Fliegen oder Zug fahren? Für eine kostbare Zeitspanne – sie ist längst verflossen – schien diese Frage zweifelsfrei entschieden, schon aus Gründen der Modernität sprach alles fürs Fliegen. Niemand wollte damals, wenn er es sich leisten konnte, von gestern sein. Nicht nur die Flügel der Maschinen vibrierten beim Starten der neuesten Turboprops, die Luft um sie herum zitterte vor Begeisterung der Zuschauer und Passagiere. Es war das die Zeit, da kein neu gebauter oder frisch aufgeputzter Flughafen ohne eine Besuchertribüne auskam, man besuchte tatsächlich Berlin-Tempelhof, München-Riem oder London-Heathrow allein zum Staunen, es war ein Sonntagsausflug. Erst recht die neuen Düsenflugzeuge, die Super-One-Eleven oder Caravelle, wurden umjubelt und umrätselt, es sollten ja beim Fliegen seltsame Lastwechselgeräusche entstehen, manchmal eine jähe Stille und dann wieder ein hoch einsetzendes, hohles Pfeifen. Selbst die Großmutter, für die Kühnheit ihres Reisens bekannt, wusste davon zu erzählen. "Ich dachte, jetzt ist der Motor aus!" Aber dann sei dieser Steward erschienen – "so ein hübscher junger Mann" –, und sie habe über dem artig servierten Tomatensaft die Motorfrage ganz vergessen.

Heute ist die Wahl des Flugzeugs keine Sache mehr des Lebensgefühls, höchstens der CO₂-Bilanz, die den klimabewussten Reisenden eher abschrecken wird. Aus den Begeisterungstagen des Fliegens hat, wie es scheint, allein der Tomatensaft überlebt, der sonderbarerweise noch immer und fast ausschließlich in der Luft konsumiert wird. Sonst ist alles dahin, die legendäre Schönheit der Stewards und Stewardessen, die märchenhafte Umsorgtheit der Passagiere, die Eleganz des ganzen Vorgangs und, natürlich, seine Exklusivität. Fliegen war teuer, und das Teure daran war noch bei Weitem attraktiver als die Zeitersparnis, von der verblüffend wenig geredet wurde. Nur für die Bewohner des Inselstaates West-Berlin, zu denen die Großmutter gehörte, wurde der Flugpreis von den alliierten Schutzmächten künstlich niedrig gehalten; bei den Berlinern entstand schon in den sechziger Jahren jene routinierte Wurschtigkeit des Fliegens, die heute allgemein geworden ist. Bei den Flugzeugen der Pan Am, die amerikanischerseits die Stadt bedienten, entwickelten sich auch zum ersten Mal jene Züge von Lieblosigkeit, die uns heute so vertraut geworden sind, wackelnde Sitze und mürrische Stewardessen von gouvernantenhafter Strenge.

Auch das hatte seinen Reiz, der als etwas Typisches genossen werden konnte, wenngleich er sich Menschen nicht erschließen wird, die nur so bequem und schnell wie möglich ankommen wollen. Aber für den Romantiker, der schon unterwegs etwas erleben will, besteht der Reiz des Transportmittels darin, was es an Abwechslung und bizarren Details bietet. Für ihn ist die Entscheidung zwischen Flugzeug und Bahn alles andere als trivial, zumal das Altmodische und Absonderliche, das ihn anzieht, kein Privileg der Bahn blieb. Bevor Pan Am, die seinerzeit größte Fluggesellschaft der Welt, 1991 pleiteging, zeigte sie bereits alle Verwahrlosungsmerkmale des öffentlichen Personenverkehrs. "Die Pan Am stirbt", pflegte man zu sagen, "sie fühlt sich schon wie Bahn an." Man wusste nicht und konnte auch nicht wissen, dass die arme Pan Am im Moment ihres Untergangs ein prophetisches Bild der Zukunft entwarf, wie sie Jahrzehnte später durch Ryanair und EasyJet verwirklicht wurde. Hätte man doch die Leiche genauer beschaut! Aber damals beugten sich, teils höhnisch, teils bekümmert, alle nur über die Bahn, deren Sterben für sicher galt und auf deren strahlende Auferstehung mit Hochgeschwindigkeitszügen und glänzenden neuen Bahnhöfen niemand gewettet hätte.

Wenn man heute einen durchschnittlichen ICE-Bahnhof mit einem durchschnittlich großen Flughafen vergleicht, ist nicht mehr ausgemacht, auf wessen Seite man die überlegene Modernität vermuten sollte. Und erst recht die altgedienten, berühmten Luftdrehkreuze, die verschachtelten Fuchsbauten von Frankfurt oder London-Heathrow mit ihren labyrinthischen Tunneln und bizarren Anbauten, wirken behelfsmäßig, hinfällig und bedroht wie nur je ein altehrwürdiger Hauptbahnhof aus Kaiserzeiten. Wo die Bahn hundertfünfzig Jahre brauchte, um sich in den Ruinenbestand der Moderne einzumoosen, genügten dem Luftverkehr fünfzig Jahre, um so etwas wie die Gebrechlichkeit des Altehrwürdigen zu entwickeln.

