Die Europäische Union muss sich neu erfinden – in Hörsälen, Laboren, Bibliotheken. Eine konkrete Utopie

Wenn er die Europäische Gemeinschaft erneut gründen müsste, seufzte einmal ihr Gründervater Jean Monnet, so würde er nicht mit der Wirtschaft anfangen, sondern mit der Kultur. Emmanuel Macron, sein himmelstürmender Nachfolger, hat sich für die Bildung entschieden: Sie sei die erste Säule der Erneuerung Europas – so beschrieb es der französische Präsident vergangene Woche auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort führte er fort, was er im September in Paris begonnen hatte, wo er in einer Rede seine Blaupause für "ein souveränes, geeintes und demokratisches Europa" präsentierte.

In Davos sprach Macron vor Wirtschaftsbossen, in Paris waren es nicht zufällig Studenten der Universität Sorbonne. Er sprach also dort, wo schon vor 800 Jahren Gelehrte und ihre Schüler "auf Stroh sitzend ihre Zukunft gestalteten", wie er sagte. Macron schlug nicht nur gemeinsame Streitkräfte vor, ein Budget für die Euro-Zone oder einen europäischen Finanzminister. Sondern auch die Einrichtung europäischer Universitäten: "Was Europa am stärksten zusammenhält, werden immer die Kultur und das Wissen sein." Der Satz klang wie ein Echo Monnets.

Universitäten! Was liegt näher, wenn man Europa neu begründen will, als der Rückgriff auf die älteste europäische Institution neben der Kirche? Was liegt näher, als junge Europäer an Orten zusammenzuführen, an denen sie miteinander über die Zukunft des Kontinents debattieren, eine Zukunft, die so fragil scheint wie lange nicht mehr? Was liegt näher, als den in Routine erstarrten europäischen Austauschprogrammen, die deutsche Studenten nach Barcelona bringen und italienische Studenten nach Berlin, etwas radikal Neues gegenüberzustellen? Und was liegt näher, als neben die vielen Universitäten Europas eine Europäische Universität zu setzen – bei der das große E nicht bloß Semantik ist oder Marketing, sondern alles?

Eine Universität für Europa!

Das Projekt scheint wie gemacht für diese Zeit. Vor 20 Jahren musste Bundespräsident Roman Herzog Bildung noch zum "Mega-Thema" ausrufen. Danach wurde es jahrelang beschworen, aber nie mit letzter Entschlossenheit angepackt. Nun ist es wirklich ein Mega-Thema: So viel Veränderung, so viel Geld, so viele Studenten, so viel Aufmerksamkeit wie jetzt gab es noch nie – und auch so viele politische Möglichkeiten wie in diesen Tagen. Vorausgesetzt, man traut sich, sie zu nutzen.

Viele Vorschläge Macrons sind breit diskutiert worden, doch ausgerechnet die Idee der Europäischen Universität blieb weitgehend unbeachtet. Von "beängstigender Stille" schrieb in der FAZ der Frankfurter Ökonomieprofessor Rainer Klump, einer der wenigen, die Macrons Idee aufnahmen. Eine öffentliche Debatte fand nicht statt, von ein paar Gastbeiträgen in Zeitungen abgesehen. Leidenschaftlicher Streit auf Konferenzen und Symposien, in Hochschulpräsidien und Studentenparlamenten? Nicht wahrnehmbar. Der Chef der deutschen Hochschulrektoren, Horst Hippler, erklärte bürokratisch: "Es wird Zeit brauchen, um diesen Prozess sinnvoll zu gestalten." Im Sondierungspapier von Union und SPD, das mit Europa beginnt, steht zur Europäischen Universität kein Wort.

Allerdings haben Regierungsbeamte und Wissenschaftsmanager ein paar Papiere ausgetauscht, vertraulich zumeist oder am Rande der Wahrnehmungsgrenze. Darin ist die Rede von Netzwerken und Kooperationen, als gäbe es diese nicht schon zuhauf; sie machen bi-, tri- und multilateral sinnvolle Arbeit. Oder es wird vorgeschlagen, 27 Einrichtungen quer über die EU zu verteilen, eine in jedem Staat, dabei sind Gießkanne und Proporzdenken doch Gründe für die Schwäche Europas. Auch der Ausbau des Stipendienprogramms Erasmus taucht in den Papieren auf, was nicht falsch ist, aber zu naheliegend. Und natürlich heißt es, dass man mit europäischen Programmen die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Hochschulen erhöhen könne – so als sei das Entscheidende nicht Europas Zukunft, sondern nationaler Egoismus.

Dabei liegt der Charme der Idee, Europa durch eine Hochschule neu zu begründen, auf der Hand. Die Universitäten sind eine europäische Erfindung, der Augsburger Historiker Wolfgang Weber nennt sie eine "welthistorische Errungenschaft". Eine internationale Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, die Wissen mehrt und sich selbst verwaltet, entstand in Bologna und Paris vom 11. Jahrhundert an. Von dort verbreitete sie sich in alle Himmelsrichtungen, nach Lissabon und Salamanca, Prag und Wien, nach Pécs und Buda. Im 19. Jahrhundert schließlich eroberte sie Nordamerika, die Neue Welt. Made in Europe – die Universität ist auch ein welthistorischer Exportschlager. Keine andere Erfindung hat so sehr geholfen, den Wohlstand des alten Kontinents und sein Prestige zu mehren, wie diese.

Auch die Europäische Union hat das Potenzial früh erkannt, das Forschung und Wissenschaft für die Integration und Weiterentwicklung der Gemeinschaft bereithalten. Seit 1984 gibt es Forschungsrahmenprogramme, fast genauso lange schon das Austauschprogramm Erasmus. Fünf Milliarden Euro bezahlt die EU zwischen 2014 und 2020 allein für die Studentenmobilität. Im Mai werden die Wissenschaftsminister in Paris an die Unterzeichnung der Sorbonne-Erklärung 1998 erinnern, den Ausgangspunkt des Bologna-Prozesses, durch den sich die Abschlüsse Bachelor und Master im "Europäischen Hochschulraum" durchsetzten.

Doch so wichtig diese Programme waren, so kleinteilig sind sie. Mit Ideen von gestern aber wird man weder Europa retten noch die Bildung voranbringen. Eine Neubegründung der Europäischen Gemeinschaft wird es ohne die Neugründung einer Europäischen Universität nicht geben.

Wie könnte die Neugründung konkret aussehen?