Kaum hat man Christoph Bornschein am Telefon, da schwirrt einem schon der Kopf. Er ist in New York, gestern Abend geflogen, seit sechs ist er wach, und obwohl er eigentlich kein Morgenmensch ist – sich in New York um diese Zeit einen Kaffee zu holen, das findet er "großartig". Er redet und redet. Und die Thesenmaschine läuft auch schon: Ist dir mal aufgefallen, sagt er, die Globalisierung, die ist doch irgendwie durch. Überall auf der Welt gebe es das Gleiche. Was bringst du denn aus New York noch mit? Er jedenfalls nur noch Peanut-Butter-M&Ms.

Das alles in nicht mal zwei Minuten. Und ohne dass man den Mann vorher gekannt hätte.

Wenn man ihn trifft, hat er gerade mit dem ehemaligen Kaufhof-Chef (Ralf Püttmann, "ein guter Typ") über den 25-Milliarden-Dollar-Umsatz am Singles’ Day in China geredet und diese "Wahnsinns-Logistik" dahinter, "Natalie" (von Siemens) getroffen, mit der man sich so interessant über Bildung unterhalten kann, und mit Porsche-Chef Oliver Blume die Präsenz des Autobauers auf der Digitalkonferenz South by Southwest (SXSW) 2019 in Austin, Texas, besprochen. Die "South by" werde ja immer mehr zur Leitveranstaltung, das merkten langsam auch die Deutschen, das Deutsche Haus jedenfalls sei für die diesjährige Konferenz im März schon so gut besetzt wie nie. Selbst Deutsche-Bank-Chef John Cryan, weiß Bornschein, fahre hin.

Die deutschen Konzernchefs sind ratlos. Viele pilgern deshalb zu ihm

So geht das in einer Tour. Wann immer man mit Christoph Bornschein, 34, spricht, hat er gerade wieder jemand Spannendes getroffen oder irgendein neues Projekt vor. Der kennt jeden, der ist ganz nah dran, der weiß genau, was in Sachen Digitalisierung gerade läuft – diesen Eindruck vermittelt er perfekt. Und immer hat er eine sexy These zur Hand, hinter die man bisweilen aber auch ein Fragezeichen setzen kann: Ist die Globalisierung wirklich durch? Werden nicht gerade eher deren Spielregeln neu bestimmt?

Vor knapp zehn Jahren hat Bornschein die Agentur Torben, Lucie und die Gelbe Gefahr gegründet, kurz TLGG, die heute ganz groß ist, wenn es um Strategien für das digitale Zeitalter geht. Der Markt ist heiß. Die deutschen Konzernchefs entdecken das Thema, viele sind ratlos, viele pilgern zu ihm. Die Hälfte der Dax-30-Unternehmen berät er, dazu Ministerien, Verbände, Gewerkschaften.

Ein bisschen staatstragend ist er auch: Für Außenministerium und Kanzleramt organisiert TLGG gerade den "Competitive Europe Summit", um die digitale Wirtschaft in Europa voranzutreiben. Einen Termin gibt es noch nicht, erst mal muss die Regierung stehen. Denn die Kanzlerin hätte er schon gern dabei, genauso wie den französischen Staatschef Emmanuel Macron. Think big, wie immer bei ihm.

"Tausendsassa", "Hans Dampf in allen Gassen", diese Worte fallen immer wieder, wenn man sich mit Leuten über Bornschein unterhält. Und dass man nach fünf Sätzen oft kaum noch verstehe, wovon der Mann spreche. Immer wirkt Bornschein wach, immer gut gelaunt. Das Durch-die-Gegend-Jetten, das Oben-Mitspielen, die Millionen, die er mittlerweile hat – für ihn ist das alles ein großer Spaß.

Frankfurt, Mitte September. Daimler veranstaltet am Rande der Automesse IAA die MeConvention, um die Old Economy mit etwas Hipster-Feeling zu garnieren. Auf dem Podium sitzen Daimler-CEO Dieter Zetsche und Facebook-Chefin Sheryl Sandberg. Im perfekten moosgrünen Outfit und mit brillanter Rhetorik hat sie den Saal im Griff. Zetsche wirkt im Vergleich ziemlich blass.

Manchmal ist die neue Welt ganz schön banal

Bornschein moderiert das Panel direkt danach: How the next generation is changing corporate culture. Er steht da in seinem üblichen Wohlfühl-Look: dickes, blaues Hemd über weiter Jeans, zauseliger Hippie-Bart. Sein kurzer Einleitungsvortrag ist druckreif, aber so schnell und kompakt, dass er an den Zuhörern vorbeirauscht. Was bei ihm System hat: Er mache das oft bewusst, wird er später sagen. "Das wirkt wie: Da ist einer, der kennt eine Wahrheit, von der ich noch nichts weiß. Und CEOs kaufen ja nicht nur intellektuell, sondern eben oft auch aspirativ."

Am Ende der etwas müden Diskussion steht die Erkenntnis: Es kommt nicht auf Arbeitszeit und -ort an, sondern auf das Ergebnis. Manchmal ist die neue Welt ganz schön banal. Bornschein ist auch nicht zufrieden: Keine kontroverse Debatte, das nächste Mal will er die Teilnehmer selbst aussuchen.