Frage: Herr Koenen, wie viele Altachtundsechziger haben Sie als junger Erwachsener an den Kommunismus geglaubt. Ist der Kommunismus die Ersatzreligion für Linke, die von einer besseren Welt träumen?

Gerd Koenen: Er hat sicherlich auch wider Willen religiöse Züge. Doch bevor wir dazu kommen: Über welchen Kommunismus sprechen wir?

Frage: Gibt es mehrere?

Koenen: Viele. Schon der moderne Kommunismus des 19. und 20. Jahrhunderts reicht von den ersten "Communisten" der frühen 1840er Jahre über Marx’ und Engels’ "Bund der Kommunisten" von 1847/48 bis Lassalle, Kautsky oder Bebel und bis zum ganzen europäischen Sozialismus, wo der Begriff sporadisch noch verwendet wurde. Lenin, Stalin, Mao oder Pol Pot haben sich diesen historisch gewordenen Titel dann wieder auf eine jeweils ganz eigene Weise angeeignet. Und was ist mit dem Kommunismus der heutigen KP Chinas?

Frage: Wir hätten gerne etwas von Marx. Schließlich ist Marx-Jahr, und mit Karl Marx begann doch alles, oder?

Koenen: Schon falsch. Der Kommunismus-Begriff flackerte erstmals während der Französischen Revolution auf und wurde vor allem über den rigiden Egalitarismus der Erben des 1796 hingerichteten Gracchus Babeuf weitertransportiert. Deshalb mied ihn Marx anfangs auch weitgehend, und nach 1850 hat er ihn kaum noch benutzt.

Frage: Marx fremdelte mit dem Kommunismus?

Koenen: Marx betrachtete sich vor allem als Pionier einer historisch-materialistischen Wissenschaft von der Gesellschaft. Er hatte zeit seines Lebens Probleme damit, Teil einer ihn bindenden sozialen Bewegung zu sein. Aber auch Vertreter eines "wissenschaftlichen Sozialismus" gab es genug: Sein Zeitgenosse Auguste Comte etwa vertrat mit seinem Positivismus eine heilsgeschichtlich aufgeladene Verherrlichung der modernen Wissenschaften – wie ein materialistisches Vexierbild christlicher Erlösungshoffnungen.

Frage: Erlösung wovon?

Koenen: Von allen Übeln des Kapitalismus, der sich damals brachial durchsetzte. Aber auch von einem religiös getrübten, allen empirischen Tatsachen enthobenen Blick auf die Welt. Bis zum frühen 18. Jahrhundert ging man zum Beispiel davon aus, dass man das Alter der Erde und der Menschheit aus der Bibel errechnen könne: ungefähr 6.000 Jahre. In der Aufklärung wurden diese religiösen Wahrheiten hinterfragt, und in dieser Tradition sahen sich auch Marx und Engels. Die Religion galt ihnen nicht nur als Störfaktor, sondern als Aberglaube, als Verdunklung des Verstandes. Deshalb wehrten sie sich auch gegen andere Kommunisten wie Wilhelm Weitling, die eine Art neues Evangelium verkünden wollten.

Frage: Marx’ Hass aufs Religiöse unterscheidet sich aber kaum von dem späterer Kommunisten. Religion ist für ihn nicht mehr als "Opium fürs Volk".

Koenen: Das ist nicht ganz richtig. Korrekt heißt es bei Marx, Religion sei "Opium des Volkes", nicht fürs Volk, und zugleich ein "Seufzer der bedrängten Kreatur". Da schwingt ein Verständnis mit, das sich vom Atheismus der Kommunisten des 20. Jahrhunderts doch deutlich unterscheidet.

Frage: Verständnis für Gläubige? Hält Marx sie nicht vielmehr für Idioten, die unfähig sind, die Dinge so zu sehen, wie sie sind?

Koenen: Mag sein, aber dann in einer Welt der engen Allianz von "Thron und Altar", einer Welt, in der der ultramontane Katholizismus alle Äußerungen des modernen Lebens als geistige und moralische Verirrung mit Exkommunikation belegte. Die erste Forderung der europäischen Sozialisten marxistischer Prägung war die Trennung von Staat und Kirche und die Erklärung der Religion zur Privatsache – auch innerhalb der eigenen Partei. Lenins radikaler Atheismus wiederum war für alle Parteikader verbindlich und von Beginn an Teil eines latent totalitären Programms der ideologischen Erziehung der Massen.

Frage: Deshalb machten die Bolschewiki den Atheismus zur Politik und Staatsideologie der Sowjetunion.

Koenen: Ja. Das Paradoxe ist nur, dass Lenin seiner Lesart der Marx’schen Gedanken selbst einen quasireligiösen Wahrheitsanspruch beimaß. Im Jahr 1913 schrieb er, der Marxismus sei "allmächtig, weil er wahr ist".

Frage: In dem Moment rotierte Marx sicher im Sarg zum Takt der Internationale.