Bin ich schon da?, werden Sie fragen, wenn Sie in Golzow am Gleis stehen, im tiefsten Brandenburg, und vor allem: Komme ich hier je wieder weg? Es ist kalt im Oderbruch um diese Jahreszeit; und oft geht ein zugiger Ostwind. Die Bahn, der Sie entstiegen sind, quert drei Stationen weiter östlich die Oder. Machen Sie sich nichts vor: Sie sind hart an der Grenze. Schauen Sie sicherheitshalber auf den Fahrplan. Vielleicht fährt ja heute noch was.

Jetzt, wenn die Nebelkrähen auf den Feldern stehen, hat Deutschlands kleinste Filmstadt vor allem eines zu bieten: das Filmmuseum über die legendäre Defa-Langzeitdokumentation Die Kinder von Golzow. Doch da müssen Sie erst mal hinkommen. Der Bahnhof liegt nicht in Golzow, sondern eher in der Nähe davon. Ein Taxi rufen? Bauen Sie nicht drauf. Folgen Sie lieber der kleinen Bahnhofsallee über brüchige, altgediente Platten. Schlagen Sie den Mantelkragen hoch, und spähen Sie über die endlosen, kargen Äcker. Lauschen Sie den Krähen. Erfahren Sie den Ort, indem Sie ihn begehen. Irgendwann stehen Sie in der Ortsmitte, sie ist durch eine Stele mit geschichtlichem Abriss markiert. Ist schon März? Dann bestellen Sie beim benachbarten Eis-Alex Blue-Gum-Eis und Käffchen. Oder auch Bier und Burger. Alternativ folgen Sie der Hauptstraße weiter nach Norden. Am Ortsende finden Sie das Gasthaus Wagner, das auch im Winter geöffnet hat. Sightseeing-Junkies reihen gern beide Etablissements aneinander.

Auf dem Rückweg, wenn Sie die Kreuzung das zweite Mal passieren, grüßt man Sie schon. Der Ort beginnt, mit Ihnen zu kommunizieren. Sie nehmen die erste Schwelle vom Fremden zum Freund. In Golzow ist die Entschleunigung keine soziologische Behauptung, sondern dem Ort eingeschriebene Realität. Wo nichts ist, kann einen auch nichts hetzen.

Sobald Ihr Puls sich dem Puls der Stadt angenähert hat, dürfen Sie gern experimentierfreudiger werden. Biegen Sie an der Ortskreuzung nach Osten in die Genschmarer Straße. Nach einigen Minuten sichten Sie die Alte Oder. Queren Sie die Brücke, halten Sie sich rechts. Sie erreichen eine Badestelle, an der die Zeit stillsteht. Laterne, Umkleidekabine, Sitzgelegenheit: Alles atmet den realen Charme des nicht mehr existierenden Sozialismus. Na los, springen Sie rein. Ist gut für den Kreislauf. Auch wenn das Ostdeutschland ist: Sie dürfen etwas anbehalten. Das sind doch alles Märchen.

Entschleunigung und Muße? Naturbadestelle im Winter? Nicht so Ihr Ding? Dann fangen Sie bitte noch mal von vorn an. Verlassen Sie zügig den Bahnsteig. Blicken Sie nicht über die melancholischen Äcker. Ignorieren Sie alle Krähen. Suchen Sie ohne Umwege das Museum der Kinder von Golzow auf, das, nun ja, Sie ahnen es: direkt an der Ortskreuzung liegt. Die Kinder von Golzow ist die erste Langzeitdoku der Filmgeschichte, begonnen mit einem Kurzfilm im Jahr 1961, abgeschlossen mit einem zweiteiligen Epos im Jahr 2007. Anfangs erfährt man wenig über einen Haufen ortsansässiger Grundschüler und dann immer mehr über die Biografie des Filmemachers selbst. Auf 70 Kilometern Film. Schauen Sie rein, bis Ihr Zug fährt. Wann immer er auch fährt. Mehr ostdeutsch-deutsche Geschichte ist in wenigen gestrandeten Stunden nicht zu bekommen. Vor drei Jahren sollte die Grundschule geschlossen werden. Landflucht. Schülermangel.

Doch dann hielt eine syrische Familie sie und damit die Legende am Leben.