Irgendetwas stimmt von Anfang an nicht mit diesem Film. Dabei ist man so versucht, sich verzaubern zu lassen vom Ausstattungswunder Der seidene Faden, vom Luxus, der Opulenz dieser Geschichte: Ein Modezar im London der fünfziger Jahre erlebt mit einer viel jüngeren, selbstbewussten Frau eine Liebesgeschichte, die zur Machtprobe wird. Man möchte sich fallen lassen in diese Wolke aus Spitze und Tweed, Kaschmir und Seide, altrosa, purpur, golden. Die fiktive Modelegende lebt und arbeitet in einem wundervollen Townhouse, die Fassaden schimmern eierschalenfarben, obwohl gerade noch The Blitz, Luftkrieg, gewesen sein muss. Gelegentlich sehen wir Ausflüge aufs Land, Yorkshire, einen Skiurlaub in der Schweiz: Postkartenmotive, satt wie in Zeiten von Technicolor. Ein paar Details der Geschichte stammen aus der Biografie Cristóbal Balenciagas, über den Coco Chanel gesagt haben soll: "Er ist der einzig wahre Couturier, alle anderen sind Designer."

Aber all das Traumhafte wirkt ein irritierendes bisschen daneben. Zum Beispiel weil die Kleider, die Reynolds, der fiktive Couturier entwirft, nicht wirklich schön sind, irgendwie schwer und konventionell. Die Frauen, die sie tragen, sehen zittrig und bedrückt aus. Außerdem läuft die Geschichte von Der seidene Faden verdächtig brav der Reihe nach ab, in fast vorhersehbaren Einstellungen und Erzählschritten. Dabei erwartet man vom Regisseur Paul Thomas Anderson verschachtelte, assoziative Filme, wie zuletzt den verspulten Kifferfilm Inherent Vice oder das Psychodrama The Master. Und dann dieses suspekte Thema: ein Künstlergenie. Der Kult um solche Solitäre, um große, alte Männer, gilt doch als total démodé – ja als moralisch-politisch falsch.

Dieses Genie ist Daniel Day-Lewis, der chamäleonartige Charismatiker, der seine Rollen nicht nur spielt, sondern sich physisch in sie verwandelt. Wie in jedem seiner Filme scheint er seine Mimik, seinen Körper, die Bewegungen ganz neu erfunden zu haben. Sein Method-Acting hat ihn berühmt gemacht, monatelang bereitet er sich auf Rollen vor, verschwindet darin und piesackt Familie und Mitmenschen, indem er überall nur noch in character auftaucht. Zuletzt spielte er 2012 Abraham Lincoln. Und er, der Brite, bekam den Oscar für die Verkörperung dieses amerikanischen Heiligtums. Für seine Rolle in Der seidene Faden ist er wieder nominiert.

Nachdem der Film abgedreht war, ließ er allerdings bekannt geben, er wolle nie wieder spielen. Das ist schon mal vorgekommen in seiner Karriere, aber diesmal klang es endgültig, sodass ein Interviewer des Magazins W in ihn zu dringen versuchte, warum er gerade nach dieser Rolle ernst machen wolle. Der sonst poetisch sprechende Day-Lewis, berichtete er, habe auf diese Frage unbeholfen reagiert. Von Fluch und Segen des Künstlerlebens sei die Rede gewesen, das "einen ernährt und an einem zehrt, einen am Leben erhält und einen zugleich umbringt". Depressionen wegen eines Kostümfilms? Ist hier einer auf dem Genie-Trip hängen geblieben? Oder ist das Leben als Ausnahmemensch untragbar geworden für einen Schauspieler, der erleben muss, wie er nicht nur in einer Rolle, sondern am eigenen Leib zum großen alten Mann wird?

Die rotwangige Alma bringt ihm sein Essen und wird seine nächste Muse

Man hat jedenfalls Daniel Day-Lewis, der voriges Jahr sechzig geworden ist, lange nicht mehr so pur gesehen. Als Lincoln trat er gebeugt und ungelenk auf, in Gangs of New York und There Will be Blood bärtig und von gewaltiger Muskelkraft gebeutelt. Jetzt wirkt er ganz rein: ein schöner, schmaler älterer Herr. In den ersten Bildern macht er sich fertig, bürstet dichtes Haar der Farbe, die auf Englisch "Pfeffer und Salz" heißt, zieht sich purpurne Seidenstrümpfe über rührend zerbrechliche Schienbeine. Beim Frühstück serviert er eine Geliebte ab. Frühstücke spielen eine entscheidende Rolle in diesem Film. Meistens sitzt eine strenge Dame mit am Tisch, Cyril, Reynolds’ alleinstehende Schwester und Managerin. Lesley Manville gewinnt für diesen Part hoffentlich den Oscar der besten Nebendarstellerin (Der seidene Faden ist sechsmal nominiert): Der Pragmatismus, mit dem sie diese Steigbügelhalterin ausstattet, ist so stahlhart wie ihr durchgedrückter Rücken. Cyril hält sich, als sei weibliche Disziplin das Einzige, was männlicher Genialität beikommen könne: "Altes Haus" sagt er zu ihr. Sie bringt lästigen jungen Frauen bei: "Wenn beim Frühstück etwas nicht stimmt, erholt er sich davon den ganzen Tag nur sehr schwer."

Einmal ist sie nicht dabei, da fährt der Künstler aufs Land und bestellt in einem Gasthof Käsetoast mit pochiertem Ei, Bacon, Scones, Butter, Sahne, Marmelade, eine Kanne Lapsang Souchong und – die Kellnerin lächelt bereits fasziniert und ermutigend – ein paar Würstchen. Diese rotwangige Alma bringt ihm sein Essen, viel Essen, und wird seine nächste Muse. Es kommt zur Liebesgeschichte zwischen dem älteren Mann und der jungen Frau, die zu ihm aufschaut und die er in die mondäne Gesellschaft einführt. Über allem wacht Cyril, die Alterslose, Misstrauische. Kann doch nicht wahr sein, denkt der Zuschauer, so ein Klischee. Aber die luxemburgische Schauspielerin Vicky Krieps spielt sich als Alma mit gesundem Ernst in die Misere hinein: Natürlich besteht die Gefahr, dass Alma Ansprüche stellt, den Meister stört und von Cyril entfernt werden muss. Natürlich überredet Alma den Künstler zur Ehe und stört erst dann. Und natürlich wäre es kein Film von Paul Thomas Anderson, wenn in dieser irre gewöhnlichen Geschichte nicht ein Abgrund versteckt wäre.