Wann immer man in diesen Tagen mit Politikern spricht, gleich welcher Partei, dann sagen sie: Eigentlich müssten wir uns mal um die großen Sachfragen kümmern. Und als erstes und größtes fällt dann immer ein Wort: Digitalisierung. Was das aber ist, diese Digitalisierung, das wissen die wenigsten Politiker zu sagen.

Und es geht nicht nur ihnen so. Auch Wissenschaftlern, Ökonomen und Ingenieuren fällt es schwer, auf den Begriff zu bringen, was sie mit "Digitalisierung" meinen. Sicher ist nur, dass es ein vielschichtiger Prozess ist, unübersichtlich und groß. So groß, dass man im Kleinen beginnen muss, um eine Ahnung von dem Umbruch zu bekommen, der längst begonnen hat. Zum Beispiel mit zwei Meldungen der vergangenen Tage.

Meldung eins. In Seattle im US-Bundesstaat Washington eröffnet Amazon den ersten Supermarkt, der komplett ohne Kassen auskommt. Wer hineingeht, meldet sich per App an, nimmt aus den Regalen, was er braucht, und geht wieder raus. Sensoren und Videokameras registrieren den Einkauf, Amazon schickt die Rechnung aufs Handy. Fertig. Nie wieder Schlangestehen an der Kasse.

Man kann das unheimlich finden, bequem oder innovativ, aber man muss nicht sonderlich fantasiebegabt sein, um ins Grübeln zu kommen. Ist das die Zukunft aller Supermärkte? Der Innenstädte weltweit? Werden diese automatisierten Läden irgendwann von autonom fahrenden Lastern mit Waren beliefert, von Robotern bestückt, von Putzautomaten gesäubert?

Vor allem aber: Was wird mit den Verkäuferinnen und Verkäufern? Sicher, es ist eine brutal monotone Arbeit, den ganzen Tag Waren über den Scanner zu ziehen und Wechselgeld rauszugeben. Niemand muss dieser Tätigkeit nachtrauern. Und vermutlich entstehen ein paar zusätzliche Arbeitsplätze für Softwaredesigner und Videokamera-Spezialisten. Dennoch stellt sich die Frage, welche Art von Jobs für gering qualifizierte Menschen noch bleiben, wenn auch die Dienstleistungsbranche in den Sog der Automatisierung gerät. Werden diese Menschen umgeschult werden? Für welche Jobs? Und wer zahlt die Umschulung? Amazon?

Natürlich ist auch denkbar, dass sich solche kassenlosen Supermärkte nicht durchsetzen. Weil die Kunden nicht auf den Kontakt mit Verkäufern verzichten wollen. Aber es wäre naiv, zu glauben, die Automatisierung werde wieder verschwinden. Dafür ist der ökonomische Anreiz viel zu stark.

Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden. Das ist das erste Grundgesetz der neuen Zeit. Und heißt: Alle Informationen, die sich elektronisch speichern und verarbeiten lassen, werden auch elektronisch gespeichert und verarbeitet. Das zweite Grundgesetz lautet: Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert werden. Heißt: Alle Handgriffe, Operationen, Prozesse, die Maschinen machen können, werden früher oder später Maschinen machen. (Das ist schon seit Beginn des Maschinenzeitalters so.)