DIE ZEIT: Herr Reiche, in dieser Woche wird die Mauer exakt so lange Geschichte sein, wie sie einst gestanden hat. Welche 28 Jahre haben die Menschen im Osten mehr geprägt: die 28 Jahre mit der Mauer – oder die 28 Jahre ohne?

Jürgen Reiche: Der erste Impuls wäre natürlich, zu sagen: die Jahre mit der Mauer, das Leben in der Diktatur. Aber ich glaube, das stimmt nicht ganz. Wenn man länger nachdenkt, wird einem klar: Auch die 28 Jahre nach der Mauer waren unheimlich prägend. Beide Epochen sind gleichermaßen wichtig für die Frage, wie sich Ostdeutsche heute fühlen. Ich glaube, dass die Einsicht, wie wichtig die Zeit seit dem Mauerfall war und ist, gerade erst wächst.

ZEIT: Warum wächst sie denn?

Reiche: Einfach weil die Zeit reif ist. Besonders in Westdeutschland machte man sich bislang kaum eine Vorstellung, welche Leistungen Ostdeutsche nach 1989/90 erbracht haben. Und auch im Osten fangen die Menschen erst an, wirklich über diese Erfahrungen zu reden. Lange war man mit sich selbst beschäftigt, weil man sich in einem neuen System irgendwie zurechtfinden musste. Die Ostdeutschen wollten schnell Veränderungen – und sie wollten schnell so leben wie im Westen. Ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie schwer das vielleicht werden würde, sich in einer neuen Gesellschaftsordnung zu orientieren. So lebten Ost und West auch nach der Einheit irgendwie in verschiedenen Welten. Darüber sollten wir endlich reden.

ZEIT: Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig, das Sie leiten – und das eines der wichtigsten Museen für DDR-Geschichte ist –, will die Nachwendezeit aufarbeiten. Sie bauen dafür Ihre Dauerausstellung vollständig um: Künftig soll gleichberechtigt zur DDR-Zeit auch die Zeit nach der Einheit präsentiert werden. Was wird da zu sehen sein?

Reiche: Wenn man erzählen will, was große Umbrüche für das Leben jedes Einzelnen bedeuten – dann muss man sich alle Lebensbereiche anschauen. Was bedeutete es, dass man nun freie Entscheidungen treffen, das Leben selbst in die Hand nehmen musste? Was bedeuteten Arbeitslosigkeit, der Zusammenbruch ganzer Industrien, die Entwertung von Biografien? Was war plötzlich möglich, was war plötzlich schwierig?

ZEIT: Wissen Sie schon Beispiele?

Reiche: Ich will noch keine Einzelheiten nennen, wir realisieren die neue Ausstellung im Laufe dieses Jahres. Aber das große Bild wird aus vielen kleinen Geschichten entstehen. In der DDR hat es zum Beispiel nur eine Krankenkasse gegeben. Nach 1990 gab es plötzlich 100 Krankenkassen. Damit muss man erst einmal umgehen! Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Wie ging ein Ostdeutscher, der ein Reisebüro aufmachen wollte, dieses Vorhaben an? Man hatte im Osten ja keine Erfahrung damit, ein Geschäft zu eröffnen.

ZEIT: Und mit dem Reisen auch nicht.

Reiche: Das Reisen hat man schnell gelernt. Aber wirtschaftlich zu denken, das war schwierig. Da gründet jemand einen Laden, geht damit pleite, probiert es wieder, plötzlich gibt es Probleme mit der Finanzierung – wenn Sie solche Beispiele beleuchten, können Sie im Kleinen zeigen, wie sehr die Gesellschaft in Bewegung war. Leute versuchten, sich ihr Leben und ihr Glück neu einzurichten.

ZEIT: Das Bonner Haus der Geschichte, zu dem Ihr Museum gehört, ist bekannt für seine zeitgeschichtliche Sammlung: Wann immer ein Großereignis stattfindet, sind Ihre Leute schon unterwegs und suchen nach möglichen Exponaten, die von diesem Ereignis erzählen könnten. Welche Exponate holen Sie für die Nachwendezeit aus dem Depot? Da soll ja vieles stehen: "Schorsch", der Trabi aus Go Trabi Go, mit dem Wolfgang Stumph Italien erkundete. Oder der Konzertflügel der Semperoper, der 2002 beim Elbehochwasser schwer beschädigt wurde. Sogar zum NSU gibt es schon Exponate.