Geocaching

Ich habe im Elsass einen unterirdischen Bunker durchsucht. Die Gänge klamm und dunkel, meine Stirnlampe wies mir den Weg. Ich habe in einem verrotteten Luxushotel auf der Insel Krk herumgestöbert; die Fahrstuhlschächte waren gähnende Löcher, die zentrale Treppe schwebte geländerlos im Freien. Ich bin in den Hohlraum im Innern einer Donaubrücke geklettert und ins Führerhäuschen eines alten Hafenkrans, habe mich in Höhlen und Gruben gezwängt. All das, um dem Ziel der Jagd näher zu kommen, dem immer gleichen Ziel: einer unscheinbaren, wertlosen Plastikdose.

Ich bin Geocacher. Ein Schatzsucher, der weiß, dass er nie einen Schatz finden wird; der sich zufriedengeben muss mit einem Eintrag ins kleine Logbuch im Innern der Plastikdose. Name, Datum, damit bezeuge ich: Auch ich war hier! Aber warum eigentlich?

Ich könnte meinen Kindern die Schuld geben. Ihretwegen habe ich mit der Sucherei angefangen. Ich wollte sie von den Bildschirmen weglocken und glaubte, die ideale Methode gefunden zu haben. Beim Geocaching muss man die verborgene Box über GPS-Daten aufspüren. Das ist es, dachte ich: Schatzsuche, Abenteuer, aber mit dem Smartphone – unwiderstehlich für die Kids! Leider winkte meine Tochter trotzdem ab. Immerhin war mein Sohn interessiert. Doch nach ein paar Wochen erfolgreichen Vater-und-Sohn-Cachens zog auch er wieder die Konsole vor. Von jetzt an würde Papa ohne die Blagen ausziehen müssen. Musste er zwar nicht. Aber nun konnte er nicht mehr anders.

Denn plötzlich kam mir die Welt wie verzaubert vor. Sie steckte voller Geheimnisse, die nur von Eingeweihten gelüftet werden konnten. Und zwar überall. Der nächste Geocache ist meist nicht mehr als einen Kilometer entfernt, allein in Deutschland gibt es mehr als 300.000. Die Caches, von anderen Cachern versteckt, können sich überall befinden: unter Bänken, in Baumstümpfen, in Hecken, hinter Schildern, in Mauerritzen. Manche findet man innerhalb von Sekunden, für andere braucht man halbe Tage. Manche sind sogar für Rollstuhlfahrer zugänglich, andere erfordern Kletter- oder Tauchausrüstung. Und nur wir Geocacher wissen von ihrer Existenz. Die Masse der Ahnungslosen (wir nennen sie Muggels) geht daran vorbei. Sie haben ja keine Ahnung.

Ich genieße dieses geheimbündlerische Gefühl. Es durchrieselt mich besonders, wenn ich als Cacher im öffentlichen, belebten Raum unterwegs bin. Mitunter muss man eine halbe Stunde lang unschuldig im Umkreis der Zielkoordinaten ausharren – darauf wartend, dass die blöden Muggels sich endlich von der Bank erheben, unter deren Planken man das entscheidende Kästlein vermutet. Unerkannt im Gewusel zu operieren, das ist der größte Thrill beim innerstädtischen Cache-Suchen. Stealth-Modus heißt das im Agenten-, Pardon, im Cacher-Jargon. Als Kind kam ich bei meinen Abenteuern selten über den Wald hinterm Elternhaus hinaus. Inzwischen fühle ich mich zu Manövern im In- und Ausland berufen. Mein Funkgerät informiert mich bei Bedarf verlässlich über nahe gelegene Operationsfelder.

Im Laufe meiner vierjährigen Praxis musste ich aufrüsten. Ich habe mir inzwischen ein Multi-Tool gekauft, außerdem eine Stirn-, eine Taschen- und eine Schwarzlichtlampe, einen Helm, Teleskopspiegel und sogar eine Wathose. Was man eben so braucht für qualifiziertere Aufgaben wie Ruinen-Caches, Höhlen-Caches, Kletter-Caches, Nacht-Caches ... Ja, ich durchstreife aufregendes Terrain. Es riecht nach Risiko, ich stelle mich meinen Ängsten, dem Wagnis. Manchmal, denke ich, würde ein wenig dramatische Filmmusik ganz gut in die Szene passen. Aber manchmal muss ich mir auch eingestehen: Zu viel Gefahr, nun ja, lieber nicht. Weshalb die kuratierten Geocaching-Abenteuer für Halbmutige wie mich genau richtig sind. Sich fühlen wie Indiana Jones, aber wissen, dass man nicht der Erste ist, der sich durch diesen Höhlengang quetscht, diese Leiter ins Dunkle absteigt ... Schließlich will ich ja später auf dem heimischen Sofa meinen Kindern erzählen, was ich draußen in der unwirtlichen Welt wieder für Abenteuer bestanden habe. Aber was lese ich da in ihren abgeklärten Blicken? Papa, werd erwachsen! Sie haben ja keine Ahnung.