Der gestresste Großstadtmensch muss so vieles sein: Flexibel und leistungsstark, zugleich aber lässig und ganz bei sich. Die gute Nachricht für die Hamburger: Wer auf der Suche nach innerer Einkehr und Transzendenz ist, braucht kein teures Achtsamkeits-Seminar zu buchen. Der macht sich stattdessen auf den Weg in den Jenischpark und kauft sich dort im Ernst Barlach Haus für 7 Euro eine Eintrittskarte zur aktuellen Ausstellung: Antonio Calderara. Lichträume. Malerei aus fünfzig Jahren. Die Welt wird sich danach langsamer drehen.

Die Schau ist kein Blockbuster. An Spektakel gewöhnte Besucher laufen Gefahr, an den rund 60 fast ausschließlich kleinformatigen Gemälden vorbeizulaufen. Wer sich aber der Betrachtung der Mini-Bilder eingehend widmet, wird belohnt.

Nicht ohne Grund zählt der 1903 geborene und 1978 verstorbene Italiener Antonio Calderara zu den Meistern subtiler Malkunst. Seine sorgfältig komponierten Werke entfalten eine suggestive Wirkung, die man, klänge es nicht nach Wellness und Yoga-Retreat, als Wohltat für Auge und Geist bezeichnen könnte. Entschleunigung ohne nervigen esoterischen Überbau. Konzentration ohne intellektuelle Verrenkung.

Während viele Zeitgenossen unterschiedlichen Moden folgten und ab Ende der Fünfziger nicht nur auf der Documenta 2 erbittert darüber gestritten wurde, ob denn nun der Gegenständlichkeit oder der Abstraktion der Vorzug zu geben sei, blieb Calderara beharrlich bei seinem Stil. Er malte von Anfang an beides zugleich: figurative Porträts, Stillleben und Landschaften, die immer auch abstrakte Elemente enthielten. Erst später schränkte er sich selbst ein: Er verzichtete auf runde Formen und malte vor allem Streifen, Rechtecke und Quadrate. Die Folge war eine noch stärkere Konzentration auf Nuancen und Zwischentöne.

Immer wieder stellte Calderara seine Tochter Gabriella dar, sie war im Alter von elf Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Gabriella. Ora tu sei l’infinito – "Gabriella. Nun bist du das Unendliche" nannte er ein Porträt aus dem Sterbejahr.

Der Künstler selbst erlitt mehrere Herzinfarkte – die Vergänglichkeit und Verletzlichkeit des Menschen waren für diesen Künstler immer präsent. Seine Malweise beschrieb Calderara, der auch Aphorismen und philosophische Gedanken zu Papier brachte, einmal so: "Das Nichts malen, das alles ist."

Die existenziellen Erschütterungen haben eine paradoxe Ästhetik zur Folge, denn sie schlagen sich gerade nicht in düster-bedrohlichen Sujets nieder. Seinen Schmerz verwandelte Calderara in lichte, freundliche, transzendente Bildräume. Immer wieder malte er die glitzernde Wasseroberfläche des oberitalienischen Orta-Sees, an dessen Ufer er die längste Zeit seines Lebens verbrachte.

Er liebte dunstig verhangene Horizonte, mediterrane Landschaften und von Häusern umstandene Gassen – auch wenn in seinem späteren Werk davon nur noch abstrakte Zitate übrig sind.

Seine Werke malte Calderara fast immer auf Holztafeln, mit einer aufwendigen Technik: Er trug zahlreiche transparente Lasurschichten auf, die er zwischendurch immer wieder abschliff. Das Ergebnis sind leuchtende Farben, die dennoch pastellig und duftig zart wirken. Nicht umsonst lautet ein Schlüsselbegriff für sein Werk luce – "Licht".Was für ein Mensch war Antonio Calderara? Auf Fotos aus den siebziger Jahren inszeniert er sich als kantiger Künstlerkauz mit schlohweißem Bart, Schiebermütze und einem Pelz über den kräftigen Schultern. Von einer gewissen Verschmitztheit zeugt seine Vorliebe für sperrige Bildtitel wie "Rechteckige violette Anziehung in zweifarbiger Vertikalspannung".

In Deutschland wurde er als Held der Konkreten Kunst gefeiert und – vor allem im Süden – emsig gesammelt. In Norddeutschland hingegen ist Calderara bis heute eher unbekannt. 1982 wurde er zum letzten Mal in Kiel gezeigt.

Es ist ein Verdienst des Ernst Barlach Hauses, diese Lücke nun zu schließen. Zumal das leuchtende Werk dieses modernen Zen-Meisters der Malerei in unserer hektischen Zeit wie ein Anker wirkt.