DIE ZEIT: Hat jetzt wirklich ein großer Crash am Aktienmarkt begonnen?

Martin Weber: Im Moment geschieht eigentlich nichts Außergewöhnliches. Der Dax ist (zum Wochenbeginn, Anm. d. Red.) gerade einmal zwei oder drei Prozent im Minus, es geht eben immer mal runter. Historisch betrachtet ist das nichts. Wir haben den niedrigsten Kurs des Jahres. Aber das Jahr ist jetzt gerade mal 35 Tage alt! Manche Leute sind nervös und verkaufen.

ZEIT: Warum sind manche Anleger so nervös?

Weber: Wir haben für eine Studie anhand von Kontodaten einer großen Bank geschaut, was die Leute 2008 getan haben, als die Kurse in der Finanzkrise dramatisch runtergingen. Das Ergebnis: Es haben vor allem jene Leute verkauft, die praktisch nur Fonds und nicht so viel Geld hatten. Das heißt, diese Leute waren leichter verunsichert und haben gesagt: Das ganze Finanzmarktzeug ist alles Teufelswerk, ich gehe raus! Und das sind diejenigen, die letztendlich kein Geld verdient haben. Am besten ist es also, einen kühlen Kopf zu bewahren.

ZEIT: Warum haben viele Anleger diese Geduld nicht?

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Weber: Wenn die Kurse steigen, ist den meisten Menschen intuitiv klar, dass es nicht beliebig so weitergehen kann. Aktien sind ja eine Beteiligung an Industrievermögen, das ist also zunächst einmal Unternehmertum, und das ist mit Risiken verbunden. Wenn die Kurse sich schlecht entwickeln, beginnen die Menschen auf Dinge zu achten, die vielleicht die Börsenkurse weiter nach unten treiben können, und plötzlich halten sie das Glas für halb leer, das sie zuvor noch für halb voll gehalten haben. Sie bewerten Dinge anders oder stellen andere Dinge in den Vordergrund. Obwohl sie drei Tage zuvor noch die steigenden Unternehmensgewinne für wichtiger hielten, bekommen sie plötzlich etwa Angst vor steigenden Zinsen oder politischer Unsicherheit. Dazu kommt: Menschen wollen sich absichern, wenn ihre Anlagen an Wert verlieren, und verkaufen sie, wodurch dieser Prozess verstärkt wird, weil die Verkäufe weiter auf die Preise drücken.

ZEIT: Eine viel genannte Erklärung für die aktuellen Schwankungen sind Zinserhöhungen in den USA. Weiß man genau, welche Daten die Schwankungen ausgelöst haben?

Weber: Nein, weil wir nicht in die Köpfe der einzelnen Leute gucken können und weil wir auch nicht wissen, wie die Computerprogramme funktionieren, die den Handel beeinflussen. Zudem haben sich keine Fundamentaldaten geändert. Die Zinserwartung vor einer Woche war dieselbe wie die Zinserwartung gestern. Aber offenbar haben viele Leute die Informationen, die zu ihrer Erwartung geführt haben, plötzlich anders bewertet und gesagt: Dann verkaufe ich mal! Wenn das mehrere machen, brechen die Kurse ein. Im Moment sind die Ausschläge aber wirklich nichts Besonderes.

ZEIT: Werden Kurse dauerhaft stärker schwanken, die Finanzmärkte also volatiler werden?

Weber: Ich wüsste nicht, wo ein großes Maß an Volatilität herkommen soll. Aber natürlich muss eine gewisse Volatilität da sein. Das ist das Wesen des Unternehmertums. Ich kann nicht immer nur eine dicke Zigarre rauchen, manchmal sind die Zeiten trüb. Eine Rendite bekommt man als Anleger eben dafür, dass man dieses Risiko eingeht. Die Situation gerade ist nur der Beweis, dass ich als Anleger die Risikoprämie wirklich verdiene.

ZEIT: Profit ist ohne Kursausschläge nicht denkbar?

Weber: Nein, alles andere ist Sparbuch. Wir können davon ausgehen, dass das Sparbuch sicher ist, da ist eine Regulierung dahinter, da ist der Staat dahinter, es gibt also kein Risiko, und auch deshalb liegt der Zins im Moment bei null Prozent. Wenn die EZB den Zins wieder erhöht, haben wir eine Chance, dass wir aufs Sparbuch wieder Zins bekommen, aber wir dürfen die Inflation nicht vergessen, die dann vielleicht auch wieder steigt. Die Unternehmerrendite hingegen ist mit Risiko verknüpft. Es ist das Wesen des Unternehmertums, dass sie für das Risiko entschädigt. Wir wissen nicht, was morgen ist, wie der Ölpreis oder die Zinsen sich entwickeln oder was politisch los sein wird.

ZEIT: Woran merken Sie denn, wenn es wirklich einen Crash gibt?

Weber: Im Nachhinein weiß ich das immer. Nur eines kann ich Ihnen sicher sagen: Der nächste Crash kommt. Das ist allerdings eine genauso wenig hilfreiche Aussage wie: Wir werden alle sterben. Fakt ist: Wir wissen es nicht. Aber das ist auch das Tolle an der ganzen Sache. Wenn wir wüssten, dass der nächste Crash am 15. März kommt, würde ich am 14. März handeln, und Sie würden am 13. März handeln und so weiter, und dann wäre der Crash heute schon da! Die Zukunft ist unsicher, und wir müssen damit umgehen.

ZEIT: Und wie gehen wir jetzt damit um?

Weber: Indem wir – im Moment zumindest – nichts machen. Klar, wenn ich den Dax der letzten drei Tage anschaue, dann werde ich panisch, dann denke ich, "Ach Gott!", und dann habe ich das Gefühl: "Ich muss was machen, ich muss was machen!" Aber das ist Blödsinn. Wenn ich die Entwicklung des Dax der letzten fünf Jahre anschaue, dann denke ich, na ja, das hat man irgendwann wieder drin. So war es in der Vergangenheit auch immer mal wieder. Das ist halt so.