Ein Mann, nackt bis auf Unterhose, Seidenstrümpfe und Strapse, kniet auf einem weißen Tuch. Er greift zu einer Rasierklinge, schneidet sich in den Oberschenkel. Dann nimmt er ein Glas, pinkelt hinein, trinkt seinen grünlichen Urin. Er wendet sich, mittlerweile splitternackt, vom Publikum ab, gleitet zu Boden, fesselt seine Knöchel. Mit langsamen, gemessenen Bewegungen ritzt er die Kopfhaut seines kahl geschorenen Schädels. Das Blut rinnt in einer Linie hinab bis zum Gesäß. Dann springt der Mann plötzlich auf, dreht seinen Körper in wilden, ungezügelten Torsionen. Er hechelt erregt, schlägt sich selbst. Schließlich ist ein Todesröcheln zu vernehmen, ehe er in katatonischer Starre liegen bleibt.

Gewalt und Leidenschaft, Entgrenzung und Albtraum, Stillstand und hysterische Körperchoreografie – alles wird zusammengerührt und zusammengeführt in diesem grandiosen und kaum zu ertragenden Stück Körperkunst, von dem ein Filmdokument existiert. Zerreißprobe, aufgeführt im Jahr 1970 im Aktionsraum München, war die letzte und radikalste Performance von Günter Brus, der dem Kreis der Wiener Aktionisten entstammte und einer der wichtigsten österreichischen Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg ist.

Im September wird er 80 Jahre alt, und das 21er Haus im Belvedere richtet ihm als Geburtstagsgruß unter dem Titel Unruhe nach dem Sturm schon jetzt eine große Retrospektive auf 1.000 Quadratmetern aus. Sie bietet einen Panoramablick auf das Werk eines ästhetischen Extremisten, der die Grenzen der Kunst immer weiter verschob und dessen zwischen Schönheit und Grauen oszillierende Arbeiten heute noch genauso aktuell sind wie in den wilden Sixties. Damals wurde Günter Brus wegen "Herabwürdigung österreichischer Symbole" zum Staatsfeind erklärt, verurteilt und aus dem Land gejagt. 30 Jahre später erhielt er den Großen Österreichischen Staatspreis, noch später in Graz ein öffentlich finanziertes Privatmuseum, das sich unbescheidenerweise Bruseum nennt. Doch dieser wundersamen Spätkarriere des Günter Brus, der aktuell in einem internationalen Kunst-Ranking Platz 144 einnimmt und damit zu den erfolgreichsten österreichischen Künstlern zählt, gingen zahlreiche Häutungen voraus.

"Sexualität und Verstümmelung als Themen"

"Nach der Zerreißprobe sagte ich ihm, er müsse Schluss machen mit den Performances", erzählt seine Frau Anni, die bei zahlreichen Aufführungen seine künstlerische Partnerin war. "Ich konnte da nicht mehr mit. Und ich wollte auch keinen verstümmelten Mann zu Hause haben."

Günter Brus erklärte daraufhin selbst, dass "Sexualität und Verstümmelung als Themen" für ihn ausgereizt seien, und erfand sich neu: als Zeichner und Schöpfer von poetischen, manchmal auch provokanten Bild-Text-Collagen, mit denen er jenen kommerziellen Erfolg hatte, der ihm als Aktionist verwehrt geblieben war.

Im Rahmen der Ausstellung Unruhe nach dem Sturm sind Dokumente seiner bekannten Performances – man könnte auch sagen: seiner Greatest Hits – zu sehen: Vom berühmten Wiener Spaziergang aus dem Jahr 1965, bei dem er, völlig weiß bemalt und durch einen schwarzen Vertikalstreifen "schizophren" geteilt, die Wiener Innenstadt durchquerte, bis zur legendären Aktion Kunst und Revolution im Jahr 1968: Damals wurde in einem Hörsaal der Universität ein toxisches Gebräu aus Körperflüssigkeiten und revolutionären Parolen angerührt. Das Happening ging als "Uni-Ferkelei" in die österreichische Skandalchronik ein und führte dazu, dass Günter Brus gemeinsam mit seinen Aktionisten-Kollegen Otto Mühl und Oswald Wiener verurteilt wurde. Mit Frau und Kind verließ er bei Nacht und Nebel die Stadt Wien, um dem Gefängnis zu entgehen.

Kurator Harald Krejci, der die Schau zusammengestellt hat, zeigt aber auch weniger bekannte Facetten des Künstlers: etwa seine Arbeiten für die Bühne, wo er, 1994 beispielsweise für die Dresdner Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper Das schlaue Füchslein 1994 faszinierende Prospekte und Kostüme entwarf, die wie surreale Schöpfungen anmuten. Oder seine frühen, von der abstrakten Stilrichtung des Informel beeinflussten Malereien, mit denen er das Format des klassischen Tafelbildes sprengen wollte. "Die Farbe war beim Aufschlag aufs Bild manchmal wie eine Bombe explodiert", schrieb sein späterer Weggefährte Otto Mühl, der ihn damals kennenlernte. "Das war totaler schöpferischer Exzess."