1. Was wollt ihr eigentlich?

Wer gut predigen will, sollte wissen, was Hörerinnen und Hörer sich von einer Predigt wünschen. Schließlich soll der Köder ja dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Empirische Predigtforschung hat in den vergangenen Jahren Einsichten hervorgebracht, die wenig überraschend sind. Demnach wünschen sich Predigthörerinnen zuallererst eine "Gratifikation durch Impulse aus der Predigt" – oder weniger technisch ausgedrückt: Dafür, dass ich mich am Sonntag gegen das Ausschlafen und gemütliche Frühstücken entschieden habe, möchte ich aus dem Gottesdienst etwas zum Nachdenken mitnehmen. Wird diese Erwartung zuverlässig und wiederholt enttäuscht, indem mir entweder nur erzählt wird, was ich schon längst weiß, oder was mich nicht interessiert, dann wird die Entscheidung mit einiger Wahrscheinlichkeit häufiger zugunsten des gemütlichen Frühstücks ausfallen. Die Gefahr, dass die Predigt ihre Hörerinnen und Hörer unterfordert, ist weitaus größer als die insbesondere von Predigerinnen und Predigern immer wieder geäußerte Befürchtung, sie könnten überfordert sein. Gebt ihnen Schwarzbrot! Brötchen hatten sie gerade erst.

2. Bibel – bitte übersetzen!

Evangelische Predigt ist die Auslegung eines biblischen Textes. Das ist seit der Reformation und vor allem wegen Martin Luthers existenziellem Urvertrauen in dieses Buch das Markenzeichen evangelischer Predigt. Die akademische Ausbildung der Predigenden in der Exegese biblischer Texte auf hohem wissenschaftlichem Niveau ist daher Standard. Doch eine Predigt ist keine "Vorlesung light". Es ist wichtig, zu klären, in welchen Kontext der Bibeltext ursprünglich gehört und wie seine Aussagen wörtlich zu verstehen sind. Aber diese Arbeit gehört an den Schreibtisch, nicht auf die Kanzel. Predigerinnen und Prediger machen es sich und anderen unnötig schwer, wenn sie in der Predigt erst umfangreich erörtern, dass dieser Text vor sehr langer Zeit sehr weit entfernt von uns völlig unbekannten Menschen verfasst worden ist. Wir wollen gleich hören, was dieser Bibeltext mit unserem Leben zu tun hat! Genau so hat übrigens auch Martin Luther die Bibel gelesen: als ginge es um sein Leben. Und gepredigt hat er so, dass es jeder verstehen konnte – wohl wissend, dass dies eine große Kunst ist.

3. Persönlich, aber nicht privat

Die Zeiten des großen Optimismus sind vorbei. Viele Jahrzehnte glaubte man, zuletzt mithilfe von Milieutheorien, herausfinden zu können, was die Predigthörerinnen und -hörer bewegt. In der Predigt hoffte man sie damit besser "abholen" zu können oder gab ihnen gleich Antworten auf Fragen, die sie noch gar nicht gestellt hatten. Mittlerweile beginnt sich die Einsicht durchzusetzen, dass man eigentlich sehr wenig von anderen Menschen wissen kann – egal, wie gut man sie kennt. Der einzige Mensch, von dem ich in der Predigt einigermaßen zuverlässig reden kann, bin ich selbst. Doch diese "persönliche Predigt" birgt auch eine Gefahr: Niemand, auch nicht die voyeuristischen Hörerinnen und Hörer, möchte wirklich Details aus dem Privatleben des Pfarrers oder der Pfarrerin in der Predigt hören oder sich Sorgen um den Zustand der Ehe im Pfarrhaus machen müssen. Persönliche Erfahrung gehört unbedingt in die Predigt, aber bitte dosiert, reflektiert und verarbeitet.

4. Die Sprache ist kein Kleid, Madame!

Lange Zeit galt es als besonders evangelisch, auf Äußerlichkeiten keinen Wert zu legen. Es geht schließlich um Inhalte. Manchen Protestanten sieht man diese Überzeugung heute noch an. Was die Predigt angeht, drückt sich das vor allem in der Sprache aus. Der viel zitierte "Jargon der Betroffenheit" (Erik Flügge) kann nur dort entstehen, wo in der Predigt nicht sorgfältig genug mit der Sprache umgegangen wird. Sie ist das Material, aus dem Predigten geschaffen werden. Reihungen und Klischees, wuchernde Modalverben und genitivische Substantivkonstruktionen, die immer gleichen Helden und Vorbilder, Zitate und Geschichten, die nun wirklich jeder schon einmal gehört hat – die Liste der Sprachprobleme der Predigt ist lang. Die Sprache ist nicht das Kleid der Predigt, sie ist immer mit dem Inhalt verbunden. "Ich glaube an die Auferstehung der Toten" bewirkt etwas anderes als der Satz "Wir dürfen als Glaubende hoffen, dass die Wahrheit des Lebens die Wirklichkeit des Todes einst überwinden wird". Die gute Nachricht: An der Sprache kann man arbeiten. Es geht dabei übrigens größtenteils um Technik, nicht um Genie.

