Das Ehepaar Biedenkopf hat in sein Bauernhaus am Chiemsee gebeten. Man frühstücke erst um elf Uhr. Kurt Biedenkopf, 88 Jahre alt, habilitierter Jurist (mit 37 war er der jüngste Hochschullehrer Deutschlands), der Querdenker, für die Niederungen der Politik galt er lange als zu brillant und zu ungeduldig – er war einmal König von Sachsen (von 1990 bis 2003 sächsischer Ministerpräsident mit Mehrheiten von bis zu 58 Prozent). Wenn bei der CDU heute auf einen Ex-Politiker gehört wird, dann ist es er: Kürzlich hat Biedenkopf mit einem Interview den Rückzug von Stanislaw Tillich und die Installation des neuen sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer eingeleitet. Wir sitzen an einem zauberhaft gedeckten Frühstückstisch (geblümte Stoffservietten, ein Korb mit gekochten Eiern).

Er ist ein strenges Gesprächsgegenüber. Der Professor neigt dazu, die Fragen des Interviewers zu rezensieren und auf logische Schwachstellen und Unterkomplexitäten hin abzuklopfen, anstatt einfach Antworten zu geben. Kann er erklären, wie das möglich ist, dass Sachsen ein Synonym geworden ist für die Stärke der AfD?

Nein, nein, so einfach sei es natürlich nicht. Was hat sein bekannter Satz "Die Sachsen sind immun gegen den Rechtsradikalismus" zu bedeuten? "Was ich meinte, ist: Solange die Leute ordentlich regiert wurden, so lange gab es keinen Rechtsradikalismus." Die Leute behalten also ihren Nationalismus und ihre rassistischen Vorurteile für sich, solange sie von einer starken Persönlichkeit regiert werden? Selbstverständlich sei das so: "Das ist doch ganz normal." Er spricht jetzt von der Flüchtlingskrise: Man müsse den Leuten erklären, dass die Sozialsysteme ohne Zuwanderung nicht aufrechtzuerhalten seien.

Interessante Schwingungen beim langjährigen Ehepaar am Frühstückstisch. Er nimmt die Hand seiner Frau Ingrid, lobt ihre Verdienste für das Land Sachsen ("Sie hat in ein paar Tausend Fällen helfen können, mindestens"). Helmut Schmidt hat Biedenkopf als einen "Sprecher für den ganzen Osten Deutschlands" gewürdigt. Noch im 28. Jahr der Einheit ist ein bestimmendes Gefühl im Osten die Desillusionierung. Wovon genau sind die Menschen so enttäuscht? Moment, interessant sei doch, dass es den Menschen offenbar um weit mehr als nur materiellen Wohlstand gehe – die Arbeitslosigkeit tendiere ja in vielen Regionen in den neuen Bundesländern gen null. "Welche Partei fragt die Menschen im Osten: Warum seid ihr sauer? Das ist doch die richtige Frage!"

Wie oft schon in der Stimme eines Menschen sein Geist erkennbar wird: sein melodisches Sprechen. Sprachkritik à la Biedenkopf. Ein Begriff, bei dem er die Antwort verweigert, weil das Wort eben zunächst eine Begriffsdefinition verlange, ist das Wort "rechts" – wirklich genervt ist er von der Politiker-Formulierung "die Menschen mitnehmen", weil sie für eine Entmündigung der Bürger durch den Staat stehe. Wird die AfD wieder verschwinden? "Nein, sie wird nicht verschwinden. Aber sie wird sich, so viel ist auch sicher, weiter verändern." Man muss sich Kurt Biedenkopf übrigens als nicht übermäßig unterhaltsamen Gesprächspartner vorstellen, seine Ausführungen sind stets staatsmännisch, er spricht ex cathedra.

Er zeigt einem seine Tagebücher aus den Jahren 1979 bis 1994, die er für den Siedler-Verlag ediert. Vielleicht noch ein Satz zu Helmut Kohl: "Er hat mich in die Politik geholt." Ironisches Lächeln: "Das spricht doch für ihn!" Es kommt jetzt die Frage auf, ob es diesen feinen Herrn beschäftigt, vielleicht sogar gekränkt hat, dass er nicht Bundeskanzler oder Bundespräsident geworden ist. Die Haushälterin nimmt den Reporter mit zum Bahnhof nach Übersee.

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