Zehn kleine Affen, und die Republik steht kopf. Denn der deutschen Autoindustrie in Gestalt von VW wird Tierquälerei vorgehalten, seit vergangene Woche herauskam, dass die Tiere auf Geheiß des Konzerns in einem amerikanischen Versuchslabor Dieselabgase einatmen mussten. Vier Stunden lang, immerhin, durften sie dabei Zeichentrickfilme gucken. Mit den Tests sollte bewiesen werden, wie sauber die Dieseltechnik von VW ist. Inzwischen weiß man, dass sie dies dank Softwaretricks unter Laborbedingungen schafft – nicht aber auf der Straße.

Ein weiteres VW-Desaster also. Empörend ist dieses Experiment nicht allein, weil es ein Tierversuch ist. Der Affen-Test ist deshalb ein Skandal, weil er erneut demonstriert, mit welcher Skrupellosigkeit Unternehmen vorgehen, um ihre Geschäftsinteressen zu sichern und gesetzliche Auflagen zu umgehen, die sie nicht erfüllen mögen oder können. Und weil es abscheulich ist, wenn für solche Egoismen wehrlose Geschöpfe herhalten müssen. Erst recht, wenn es sich dabei um Affen handelt. Im Verhalten gegenüber dem Tier zeigt sich der Charakter des Menschen, nicht nur im Falle der Autoindustrie.

Chinesischen Forschern gelang es erstmals, einen Affen zu klonen

Etwa zur selben Zeit drang aus einem chinesischen Labor eine andere Nachricht von Affen-Experimenten an die Öffentlichkeit – weniger aufsehenerregend, aber mit weitreichender Bedeutung. Und von anderer Qualität. Denn diese Experimente haben immerhin einen greifbaren Nutzen.

Wissenschaftlern ist dort das Klonen von Affen gelungen. Hier geht es nicht etwa um Vorbereitungen für das erste menschliche Klonbaby. Das heikle Experiment ist vielmehr der Startschuss zur Serienproduktion genetisch identischer Primaten für die medizinische Forschung. Das macht deutlich: Experimente mit Affen werden durchgeführt, und daran wird sich vorerst nichts ändern. Die Menschheit sollte diese Versuche allerdings nur durchführen, wenn es unumgänglich ist: wenn sie der Erforschung unheilbarer Krankheiten dienen, der Prüfung von Therapien, die ein Segen sein können.

Trotzdem bleibt ein mieses Gefühl zurück. Ist der Fortschritt so viel wert? Dürfen wir Affen für unsere Interessen benutzen – oder ist das nicht doch Missbrauch?

Für die Tierschutz-Lobby ist diese Frage entschieden. Und deren Aktivisten nutzen die unsäglichen Experimente des Autobauers, um ein Ende aller Tierversuche mit Primaten zu fordern. Vermutlich werden sie damit wie in der Vergangenheit zumindest teilweise Erfolg haben. Die Forschung mit Primaten wird in den westlichen Ländern zurückgefahren. Hohe Kosten, immense Auflagen und der Druck der öffentlichen Meinung sorgen dafür, dass diese Entwicklung weitergehen wird.

Doch das ist kein Erfolg – auch für entschiedene Gegner von Tierversuchen nicht. Eine weitere Einschränkung oder gar ein Stopp für Experimente mit Affen, die hierzulande als Sieg für den Tierschutz gesehen würden, würde global zum Bumerang. Denn die Versuche finden trotzdem statt – nur werden sie exportiert.

In China beobachtet man seit Jahren genau, wie Tierschützer in Europa und den Vereinigten Staaten an Einfluss gewinnen. Und die Chinesen sind entschlossen, diese Chance zu nutzen. Die Führung des Landes erwartet von der biomedizinischen Forschung und insbesondere von Studien mit Affen einen Umbruch, der vergleichbar mit der Internetrevolution ist, und lässt die Kapazitäten massiv ausbauen: Priorität haben die Produktion von Primaten für Versuchszwecke und moderne Forschungszentren für Experimente mit Affen. Es entsteht eine regelrechte Tierversuchsindustrie, die aus China einen Global Player in der Medizinforschung machen soll.

Zugleich bietet man westlichen Fachleuten exzellente Arbeitsbedingungen – und die Experten kommen. "The Monkey Kingdom", "Das Königreich der Affen", warnte die Fachzeitschrift Nature, werde bald die Forschung mit Primaten kontrollieren. Die Nachricht von den geklonten Affen ist ein deutliches Symptom.

Auch wenn die Aufregung um die von Volkswagen verantworteten Versuche bald abflauen wird – auf die wichtigere, quälende Frage steht eine Antwort noch aus: Wie halten wir es mit Affen insgesamt? Denn wenn es geklonte Affen gibt, werden auch wir sie für Experimente nutzen, ob in China oder anderswo. Dann geht es nicht um zehn von ihnen – sondern um Zehntausende.

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