Eine Katze ist eine Katze ist eine Katze ist eine Katze. Oder nicht? Auf leisen Pfoten schleicht sich diese Geschichte an, um sich dann in einen irren Bilderrausch zu steigern und nebenbei die große Erkenntnisfrage zu stellen: Was können wir wissen von der Welt?

Doch zurück zum Anfang: "Die Katze ging durch die Welt mit ihren Schnurrhaaren, Ohren und Pfoten ...", heißt es auf der ersten Doppelseite. Geschmeidig schreitet das Tier voran, den Schwanz in die Luft gestreckt, den Kopf vom Betrachter abgewandt. Die Katze, sie blickt uns nicht an, ist nicht mehr als eine Schablone, eine Idee – und das ist Konzept. Im Verlauf der Geschichte wird sie zum Gestaltwandler. Sie trifft auf ein Menschenkind und elf andere Tiere: einen Hund, einen Fuchs, einen Fisch, eine Maus, eine Biene, einen Vogel, einen Floh, eine Schlange, ein Stinktier, einen Wurm und eine Fledermaus. Und jeder sieht die Katze als eine andere Katze, schlicht weil jeder sie mit seinen ganz eigenen Augen betrachtet.

© Illustration: Brendan Wenzel

Für den Hund ist die Katze ein ausgemergeltes Viech mit überlangen Gliedmaßen, verschlagenem Gesichtsausdruck und einem überdimensionalen Glöckchen um den Hals. Man ahnt, wie das Gebimmel dem Hund auf die Nerven geht! Für die Maus ist die Katze ein bedrohliches Monster, schwarz vor rotem Hintergrund ragt sie über dem Nager auf, mit spitzen Zähnen im geöffneten Maul und riesigen Krallen. Riesig ist die Katze auch für die Biene, allerdings erscheint sie ihr kaum furchteinflößend, vielmehr sehen wir durch die Facettenaugen des Insekts ein kunterbuntes Knubbelwesen aus unzähligen Farbkreisen. Wenn Bienen tatsächlich so durch die Welt summen, müssen sie dauerhigh sein.

Die Botschaft ist so schlicht wie verblüffend: Wechsle die Perspektive, und die Welt wird eine andere. Oder umgekehrt: Wer man ist, liegt immer auch im Auge desjenigen, der einen betrachtet. Daraus folgt zugleich: Jeder, der für sich beansprucht, die Wahrheit – oder die Katze – zu kennen, ist entweder dumm oder größenwahnsinnig oder verbohrt.

Der in New York lebende Illustrator Brendan Wenzel hat bereits mehrere Bilderbücher anderer Autoren mit allerlei Getier bestückt, Alle sehen eine Katze ist sein erstes, für das er auch den Text geschrieben hat. "Mehr davon!", möchte man ihm zurufen.

Der 37-Jährige, der in den USA schon als "der angesagteste neue Name in der Bilderbuchszene" gefeiert wird, hat sich wahrhaft ausgetobt, man kann kaum glauben, dass all die unterschiedlichen Katzen von einem Künstler stammen: Farben, Stile, Materialien, alles geht wild durcheinander. Er hat die Mieze mit Wasser- und Acrylfarben gemalt, mit Öl- und Wachsmalkreiden, mit Kohle, mit Stiften und Magic Markern. Sogar Papierschnipsel hat er verbastelt. Mal zeichnet er jedes Haar im Fell der Katze einzeln, dann wieder nimmt er den groben Pinsel. Mal sehen wir eine klar konturierte Farbfläche, dann wieder verschwimmen die Linien im Aquarell.

© Illustration: Brendan Wenzel

Was diesen überdrehten Stilmix zusammenhält, ist der Text, der stoisch auf Klarheit und Wiederholung setzt. "Die Katze ging durch die Welt mit ihren Schnurrhaaren, Ohren und Pfoten ..." – "Und der Vogel sah eine Katze" – "Und der Floh sah eine Katze" – "Und das Stinktier sah eine Katze". So einfach die Sprache, so präzise der Rhythmus. Egal wie laut und kreischend und expressiv die Bilder sind, Wenzels Worte fangen die Wandelkatze immer wieder ein, geben Halt und einen festen Rahmen. Gekonnt spielt er auch mit der Typografie: "Die Katze geht durch die Welt" – "Der Fisch sieht EINE KATZE" – welche Kraft Kursivierungen und Versalien haben können, führt Wenzel beispielhaft vor.

© Illustration: Brendan Wenzel

"Die Katze kannte sie alle, und sie alle kannten die Katze", heißt es zum Ende der Geschichte. Auch das ein schlichter Satz – und zugleich ein gewaltiges Gedankenspiel. Denn es bedeutet: Nichts ist sicher! Was für ein Geschenk, wenn man als vierjähriger Betrachter dieses Buchs mit solchen Ideen zu jonglieren beginnt. Selten sieht man Philosophie und Lesevergnügen so meisterlich vereint. Aber natürlich liegt auch das im Auge des Betrachters.

Brendan Wenzel: Alle sehen eine Katze.
Deutsch von Thomas Bodmer; NordSüd Verlag 2018; 44 S., 15,– €