"Wir beide machen."

So lautete der erste Satz, den der damals 20-jährige Eritreer Berhane zu jenem Mann sagte, den er heute – drei Jahre später – seinen "deutschen Papa" nennt.

Der deutsche Papa heißt Peter Klose und lebt in Sömmerda, einige Kilometer nördlich von Erfurt. Berhane hat dort vor Kurzem eine eigene Einzimmerwohnung bezogen und den Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein absolviert. Hier, in Sömmerda, der kleinen Stadt, in der ich aufgewachsen bin.

Damals tummelten sich noch 23.000 Einwohner diesseits und jenseits der malerischen mittelalterlichen Stadtmauer. Es gab zwei große Parks und ein Kino, in dem die Leinwand seit Langem nun schon dunkel bleibt.

Den Puls von Sömmerda aber bestimmte "das Werk", wie es jeder im Ort nannte. Gemeint war das VEB Büromaschinenwerk Ernst Thälmann – einer der größten Hersteller von Computertechnik in der DDR und Arbeitsplatz für rund 13.000 Beschäftigte. Wenn die Werksirene morgens um 6.40 Uhr heulte, zog sich ein riesiger Menschenzug durch die Stadt in Richtung der Betriebstore. Ich selbst wusste dann, dass ich mich jetzt beeilen musste, um pünktlich um sieben in der Schule zu sein. Kurz vor halb fünf am Nachmittag vollzog sich dann das gleiche Schauspiel – nur rückwärts.

Das alles ist lange her. Im September 1991 wurde die Liquidation des Werks beschlossen. Wie viele damals mit sorgenvollem Blick am Fließband gestanden haben, kann man sich auch heute noch gut vorstellen.

Ein verlorener Ort aber ist aus Sömmerda nicht geworden. Auf der Industriebrache des Werks haben sich längst neue Betriebe angesiedelt. Das Gesicht des Ortes ist freundlich. Ich kehre gern hierhin zurück.

Seit dem vergangenen Wochenende ist ein neuer Grund dazugekommen: Zum ersten Mal bin ich tatsächlich ein bisschen stolz auf meine Stadt.

Schuld daran ist Peter Klose. Oder besser Familie Klose. Denn ohne seine Frau Renate wäre Peter Klose nicht zu denken.

Am vergangenen Sonntagnachmittag saß ich zweieinhalb Stunden im Wohnzimmer der beiden – in einem kleinen, gemütlichen Wohnzimmer in jener Plattenbausiedlung, in der meine Schule lag. Dort habe ich mir die Geschichte über Berhane und ein paar andere "neue Nachbarn" erzählen lassen. "Neue Nachbarn", so nennt Peter Klose die jungen Männer aus Eritrea, die seit einiger Zeit ein Teil seines Lebens sind. Allen voran Berhane.

"Wir beide machen", hatte dieser im Ehrenamtlichen-Treff am Markt damals zu Peter Klose gesagt. An jenem Abend, als man sich zu "Tandems" zusammenfinden sollte, um die Hilfe für die Neuankömmlinge in der Stadt zu organisieren. Und Klose machte. So wie er immer macht.

Seit Jahren mischt er – Großvater von vier Enkeln, schon vor der Wende aktives Mitglied der katholischen Gemeinde und als Kind selbst aus Schlesien geflüchtet – in der Seniorenunterstützung mit. Wenn die älteren Leute im städtischen Hallenbad zwar ohne Mühe ins Wasser finden, aber nur mühsam wieder heraus, sieht er das. Und kümmert sich um ein Geländer an der Treppe. Gemeinsam mit einer verlässlichen Truppe von Ehrenamtlern im Ort, die, wie er erzählt, sämtliche Altersgruppen umspannt. Als unweit der Stadt in einer Kiesgrube ein Flüchtling ertrinkt, ist das ein Zeichen für ihn. Er organisiert einen Schwimmkurs für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im nahe gelegenen Buttstädt. Bald schon lächeln diese mit dem Seepferdchen-Abzeichen in die Kameras der lokalen Presse.

Aus "Wir beide machen" ist längst ein "Wir alle machen" geworden. Denn Kloses Familie zieht mit. Seine Frau steht seinem Engagement in nichts nach. Die beiden erwachsenen Kinder nennen Berhane einen Bruder.

"Ich will nichts Ungewöhnliches für die Jungs, ich will das Normale", sagt Klose irgendwann im Gespräch.

Dazu gehört auch, dass er sich plötzlich mit Behörden und deren Formularen herumschlagen muss. Der Wortlaut des Antrages zur "Berufsausbildungsbeihilfe" zum Beispiel habe ihn fast verzweifeln lassen. Aber er will den jungen Männern zu einem Ausbildungsplatz verhelfen. Und er schafft es. Berhane finanziert sich mittlerweile fast vollkommen allein von seinem Auszubildendenlohn als Maschinen- und Anlagenführer. Als Peter Klose einmal im Ausbildungsbetrieb vorbeischaut, um sich nach "seinen Jungs" zu erkundigen, entgegnet ihm der Geschäftsführer lächelnd: "Ihre Jungs? Das sind unsere!"

Natürlich gibt es auch Zweifler im Ort. Überall gibt es die. Manchmal werde Klose gefragt, ob er nicht auch Angst habe, enttäuscht zu werden. Er finde die Frage vollkommen nachvollziehbar, sagt er. Er frage dann meist gelassen zurück: "Wissen Sie, wie oft ich schon enttäuscht von mir selber war? Und sollte ich mich deshalb von mir abwenden?"

Wer Peter Klose erlebt, der vergisst sämtliche müßigen Gutmenschen-Diskussionen, Naivitätsvorwürfe oder "Wir sind am Ende unserer Möglichkeiten"-Seufzer für den Moment. Er hilft. Weil er Mensch ist. Weil er Christ ist. Und weil er selber erfahren hat, wie es ist, irgendwo neu anfangen zu müssen. So einfach sei das für ihn.

Seit "Wir beide machen" ist viel passiert. "Pass gut auf dich auf!" ist der neueste Satz, den Berhane vor Kurzem bei den Kloses aufgeschnappt hat.

Er wird es bald tatsächlich selber können.