Jean Genet saß im Gefängnis, doch halb Paris verehrte den Schriftsteller als "Orpheus der Gosse"

Frankreich ist mit genialischen Verbrecherpersönlichkeiten reich gesegnet. François Villon ermordete einen Priester. Paul Verlaine versuchte, seine Mutter zu erwürgen und schoss auf seinen Freund Arthur Rimbaud. Louis Althusser erdrosselte seine Frau. Deutschland kann da mit seinem Wedel-Skandal nicht mithalten. Auch die pikante Idee, den Verbrecher als Heiligen zu verehren, kommt aus Paris. Ihr Erfinder ist der Dandy-Poet Charles Baudelaire, der eine aristokratische Verachtung für die Masse hegte. Sein legendäres Bürgerschrecksmotto Épater le bourgeois befeuert bis heute die Entgrenzungsfantasien der Künstler, die mit dem wohligen Schauer des Angestellten rechnen, der sich abends im Theater oder im Kino für sein langweiliges Streberleben entschädigen will.

Der Kaufhausdieb Jean Genet ist der letzte Abkömmling dieser Linie des durch elitäre Pariser Intellektuelle romantisierten Verbrechens. Unzählige Male wegen Diebstahl verurteilt, hat er seine Freilassung einem Bittschreiben von Jean Cocteau und Jean-Paul Sartre zu verdanken: "Monsieur le Président, das Beispiel von Villon und von Verlaine veranlasst uns, Sie um Ihre Hilfe für einen sehr großen Dichter zu bitten." Sartre schrieb überdies ein tausendseitiges Buch Saint Genet, Komödiant und Märtyrer zur Rehabilitation des Autors, dessen Verbrecherkarriere in seinen Augen eine "systematische Suche nach dem Unmöglichen" war. Ausgerechnet Sartre! Er selber saß am liebsten gemütlich Pfeife rauchend im Café de Flore und betrachtete die Welt durch seine dicken Brillengläser. Die kleinkriminellen Vergehen Genets (Diebstahl von Stoffen, Büchern und Taschentüchern, Manipulation von Zugfahrkarten) erklärte er zu abenteuerlichen Kunstwerken von "poetischer Dimension". Halb Paris verehrte danach den schreibenden Sträfling Genet als einen "Orpheus der Gosse", der verkörpert, wovon festangestellte Seelen nach Feierabend angeblich träumen: gefährliche Orgien, Exzesse, heilige Selbstvergessenheit. Koste es, was es wolle. Iris Radisch