Mag die Volkskirche auch sterben, der Volkszorn lebt. Zurzeit wütet er in Hamburg, einem Landstrich mit traditionell wenigen Katholiken, aber einem traditionell selbstbewussten Bürgertum. Vor Kurzem hat der Generalvikar des Erzbistums Hamburg die traurige Botschaft verkündet, dass fünf katholische Schulen ganz sicher und drei katholische Schulen womöglich geschlossen werden müssen, um die Vollpleite des Bistums, ein Abrutschen in Hunderte Millionen Euro von Schulden, aufzuhalten. Ob die wirtschaftliche Vernunft die Schließungen gebietet, ist aufgeregten Eltern und der aufgeregt sekundierenden Lokalpresse egal. Sie sehen – verständlicherweise – nur die bildungspolitische Bankrotterklärung. Ging es wirklich nicht anders?

"Wir stehen am Anfang einer großen Sanierung des ganzen Erzbistums. Wir haben uns mit den Schulen als Erstes beschäftigt, weil wir sahen, dass sonst alle 21 Schulen in Gefahr gekommen wären", sagte der Erzbischof, Stefan Heße, nach langen Tagen des Schweigens der Bild-Zeitung. "Wir würden doch selber renovieren", rufen die Eltern, "wenn der Sanierungsstau so groß ist!" Warum springt die Stadt nicht ein und rettet die Schulen?, fragen sie. Warum helfen nicht die anderen deutschen Bistümer ihren norddeutschen Brüdern? Warum finanziert nicht die Hamburger protestantische Kirche die katholischen Schulen? Gilt christliche Solidarität nicht mehr?

Bemerkenswert sind die Lautstärke und die Widersinnigkeit der Forderungen. Sonst leidet das Hamburger Bürgertum diskret, falls es sich überhaupt zum Leiden hinreißen lässt. Dieses Mal möchte es einen riesigen Sanierungsstau durch Selbstanstreichen und Gartenumgraben heilen. Und was passierte denn, sprängen Stadt oder Protestanten in die finanzielle Bresche und retteten die katholischen Schulen? Die Lernanstalten verlören ihre konfessionelle Identität, also genau das, worum es in dem ganzen Schuldrama überhaupt geht. Finanzexperten aus der Wissenschaft und den anderen deutschen Diözesen sind sich übrigens einig: Hamburg kann gar nicht anders handeln. Die schwächelnden Schulen müssen weg, wenn sie nicht das ganze hanseatische Bistum in den Ruin reißen sollen. Die Misswirtschaft in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten war zu groß. Gegenstimmen gibt es in der Stadt aber auch: Sie fragen sich, ob den Schulen wirklich mit keinem Mittel mehr geholfen werden konnte. Ob nicht die Beraterfirma Ernst&Young übertrieben hat in ihrer Kalkulation. Doch vorerst gibt es nur die Zahlen, die das Bistum veröffentlicht hat – und keine Relativierungen.

Was in Hamburg passiert, ist nur ein Symptom des generellen Prozesses, der die deutschen Bistümer schon erfasst hat oder noch erfassen wird. Der Prozess heißt: Abschied nehmen von der Volkskirche mit ihren Institutionen und ihrer Infrastruktur. Volkskirche, das war einmal. Die Volkskirche war eine Organisation, in der weite Teile der deutschen Bevölkerung Mitglied waren. Die Volkskirche hatte gewaltigen politischen Einfluss. Die Volkskirche wirkte in alle Bereiche der Gesellschaft finanzstark hinein, in die Bildung, ins Gesundheitswesen, in den sozialen Sektor. In diesem Sinne lebte sie auch in Hamburg. Von diesem lieb gewonnenen Konzept muss sich das ganze Land in Zukunft verabschieden. Die einen schneller, die anderen gemächlicher.

Mit der Metapher "Das Kleid ist zu groß geworden" bezeichnet der Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck gern diese Entwicklung des Schrumpfens, Schließens und Kündigens, die sein Bistum Essen zu einem Gutteil bereits hinter sich hat. Über 100 Kirchen wurden hier seit der Jahrtausendwende profaniert – weil sie zu dem Kleid gehörten, das zu groß geworden war. 31 von ihnen wurden sogar ganz abgerissen. Wo keine Priester und keine Kirchgänger, da auch keine Kirchengebäude mehr. Klingt logisch. Wir sind nicht das Denkmalschutzamt oder der Museumswärter der Bundesrepublik, hieß es damals aus Essen. Heißt übersetzt: Wir können nicht eine Struktur aufrechterhalten, die zwar schön aussieht, aber von niemandem mehr benutzt wird – und die dabei sinnlos Geld verschlingt.

Im Lichte dieses Prozesses ist das Erzbistum Hamburg mit seinen Schulschließungen weniger ein warnendes denn ein leuchtendes Beispiel. Der Untergang der Volkskirche muss in ganz Deutschland moderiert werden, im Norden schneller als im Süden, und wer die Augen zu lange vor dieser Tatsache verschließt, der wacht in einem Zeitalter ohne Priester und Gläubige auf, inmitten leerer Kirchen und aufgeblähter Verwaltungen, in denen nur noch das hohle Echo eines längst zu Ende gebeteten Vaterunsers zu hören ist.

Der harte Sparkurs des Hamburger Erzbistums kommt auf die meisten deutschen Diözesen zu, aus einfachen Gründen. Der demografische Wandel wird den Kirchen sinkende Einnahmen bescheren. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge werden in einigen Jahren in Rente gehen, aber von unten wächst nichts Neues nach. Weil die jungen Leute, so es sie noch gibt, nicht mehr in den Kirchen sind. Im Jahr 2016 nahmen die deutschen katholischen Diözesen Kirchensteuern im Umfang von etwas über sechs Milliarden Euro ein. In den nächsten zehn Jahren rechnen Prognosen mit einem Absinken dieses Betrages um bis zu 30 Prozent. Das ist dramatisch. Junge Diözesen wie Hamburg (gegründet 1994!) werden davon härter getroffen als alte, denn sie hatten weniger Zeit, gute finanzielle Rücklagen zu bilden, von denen sie zehren könnten. Sollte Hamburg schon jetzt tiefer in den Schuldensumpf rutschen, mag man sich nicht ausmalen, was alles noch auf das Bistum in Zukunft zukommt. Deshalb legen die Hamburger jetzt die Axt an ihre Schulen.