Man muss sich keine Zeit nehmen, um die vier- bis achtstündigen Filme von Lav Diaz zu sehen. Vielmehr bekommt man Zeit geschenkt. Die ruhigen Einstellungen des philippinischen Regisseurs entwickeln einen Sog. Eine überraschende Gegenwärtigkeit, die uns die eigene Zeit vergessen lässt. In seinem Film The Woman Who Left (Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig) ist es die Gegenwärtigkeit eines ein- und weggesperrten Lebens. Wenn die Hauptfigur, die etwa fünfzigjährige Horacia, zu Beginn aus dem Etagenbett einer Gefängniszelle klettert, wenn sie das Laken glatt zieht, der Wärterin zunickt, sieht man Bewegungen, die seit Ewigkeiten tagein und tagaus verrichtet wurden. Man ist im Bilde über die Traurigkeit dieser Frau, über ihre Verzweiflung, ohne dass sie ausgesprochen werden muss.

Gemeinsam mit Horacia erlebt man das Vergehen von nicht gelebter Zeit: Dreißig Jahre lang saß sie unschuldig im Gefängnis. Dann wird sie entlassen, die wahre Mörderin hat sich gestellt. Horacia muss sich plötzlich in einer Gegenwart einrichten, zu der ihr die Vergangenheit fehlt. Ihr Mann ist während ihrer langen Haft verstorben, der Sohn verschollen, ihre Tochter kennt sie kaum.

Wieder hat Lav Diaz in Schwarz-Weiß gedreht. Es ist ein mattes, konturscharfes Schwarz-Weiß, das noch die kleinsten Details, jedes Blättchen der wilden Vegetation wie gestochen aussehen lässt. Das Tageslicht erscheint seltsam hell, lässt die Originalschauplätze irreal wirken. Gedreht wurde auf einer Insel im Westen des philippinischen Archipels, in einem kleinen Dorf am Rande des Dschungels, das jederzeit auch wieder von diesem verschluckt werden könnte. Alles wirkt improvisiert: das kleine Restaurant, das Horacia mit dem Erlös ihres Familienbesitzes eröffnet. Die nahe gelegene Wellblechhütte, unter deren Dach Kinder hausen, um die sich Horacia kümmert.

Als sie eine zusammengeschlagene transsexuelle Prostituierte bei sich aufnimmt, beginnt eine zarte Freundschaft. Wir folgen einer Frau, deren Familie, Lieben und Leben durch das jahrzentelange Eingesperrtsein zerstört wurden, die sich jedoch ihrer Menschlichkeit nicht berauben lässt.

Lav Diaz ist ein Zeiterzähler, auch im konkreten Sinn. The Woman Who Left spielt 1997. Radiosendungen im Hintergrund berichten von Entführungen auf den Philippinen, die oftmals tödlich enden. Mit der aus der Zeit gefallenen Heldin entdeckt der Zuschauer ein verunsichertes, zerrissenes Land, das nach der Diktatur von Ferdinand Marcos aufatmen möchte. Doch die Korruption seiner vermeintlich demokratisch gewählten Nachfolger ist allgegenwärtig. In den Filmen dieses Regisseurs verbindet sich die Gewaltgeschichte der Philippinen mit dem empathischen, forschenden Blick auf Figuren und Biografien.

Horacia hat noch eine andere, geheimnisvolle Seite. Als Mann verkleidet, spioniert sie nachts die Gegend des Menschen aus, der sie durch eine brutale Intrige ins Gefängnis brachte. Sie beobachtet ihn, den von Killern bewachten Mafioso, beim Kirchenbesuch und bei anderen Gängen. Und sie kauft eine Pistole.

The Woman Who Left von Lav Diaz ist ein Film noir, seine Heldin ist zugleich Engel, Racheengel und der Engel der philippinischen Geschichte.