Natürlich kann der eine oder andere Flughafen und vor allem der neue Münchner mit seiner leichten und luftigen, heiter-hellen Wintergarten-Architektur mühelos auch mit den neu erbauten Bahnhöfen, mit Salzburg, Kassel-Wilhelmshöhe oder dem Berliner Hauptbahnhof konkurrieren. Aber wer weiß, wie sich der bayerische Kristallpalast, wie sich vor allem unser Blick auf ihn entwickeln wird? Vielleicht wird er am Ende wirklich wie ein Wintergarten, aber nun wie ein ziemlich heruntergekommener, aus der Zeit gefallener Wintergarten einer alten Villa wirken, genau wie jener, in dem die Großmutter nach ihrer Rückkehr, inmitten ihrer Hutschachteln und Koffer, von den akustischen Irritationen beim Flug mit der Caravelle berichtete, während sie die Läuse von den welkenden Azaleen streifte.

Aber in Wahrheit liegt in dem Umstand, dass auch die Flughäfen, diese Monumente der Moderne, altern können, eine große Schönheit und ein Schlüssel zum eigentlichen Reiz des Reisens – zur Entdeckung der Individualität. Denn jeder Flughafen, mag er auch aus dem Geist der Internationalität heraus erbaut worden sein, altert auf seine besondere, und zwar ziemlich nationale, wenn nicht sogar regionale Weise. Die Unübersichtlichkeit und Ungereimtheit von Heathrow ist eine ganz und gar britische – sie kommt aus dem Geist des unsystematischen Improvisierens – und ist nicht zu vergleichen mit der systematischen Verschachtelung von Frankfurt oder gar dem futuristischen Irrsinn des Pariser Drehkreuzes Charles de Gaulle, das an einen Science-Fiction-Film von gestern erinnert.

Anders als die Großmutter dachte, die halb entzückt, halb erschrocken zu beobachten meinte, wie sich die Welt durch den Flugverkehr anzugleichen beginne, hat sich der Charakter der Regionen nicht brechen lassen, vielmehr nach und nach auch diesem Transportmittel aufgeprägt und seinen Haltepunkten. Die seinerzeit berüchtigte (nach sensationellen Unglücken berüchtigte) kolumbianische Fluggesellschaft Avianca bildete getreulich die Doppelnatur ihrer Heimat ab, die karibische Leichtfertigkeit einerseits, andererseits den geradezu kastilischen Hochmut: mit den schönsten, stolzesten und kältesten Stewardessen, die jemals die Lüfte durcheilten. Und erst recht wenn man sich im Anflug auf Bogotá befand, konnte man sich nicht mehr darüber täuschen, einem spektakulären Ort zuzustreben. Eindrucksvoll die Hast, mit der sich die einheimischen Passagiere Armbanduhren, Ohrringe, Ketten vom Leib zu pflücken begannen, überhaupt alles, was von Dieben erbeutet und gegebenenfalls auch gegen blutigen Widerstand von Fingern, Hals und Ohren abgerissen werden konnte.

So drastisch muss sich nationale Eigenart nicht immer niederschlagen. Es ist aber kein Privileg der Bahnhöfe, mit ihren Passanten, Bettlern, Dieben, mit Auslagen, Imbissständen und Geschäften eine Vorschau auf die Stadt zu geben. Auch wenn die Flughäfen meist weit vor den Toren, im Niemandsland einer überall ähnlichen Trockensteppe liegen, auch wenn sie von ähnlich uniformierten Geschäftsleuten durchtrabt werden und die immer gleichen Modemarken anzubieten scheinen, offenbaren sie bedeutende Unterschiede. Der kurzhalsige Mestize, der in Mexiko-Stadt seinen Anschlussflug nach London sucht, mag den gleichen mausgrauen Anzug, die gleichen Penny-Loafer tragen wie der schlaksige Engländer, aber er sieht ganz anders gehetzt aus. Er wischt sich den Schweiß aus der Stirn, aber nicht mit einem Papier-, sondern einem Stofftaschentuch. Es sind auch nicht wirklich die gleichen Penny-Loafer, sie sind viel weicher und besser geputzt, das Tuch des Anzugs fällt fließender, es ist hier, mit anderen Worten, ein ganz anderer Ehrgeiz am Werk. Er verhält sich umgekehrt proportional zu dem Ehrgeiz der Verkäuferinnen, die in den mexikanischen Duty-free-Shops zunächst einmal ihre Nägel zu Ende lackieren oder polieren müssen, ehe sie bereit sind, eine Frage zu beantworten oder zu kassieren. Anders als bei ihren Kolleginnen in Heathrow, die gut geschult und ungebeten auf den Kunden losstürmen, müssen hier umgekehrt die Kunden erst einmal Geduld und Achtung vor weiblicher Schönheit beweisen. Ein Kompliment gilt mehr als eine Kreditkarte in Schwarz oder Platin.