Es ist schon eine Weile her, dass Historiker mit einer Leidenschaft für die Epoche der Aufklärung in der erotischen Literatur eine ihrer aussagekräftigsten Quellen entdeckten. Robert Darnton war der Kenner, der seinen Fachkollegen auf diesem Feld die Wege wies. "Denkende Wollust" war das Stichwort für eine erweiterte Gemeinde von Lesern, die sich für das anthropologisch Allgemeine der in Schrift verwandelten Sexualität dieser Zeit interessierten.

Dass Sex gut für das Denken ist, war eine Erfahrung der Menschheit, die kein Geschichtslehrer heute den Schülern vermitteln könnte, ohne Probleme mit der Schulleitung zu bekommen. Dabei gibt es nichts, womit er im Unterricht die Stichworte Französische Revolution, Religionskritik, Moralphilosophie und Materialismus besser illustrieren könnte. Der Sexualtrieb, die höhere Macht (als die beispielsweise die Surrealisten mit einer Verbeugung vor Sigmund Freud ihn anerkannten), ist in Frankreich ein Leitmotiv der Kultur.

In dieser sehr französischen Tradition eines reflektierten Erotizismus steht, als einer ihrer Mitbegründer, Rétif de la Bretonne. Er gehört zu einem Zirkel von Autoren und Denkern, der Jahrhunderte umspannt und so originelle Geister wie den Dramatiker Marivaux, Choderlos de Laclos, Verfasser eines einschlägigen Briefromans, den Marquis de Sade, Stendhal, Musset oder den Dichter Apollinaire, den Philosophen Georges Bataille hervorgebracht hat.

Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonnes Autobiografie Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz war das Werk, mit dem zum ersten Mal ein Spezialist für die sexuellen Strukturen einer Gesellschaft die Summe seines eigenen Forscherlebens zog. Der junge Wilhelm von Humboldt, unterwegs auf Besuchsreise im Paris der Revolutionszeit, hat den Verfasser persönlich kennengelernt. In einem Erlebnisbericht an Goethe schreibt er: "Ich zweifle, ob es sonst noch irgendwo ein Buch geben mag, in dem so vieles, so wahres und so individuelles Leben zu sehen ist."

Es ist, unschätzbar in seiner Fülle soziologischer Details, die Beichte eines Erotomanen und Liebhabers der Frauen – aller Frauen, ein außergewöhnliches Dokument seiner Zeit. Ein Testament auch, vollendet erst wenige Wochen vor seinem Tod. Er selbst wollte und sollte die Veröffentlichung des Gesamtmanuskripts nicht mehr erleben. Erst die Nachwelt sollte über ihn richten dürfen. Die entwaffnende Aufrichtigkeit seines Unternehmens war erst möglich unter dem Vorbehalt postumer Bekanntgabe aller verfänglichen Namen und Situationen. Es war ein Katz-und-Maus-Spiel mit den allmächtigen Zensoren, der Wettlauf eines an seinem Riesenprojekt verarmenden, von allen Furien der Rechtsprechung geplagten, von Konkurrenten und Plagiatoren gejagten Verfassers, der zuletzt nur bitter resümieren konnte, sein übermächtiger (Erkenntnis-)Trieb habe ihn an den Rand seiner Kräfte gebracht. Mit seinen Memoiren aber hatte er ein Genre in die Welt gebracht, das bis in die Moderne fortwirken sollte – und gerade in unseren Tagen wieder Autoren zu einer radikalen Selbstoffenbarungsliteratur anstachelt, die alle Fiktion abschüttelt und auf ein Maximum an Authentizität drängt.

Bekannt geworden war Rétif als Produzent philosophisch-pornografischer Novellen und Romane. In einer Zeit, da im Allgemeinen Versdramen den hohen Ton vorgaben, wagt er die Eroberung eines neuen, noch weitgehend unerforschten Kontinents. Im angeblich so goldenen Zeitalter des Ancien Régime, von dem es einmal heißen sollte, wer es nicht erlebt habe, kenne die Süße des Lebens nicht, verlegt unser Held sich tapfer auf unterhaltsame Vulgärliteratur, in der es am Ende immer nur um eines geht: den Moment der Kopulation. So anregend wie möglich geschildert, direkt in die Blutbahn schießend. Eben so: "Meine Hände tasteten sich voran und befühlten die Geschlechtsteile und die unbehaarte Muschel."

Das war, was man später den Groschenroman nannte. Oben Rokoko, aber unten Flöhe, leichte Damen, schmutzige Fantasien und leider auch Syphilis. Vorläufer solcher Ausflüge ins scheinbar Triviale finden sich schon in der italienischen Renaissance (Aretinos Huren-Gespräche von circa 1536), aber erst jetzt wurde daraus eine Art Populärliteratur in hoher Auflage und damit ein einträgliches Verlegergeschäft. Es waren Bücher wie Die Akademie der Damen (1680), die eine Brücke bauten zu den erotischen Lehrbüchern der Aufklärungszeit. Bestseller ihrer Zeit und auf ihre Art Meisterwerke der Pädagogik. Ihr Unterhaltungswert lag auf der Hand. Mit der linken Hand gelesene Bücher, wie man gesagt hat. Dass es in der Regel, von Männern fantasiert, um weibliche Lustobjekte ging, blieb die Irritation solcher dialektisch funktionierenden Aufklärung. Es waren Frauen, die plötzlich im Zentrum standen, Frauen, die als Leserinnen ihren eigenen Bildungsroman erlebten – wie jene muntere Thérèse aus Thérèse philosophe , einem Schlüsselroman der Zeit. Freimütig bekennt Rétif, dass er den Frauen fast alles verdankt. "Stets waren es die Frauen, die über mein Schicksal richteten."