Der Weg zur Sensation führte die Männer durch "prächtiges Gehölz". Nach beschwerlichen Kilometern lagen riesige Trümmer vor dem Archäologen und seinem Zeichner: "gewaltige Gebäude auf Terrassen" und "pyramidalische Bauten, großartig, wohlerhalten und reich geschmückt". Der Expeditionsleiter schrieb in sein Tagebuch: "Die Stätte, von welcher ich jetzt spreche, war ohne allen Zweifel einstmals eine große, volkreiche, hochzivilisierte Stadt." Nach ihrer Rückkehr schrieben der Forschungsreisende John Lloyd Stephens und der Zeichner Frederick Catherwood einen Bestseller über ihre Reise durch die Regenwälder von Mexiko, Guatemala, Belize und Honduras. Immer wieder fühlten sie sich darin an die Zivilisation der alten Ägypter erinnert.

Das war 1841.

Im Februar 2018 scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Ist doch die Kunde vom Fund einer Megacity im Dschungel Guatemalas am vergangenen Wochenende um die Welt gegangen. "Versunkene Millionenstadt der Maya entdeckt", lautete eine der Schlagzeilen. Von "Sensation", "Rätsel" und "Geheimnis" war die Rede. Illustriert wurden die Beiträge mit spektakulären Computergrafiken einer Pyramidenstadt – einer Art Giseh Mittelamerikas. Sollten tatsächlich erst fast zwei Jahrhunderte nach Stephens’ und Catherwoods Expedition die Ausmaße der Maya-Welt erfassbar werden? Die zugrunde liegende Meldung liefert jedenfalls Stoff für neue Superlative. 15 Millionen Maya sollen damals den zentralamerikanischen Regenwald bevölkert haben – dreimal so viel wie bislang angenommen.

Je größer die Sensation, desto mehr Misstrauen ist angebracht. Und die Hintergründe der angeblich spektakulären Neuentdeckung entpuppen sich als eher profan. Am Dienstag dieser Woche strahlte der National Geographic Channel eine Fernsehdokumentation aus. Im Reich des Schlangen-Königs zeigt, wie Archäologen in Zentralamerika mithilfe einer modernen Lasertechnologie namens Lidar (siehe Kasten) Überreste alter Siedlungen aufspüren. Vor der international koordinierten Ausstrahlung generierte man Aufmerksamkeit durch die Verkündung einer Weltsensation.

Aber handelt es sich bei den neuen Erkenntnissen, wie der an der Erforschung beteiligte Stephen Houston dem TV-Sender BBC verriet, um einen der größten Fortschritte in 150 Jahren Maya-Archäologie, um einen "Quantensprung" der Forschung?

Nein.

"Eine Übertreibung", sagt Nikolai Grube, Archäologe und Maya-Experte der Universität Bonn. "Das ist keine Sensation, das ist noch nicht mal eine neue Meldung." Seit Jahrzehnten stoßen Archäologen wie er in der Gegend auf unzählige Anzeichen menschlicher Präsenz – und zwar nicht nur in den bekannten Ruinenstädten, die längst Hotspots des Tourismus sind, sondern auch in den entlegenen Gebieten. Der Regenwald, das ist längst Konsens, war keine menschenleere Region, sondern relativ dicht besiedelte Kulturlandschaft. Dennoch: Obwohl die Forschungen der National-Geographic-Dokumentation keine neuen Erkenntnisse (aber durchaus ein Mehr an Daten) liefern, faszinieren Grube die Mittel, mit denen heute Archäologie betrieben werden kann: "Mit Lidar kriegen wir ein präziseres Bild davon, wo etwas zu finden ist."

Ob wirklich 15 Millionen Menschen diese Maya-Welt besiedelt hätten, sei reine Spekulation. Um herauszufinden, wie viele Individuen man pro Haus veranschlagen darf, bedarf es traditioneller Feldarchäologie. Den Forscher, der Grünzeugbewuchs analog beseitigt und mit Präzisioninstrumenten altes Gemäuer freilegt, macht Lidar nicht überflüssig, es erleichtert ihm nur vorab die Suche. Und vor allem: Es liefert spektakuläre Bilder.

Bilder wie jenes einer guatemaltekischen Megacity, die als visueller Beleg für die Sensation im TV zu sehen waren. Auch die ZEIT erhielt per Fotoagentur die Lidar-Grafiken, die aus der Luft einen Blick auf eine wunderschöne Pyramidenstadt gewähren. "Das zur Verfügung gestellte 3D-Bild", so stand es im Begleittext, "zeigt eine Darstellung der Ausgrabungsstätte einer Maya-Stadt. Wissenschaftler verkündeten, dass durch die Technik der Luftbildvermessung eine Stadt mit tausenden Häusern, Gebäuden, Verteidigungsanlagen und Straßen im dichten Dschungel von Guatemalas Departamento Petén gefunden wurde."

Kein Wort darüber, was das Foto wirklich zeigt. Statt einer Neuentdeckung ist darauf ein Ort zu sehen, der seit 39 Jahren zum Weltkulturerbe der Unesco zählt: das Zentrum von Tikal. Zwar verrät National Geographic an anderer Stelle, dass auch Tikal (und vor allem dessen Umland) mit Lidar erfasst worden ist. Dass aber die faszinierendsten Bilder gar keine neu entdeckte Ruinenstadt, sondern einen von Touristen bevölkerten Ort zeigen, der seit Jahrhunderten bekannt ist: Das muss man sich selbst zusammenreimen.

Die Leistung des internationalen Forscherteams ist nicht gering. Es hat das Hinterland erkundet, Bauernhäuser im Dschungel entdeckt, ein paar Verteidigungsanlagen, immerhin eine siebenstöckige Pyramide. Das zeigt, wie sinnvoll der Einsatz der Lasertechnik sein kann. Bloß ist es weder eine Sensation, noch stürzt es bestehende Erkenntnisse um, wie sie etwa vor einem Jahr in der Ausstellung Maya – Das Rätsel der Königsstädte in Speyer zu sehen waren.

Schöne Bilder liefert die neuzeitliche Expedition der Laser-Archäologen ohne Zweifel.