Jetzt, da nicht mehr alle wild durcheinanderschreien, kann man seine Gedanken ordnen, vermeintliche Gewissheiten infrage stellen und vielleicht einige Lehren aus dem Umstand ziehen, dass Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent der Tageszeitung Die Welt, seit bald einem Jahr in türkischer Untersuchungshaft sitzt.

Deniz, mein Kollege. Deniz, der journalistische Pedant (das ist er, auch wenn er nicht so aussieht). Der alles ganz genau beobachtet und aufschreibt. Der gern und viel erzählt. Der selten an Schärfe spart. Der als einer der wenigen deutschen Journalisten über die Beerdigung gefallener türkischer Soldaten berichtete, weil er fand, das gehöre zum Gesamtbild. Der in der denkwürdigen Nacht des 15. Juli 2016 als einer der ersten deutschsprachigen Kollegen auf der Straße war, als der Putsch begann und Panzer durch die Stadt rollten; obwohl es da noch unmöglich war, putschende von nicht putschenden Soldaten zu unterscheiden, ohne viel Rücksicht auf seine eigene Unversehrtheit.

Wie oft haben wir uns über das Land unserer Eltern ausgetauscht, in Istanbul, bei Fisch und Raki im Stadtviertel Beşiktaş, und, natürlich, einer Menge Zigaretten, die wir rauchten, nachdem Deniz dem Kellner im Fischrestaurant einen Vortrag über den saisonalen Fang gehalten hatte.

Da saßen wir nun in der Türkei, beide Kinder von Arbeitern, und sinnierten, oft uneins, über das Land unserer Eltern, das wieder ein bisschen unseres geworden war. Wahrscheinlich kennen wir es mittlerweile sogar besser als sie. In gewisser Weise "retürkisierten" wir uns selbst – aber besser wir als andere, nicht wahr?

Es waren die Gezi-Proteste 2013, die uns und andere deutschtürkische Kollegen wie ein Magnet anzogen und uns dazu brachten, unser Türkisch wieder hervorzukramen und das Land neu zu sehen. Wie oft kommt so etwas im Leben vor? Keiner von uns wartete lange darauf, dass ihn die Redaktion schickte – so schrieb es Deniz später in seinem Buch Taksim ist überall richtig. Kaum jemand von uns hatte Angst, womöglich "zum Türken" gemacht zu werden, denn es war in diesen Tagen cool, aus der Türkei zu stammen. Die Menschen gingen für ihre Rechte auf die Straße, für Gleichheit, Freiheit und Umweltschutz.

"Ich muss nach Istanbul, ich muss!", sagten viele, so auch Deniz, so auch ich. In Deutschland waren Türken entweder die Verlierer der Integration, die Gescheiterten; und wenn sie erfolgreich waren, wurden sie gern als Vorzeigemigranten vorgeschoben. Beides sorgte für Entfremdung.

Neuerdings interessiert bei Türken nur noch die Frage, ob einer für oder gegen Staatspräsident Erdoğan ist. Und hält einer "zu Erdoğan", dann ist er automatisch schlecht integriert und vollkommen bescheuert. Verblüffend ist: Niemand sagt, dass man die Sorgen dieser Leute ernst nehmen sollte, so wie man es oft bei anderen vermeintlich verblendeten Bürgern tut.

Doch 2013, mit Gezi, konnte die ganze Welt sehen, was "diese Türken" da plötzlich zustande brachten: eine der intelligentesten, humorvollsten und kreativsten Protestformen, die das Land je gesehen hatte. Plötzlich erschien die tief gespaltene türkische Gesellschaft für wenige Wochen geeint. Muslime, Säkulare, Nationalisten, Kurden, LGBT-Personen und viele andere entdeckten – vielleicht erstmals – den Menschen im Anderen, dort, in diesem kleinen, etwas hässlichen Park inmitten der Metropole. Es war das Schönste, was unsereins bis dahin in diesem Land gesehen hatte. Zwischenzeitlich wollte sich die Regierung – damals war der heutige Staatspräsident noch Premierminister – sogar die Belange der Protestierenden anhören. Der türkische Staatsbürger entdeckte sich neu, und wir ihn.