Wenn ausgerechnet die Fachleute für Digitalisierung vor der Digitalisierung warnen, dann schlägt das ein wie eine Bombe. "Jeder Zehnte wird bald arbeitslos", meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürzlich und berief sich auf die "sonst so optimistische IT-Branche". Nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom würden in Deutschland "3,4 Millionen Stellen in den kommenden fünf Jahren" wegfallen, weil Roboter und Algorithmen die Arbeit übernähmen.

Die Nachricht sorgte für viel Aufsehen – und für empörte Gegenstimmen aus anderen Industrieverbänden. Martin Wansleben, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, schimpfte noch am gleichen Tag über "Alarmismus". Carl Martin Welcker, Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, erklärte, durch die Digitalisierung würden "mehr Stellen entstehen als verloren gehen". Und der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie mahnte, Digitalisierung und Arbeit seien wichtig, aber "kein Thema für Spekulation".

Alarmismus? Spekulation? Oder doch eine fachlich fundierte Prognose? Was ist von den Warnungen Bitkoms zu halten? Und was sagen andere Studien?

"Wir werden digitale Arbeit im Überfluss haben."
Achim Berg, Bitkom-Präsident

Ein Anruf bei Bitkom, dem selbst erklärten "Digitalverband Deutschlands", führt zu einer ersten Überraschung. Nein, erklärt der Pressesprecher, so wie es die FAZ berichtete, habe der Verband und dessen Präsident Achim Berg das nicht behauptet. Die Zahl von 3,4 Millionen potenziell gefährdeten Jobs sei richtig, aber das sei keine eigene Prognose, sondern beruhe auf einer Umfrage. Und auch der Zeitraum von fünf Jahren, in denen die Jobs wegfallen könnten, stamme nicht von Bitkom. Im Übrigen habe man jetzt eine Presseerklärung veröffentlicht, um die Dinge richtig einzuordnen. Sie trägt eine Überschrift, die nach dem kompletten Gegenteil der FAZ-Meldung klingt: "Berg: Wir werden digitale Arbeit im Überfluss haben".

Die FAZ hält an ihrer Darstellung fest. Sie habe den Bitkom-Chef korrekt zitiert, beteuert die Autorin des Artikels. Nur die Schlussfolgerung, jeder Zehnte werde bald arbeitslos sein, beruhe auf ihrer eigenen Berechnung. Es ist müßig, aufzuklären, wer tatsächlich was gesagt hat. Wichtiger ist die Frage, worauf sich die Prognose – oder die Warnung – mit den 3,4 Millionen wegfallenden Jobs stützt.

Hier wartet die zweite Überraschung.

Grundlage dieser Zahl ist eine Umfrage, die Bitkom nach eigenen Angaben bei 505 Unternehmen durchgeführt hat. Bei dieser Umfrage habe jeder vierte Firmenvertreter zu der Aussage "Die Digitalisierung gefährdet die Existenz unseres Unternehmens" die Antwort "trifft eher zu" oder "trifft voll und ganz zu" gewählt. Hochgerechnet auf die Gesamtwirtschaft beschäftigten diese Firmen 3,4 Millionen Menschen, so Bitkom. So viele Arbeitsplätze sind demnach in Gefahr. Oder zumindest "eher" in Gefahr (die meisten wählten als Antwort "trifft eher zu"). Alle Unternehmen, die sich gefährdet sehen, müssten also wirklich pleitegehen, damit tatsächlich 3,4 Millionen Jobs verloren gingen.

86 Prozent der Befragten sehen die Digitalisierung eher als "eine Chance"

Überraschend sind auch weitere Antworten aus der Erhebung. Auf die Frage "Sehen Sie die Digitalisierung eher als Chance oder eher als Risiko für Ihr Unternehmen?" gaben 86 Prozent an, sie sei "eher eine Chance". Bei dieser Frage zeigte sich nicht jeder Vierte sorgenvoll, sondern etwa jeder Achte. Das ist eine ganz andere Größenordnung. Über diese Einschätzungen wurde nun aber nicht berichtet.

Wie passen die Antworten zusammen? Eine Erklärung könnte sein, dass bei der ersten Frage nur nach einer potenziellen Gefahr gefragt wurde. Würde man etwa Sicherheitsexperten die Aussage vorlegen: "Die Atomraketen des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un gefährden Deutschland", dann würden vielleicht manche sagen, ja, das "trifft eher zu" oder "trifft voll zu". Einfach weil Deutschland vermutlich in der Reichweite dieser Waffen liegt. Aber daraus lässt sich nicht schließen, für wie wahrscheinlich die Befragten es halten, dass diese Gefahr tatsächlich eintritt.