Päpste verstehen sich als Glieder einer Kette, die 2.000 Jahre Geschichte umspannt. Jahrhundertelang nannten sich die meisten Päpste deshalb nach einem Vorgänger. Neue Namen waren verpönt. Auch Joseph Kardinal Ratzinger folgte am 19. April 2005 dieser Tradition. Als Benedikt XVI. wählte er den bislang dritthäufigsten Papstnamen. Das zeigt, wie stark er sich der Geschichte verpflichtet fühlt – im Gegensatz zu seinem Nachfolger Jorge Mario Kardinal Bergoglio, der sich als erster Papst überhaupt Franziskus nannte.

Benedikt XVI. war als Papst wahrscheinlich der geschichtsbewussteste der vergangenen Jahrhunderte. Trotzdem vollzog er am 11. Februar 2013 einen Schritt, der von der Weltöffentlichkeit als Sensation, nämlich als schroffe Absage an Tradition und Verständnis der Institution Papsttum schlechthin, verstanden wurde: Er trat zurück. Durfte er das?, so lautete die naheliegende erste Frage. Rein kirchenrechtlich war sie schnell beantwortet: Ein Papst kann nicht abgesetzt werden, aber sich selbst seines Amtes entheben kann er durchaus. Das gehört zur Fülle seiner Gewalten. Nur freiwillig muss dieser öffentlich zu verkündende Amtsverzicht sein. Allerdings ist von dieser Erlaubnis in mehr als 700 Jahren bislang nur dreimal Gebrauch gemacht worden.

Das vorletzte Mal erklärte Papst Gregor XII. im Juli 1415 seinen Rücktritt, doch wirklich freiwillig war dieser nicht. Das Konzil von Konstanz hatte ihn vor die Wahl Absetzung oder Amtsverzicht gestellt; der greise Pontifex wählte daraufhin den weniger ehrenrührigen Weg und beschloss seine Tage, milde degradiert, als Kardinal. Dieser Rücktritt konnte für Benedikt XVI. kein Präzedenzfall sein.

Interessanter ist ein Ereignis, das 121 Jahre früher stattfand. Am 13. Dezember 1294 las der 85-jährige Papst Cölestin V. den Kardinälen seine Rücktrittserklärung vor; als Gründe nannte er seine altersbedingte Schwäche, seine fehlende Vertrautheit mit Herrschaft und Politik sowie seine unstillbare Sehnsucht nach der Rückkehr in die Abgeschiedenheit, die er nach seiner Wahl zum Oberhaupt der Kirche ein halbes Jahr zuvor widerstrebend verlassen hatte.

Das letzte Argument klang am überzeugendsten: Pietro del Morrone, so der "weltliche" Name des Papstes, hatte 63 Jahre lang als Eremit in der Wildnis des Majella-Gebirges in den Abruzzen gehaust und dort sogar einen Einsiedlerorden gegründet. Seine Erhebung zum Herrn der Kirche, des Kirchenstaats und Roms war ein Kulturschock – statt über ein Dutzend bejahrte und weltabgewandte Mitbrüder zu wachen, musste der greise Pontifex maximus jetzt als Global Player im brodelnden europäischen Entscheidungszentrum am Tiber eines Amtes walten, dessen diplomatischen, ökonomischen und personalpolitischen Anforderungen er in keiner Weise gewachsen war.

Die Unterschiede zu Benedikt XVI. stechen ins Auge – in seinem langen Vorleben als Kurienkardinal war Joseph Ratzinger nicht nur Chef der Glaubenskongregation, also der Nachfolge-Institution der römischen Zentralinquisition, sondern der "innere Pontifex" schlechthin, Herr des Apparats und der Administration. Anders als Cölestin V. verfügt Benedikt XVI. außerdem über eine beeindruckende theologische und historische Bildung. Und doch sind die beiden grundverschiedenen Pontifikate im Abstand von mehr als sieben Jahrhunderten eng miteinander verbunden. Auch Benedikt XVI. nannte im Konsistorium des 11. Februar vor den versammelten Kardinälen als Rücktrittsgrund die altersbedingte Schwäche an Körper und Geist, mit der er der schweren Aufgabe, das Schifflein Petri zu steuern, nicht mehr gewachsen sei.

Für kritische Zeitgenossen waren beide Erklärungen für den Amtsverzicht, 1294 wie 2013, unbefriedigend, da ungenügend. Vor allem körperliche Gebrechen wurden und werden von der katholischen Welt als unzureichend angesehen – viele Päpste hatten wie zuletzt der greise Johannes Paul II. die letzten Jahre des Amtes als Martyrium auf sich genommen und dadurch höchste Anerkennung gewonnen. Und von geistiger oder gar geistlicher Schwäche – den bei strengster Bewertung einzig legitimen der genannten Rücktrittsgründe – konnte schon bei Cölestin V. und erst recht beim emeritierten Benedikt XVI. keine Rede sein. Auch das blieb und bleibt nicht unbemerkt. Es drängt sich die Frage auf, warum Benedikt XVI. wirklich zurücktrat.

Beide Verzichts-Päpste weisen erstaunliche Parallelen auf. Benedikt XVI. hatte sie bei seinem Besuch der von Erdbeben schwer heimgesuchten Region Abruzzen ganz offen zelebriert, als er im April 2009 vor dem Grabmal Cölestins V. in L’Aquila auffällig lange und innig betete und demselben Heiligen im Jahr darauf in Sulmona nochmals ostentativ seine Reverenz erwies. Schon damals kamen deshalb Gerüchte auf, dass die Amtszeit des deutschen Papstes nicht mit seiner Lebenszeit enden werde. Führt diese Spur weiter – und dafür spricht sehr viel –, so gewinnt die Frage nach den wirklichen Rücktrittsmotiven des Jahres 1294 unvermutet eine beträchtliche Aktualität.