5. Drei Minuten Ewigkeit

Kürze und Prägnanz stehen ebenfalls oben auf der Liste der Predigterwartungen. Auf der letzten EKD-Synode wurden schon kürzere Gottesdienste gefordert. Dabei ist "Kürze" durchaus ein relativer Begriff. Jeder weiß, wie quälend ein nur drei Minuten langes Grußwort sein kann. Und dass es Menschen gibt, bei denen man nie auf die Idee kommen würde, auf die Uhr zu sehen, wenn sie sprechen. Dass Predigten oft als lang und langweilig empfunden werden, liegt häufig daran, dass sie nicht auf die Bedürfnisse von Hörern zugeschnitten sind. Predigten werden fürs Hören geschrieben, nicht fürs Lesen. Alles, was das Zuhören erleichtert, ist daher gut: ein klarer Aufbau. Sprachliche Bilder, die die Hörer durch die Predigt begleiten. Hauptsätze und Verben statt verschachtelter Satzkonstruktionen. In diesem Zusammenhang ist eine gründlichere rhetorische Ausbildung für Predigende unverzichtbar. Übrigens – die freie Predigt ohne Manuskript ist auch nicht die Lösung des Problems. Nach dem Motto "Die Gedanken entwickeln sich bei Sprechen" hat schon mancher von der Kanzel die Gemeinde eine gefühlte Ewigkeit gelangweilt.

6. Dein Körper spricht

Bei Äußerlichkeiten waren wir schon. Aber nicht nur für die Sprachgestalt der Predigt, auch für ihre Darbietung gilt: Es kommt doch auf Äußerlichkeiten an! Manche Predigten muten an wie Versuche, den Predigtvortrag unter bewusster Ausblendung rhetorischer Grundeinsichten zu gestalten. Hörerinnen und Hörer möchten aber tatsächlich gerne angesehen werden und nicht von fuchtelnden Händen oder zappelnden Füßen abgelenkt werden. Die Stimme ist ein wichtiges Werkzeug aller Predigenden. Von anderen Sprechberufen ist zu lernen, wie sie geübt und gepflegt werden kann. Denn auch wenn es fast jeder abstreiten würde: Jede Predigt ist auch ein Auftritt, dazu noch mit einem selbst verfassten Text. Eine Leistung, die etwa Schauspieler sehr bewundern. Was sie nicht verstehen: Wieso dieser Auftritt in den seltensten Fällen vorher geprobt wird! Dann würde man auch gleich bemerken, dass das Mikrofon nicht funktioniert oder die Predigerin im Halbdunkel oben auf der Kanzel mehr zu ahnen als zu sehen ist.

7. Gebt uns mehr Zeit!

Am Ende dieser langen Liste stellt sich möglicherweise ein Gefühl des "Was denn noch alles?" ein. Predigen ist Handwerk und Kunst zugleich. Und Kunst ist schön, macht aber Arbeit. Für die Vorbereitung eines Gottesdienstes wird in vielen evangelischen Kirchen ein Zeitumfang von acht bis zehn Arbeitsstunden angesetzt. Im Alltag des Pfarramts ist es oft schwer, diese Zeit zu verteidigen. Verwaltungstätigkeit, Sitzungen, Gruppen und Kreise beanspruchen den Pfarrer und die Pfarrerin oft über die Maßen. Abgesehen davon, dass meiner Meinung nach Geisteswissenschaftler nur in seltenen Fällen automatisch Verwaltungsexperten oder gar Bauleiter sein können: Es ist nicht zu erwarten, dass nach einer vollen Arbeitswoche nun ausgerechnet am Samstagabend die Phase der größten Kreativität anbricht. Pfarrerinnen und Pfarrer sollten selbstbewusst – auch gegenüber ihrer Gemeinde – sagen können: Ich bin Theologin, Theologe. Und Predigen ist nicht mein Hobby, sondern mein Beruf.

8. Aus aktuellem Anlass: Die politische Predigt

Predigten, die die Welt verändern – wer wünschte sich das nicht? Aber alle berühmten Predigten, die politisch gewirkt haben, haben eines gemeinsam: Sie wollten gar nicht unbedingt politisch sein. Viel häufiger beziehen sie sich, wie etwa die berühmte "I have a dream"-Rede Martin Luther Kings oder auch die Predigten aus der Zeit der Friedlichen Revolution, auf die biblischen Visionen einer Welt, wie sie nach Gottes Willen sein soll. Frieden statt Gewalt, Gerechtigkeit statt Anhäufung von Besitz, Bewahrung der Schöpfung statt Zerstörung der Natur. Gott selbst ist, soweit man das in der Bibel erkennen kann, parteiisch, für das Leben, gegen den Tod. Mit Parteipolitik hat das nichts zu tun. Die Antwort auf die Frage: Wie soll ich als Christin, als Christ in dieser Welt leben? kann kein Prediger und keine Predigerin ihrer Gemeinde abnehmen. Die Predigt gibt öffentlich Anteil am Nachdenken darüber und regt dazu an. Politisch zu wirken, sollte sie sich nicht vornehmen. Das geht meistens schief.