Die sogenannte No-Billig-Initiative soll dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Schweiz die Gebührengelder streichen. © Michael Pleesz für DIE ZEIT

Sie wissen es selber. Es war ein taktischer Fehler. "Aber wir mussten reagieren", sagt Thomas Juch. "Unsere Gegner verbreiten, dass die Initiative das Ende der SRG bedeuten würde." Die Leute, die Stimmbürger, sie seien verunsichert, sie wollten wissen, was mit den Radio- und Fernsehsendern passiert, wenn am 4. März die No-Billag-Initiative angenommen wird. Deshalb, erklärt Juch, der jungfreisinnige Geschichtsstudent und einer von vier Co-Präsidenten des No-Billag-Komitees, hätten sie diesen Plan B präsentiert, wie die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) weiter bestehen könnte. Ohne Gebühren, dafür mit Abonnements. Ohne Vollprogramm, dafür mit zusätzlichen Werbeeinnahmen – und: mit Geld aus der Bundeskasse.

Mit ihrem Plan B wollen die Initianten beweisen, dass ihre Theorie in der Realität bestehen kann.

Eine Schweiz, in der jeder nur für das bezahlt, was er tatsächlich braucht. Der Bahnpendler für die SBB, der Autofahrer für die Nationalstraßen, der Radiohörer für die SRG.

Eine Schweiz, in der jeder für sich selber vorsorgt: fürs Alter, die Arbeitslosigkeit oder den Krankheitsfall.

Eine Schweiz ohne institutionalisierte Solidarität, ohne Kollektiv, das einen trägt, wenn man es mal braucht.

Eine libertäre Schweiz.

Eine Ego-Genossenschaft.

Nur funktioniert Politik nicht wie ein Uni-Seminar. Es geht nicht um Rechthaben, sondern ums Gewinnen. Wer einen Monat vor der Abstimmung sein Anliegen präzisiert, der erhält keine Anerkennung seines Profs, sondern schwächt seine Position. Er macht sich angreifbar, gilt als wankelmütig, unsicher. Vor allem wenn er sich dabei krass widerspricht: Wenn er, der Radio und Fernsehen vom staatlichen Einfluss befreien will, nach ebendiesem Staat ruft. Thomas Juch sagt: "Es war eine Reaktion auf die Angst, die von allen Seiten geschürt wird."

Eigentlich fordern der 24-Jährige und seine No-Billag-Mitstreiter: "Der Bund oder durch ihn beauftragte Dritte dürfen keine Empfangsgebühren erheben." So steht es in ihrem Initiativtext.

Und sie konnten für diese radikale Idee, die das Land und seine Medien komplett verändern würde, überraschend viele Schweizer gewinnen.

Die ersten Umfragen brachten eine knappe Mehrheit für das Volksbegehren. Kein Wunder: Die Billag und ihre Gebühreneintreiber haben einen schlechten Ruf – und die 451 Franken, die jeder Haushalt pro Jahr zu bezahlen hat, sind nicht wenig. Bald aber sahen sich die No-Billag-Initianten einer Service-public-Phalanx gegenüber: Künstler, Politiker und Unternehmer, Journalisten, Sportler und Wissenschaftler wehrten sich für ihre SRG. Ein journalistisches Angebot, auf diesem Niveau, in vier Landessprachen, das sei nie und nimmer privat finanzierbar.

Das wirkte. Ende Januar zeigte die neueste Umfrage des Forschungsinstitutes gfs Bern: 60 Prozent der Stimmbürger lehnen No Billag ab.

Aber auch wenn die Initianten am 4. März verlieren sollten: Allein die Diskussion, die sie auslösten, ist für Juch und sein Komitee ein großer Erfolg. Ihre libertären Ideen, die vor ein paar Jahren nur in apokryphen Zirkeln oder Nischen-Magazinen debattiert wurden, sind im politischen Mainstream angekommen.

Wie kam das?