiebt, muss man investieren. Und da hat man auch mal ein Loch dazwischen. Ich bin sicher, dass die Wand noch verkauft wird", sagt er. Auf "große Sachen" sei er spezialisiert, damit verdiene er sein Geld. Einen echten Warhol, eine aramäische Bibel, solche Werke habe er außerdem im Sortiment. Auf das "richtige Angebot" für die Friedenswand warte er weiterhin. Immerhin: Mit einem Interessenten habe es fast geklappt. "Die Chinesen wollten für die Wand acht Millionen Dollar bezahlen." Zu wenig, deshalb habe er das Angebot ausgeschlagen. "Der Kontakt", sagt Holzmann, "lief über eine Maklerin, die für Museen in China den Kunsteinkauf abwickelt. In Abstimmung mit den Kadern, mit der Partei."

Man kann ja mal nachfragen, wer weiß, vielleicht wäre das Monument aus der Normannenstraße wirklich fast in China gelandet, mit Umweg über Miami?