Dass eine Ausstellung das Publikum sofort begeistert, wünschen sich Museumsleiter und Kuratoren. Nicht immer glückt es. Mal ist der Sommer zu schön und zu heiß draußen, mal zeigt die Konkurrenz im Museum nebenan Großartigeres.

Aber hier. Aber jetzt. Erst vor knapp einer Woche wurde die Schau Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd eröffnet, und schon finden sich im Gästebuch begeisterte Stimmen: "Tolle Farben!", "Einfach hinreißend, gerade jetzt!", "Diese Bilder atmen Licht!"

Wer hat das nicht nötig, in diesen Wochen, in dieser Stadt. Draußen: alles mausgrau, schiefergrau, stahlgrau. Drinnen, im Bucerius Kunst Forum: eine einzige Farbexplosion. Am Material hat Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) nie gespart, hat die Ölpartikel mit schnellem Strich dick verteilt, schön geschichtet. Polster aus Farbe, die intensiv von der Leinwand leuchten: Sonnengelb die Brücke mit Eisbrechern, Baumskulpturen von dunkel gurgelndem Violett (Mond und Gartentor), puderrosa und schilfgrün der Begonientopf, lapisblau der Spiegelnde See.

Das ist "expressiv" und "magisch", wie es der Titel der Ausstellung verspricht. Und der dritte Begriff, "fremd"? Zeigt sich in Form von Ethno-Kunst: Masken, Büsten, Pfeifenköpfe, Kalebassen, aus Westafrika und aus der Südsee, aus gemasertem dunklem Holz geschnitzt, poliert, mit und ohne Gebrauchsspuren.

All das stammt aus der Sammlung des Künstlers. Und die Stadt Hamburg ist daran, wenn man so will, mit schuld. Am 8. November 1909 schreibt der Chemnitzer seinem "Brücke"-Freund Erich Heckel eine Postkarte. Neben der Anschrift skizziert er eine Kopfüber-Figur aus Kamerun mit spitzen Brüsten und Haarturm. Entdeckt hat er die Vorlage dafür vermutlich hier, in Hamburg, bei einem Händler. Ethno-Kunst wird für Karl Schmidt-Rottluff zur lebenslangen Inspiration. In welchen Werken sie figürlich, magisch und auch symbolisch anzutreffen ist, zeigt diese ungewöhnliche Ausstellung erstmals.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Faszination für das archaisch Fremde groß. Paul Gauguin bereist die Südsee, ebenso Emil Nolde und Max Pechstein. Das Grauen des Ersten Weltkriegs stärkt das Misstrauen gegenüber der Zivilisation des alten Europas.

Während die meisten Künstler die stilistische Bewältigung exotischer Objekte interessiert, wertet Schmidt-Rottluff sie auf. Sie werden zum magischen Akteur seiner Bildsprache. Das funktioniert so: "Eine Ahnengeistermaske aus Papua hat keinen Mund", erklärt die Kuratorin Kathrin Baumstark. "Aber Schmidt-Rottluff gibt ihr diesen Ausdruck, das Zornige, die aufgerissenen Augen. Diese Figur empört sich. Er macht das Objekt zu seinem Sprachrohr und zeigt seine eigene innere Zerrissenheit." Seine Empörung ist verständlich im Jahr 1938: Schmidt-Rottluff gilt als "entartet", er hat Mal-, also Ausstellungsverbot. 600 seiner Werke werden aus Museen entfernt, teils zerstört, ins Ausland verkauft. Baumstark: "Man muss sich klarmachen: Während er von den Gedanken des Rassenwahns umgeben ist, stellt er dem diese außereuropäischen Kunstobjekte gegenüber."

Heute, achtzig Jahre später, irritiert allerdings seine Art des Umgangs mit der fremden Folklore. Forschen, woher seine Sammelobjekte stammten? Ihrem kultischen Gehalt nachspüren? Nein, das Interesse des Künstlers gilt allein dem formal-ästhetischen Aspekt, den er für sein Konzept des Magischen transformiert.

Der Erfolg, den er als Vertreter des Expressionismus vor 1933 genoss, bleibt ihm später versagt. Zwar setzt er nach 1945 fort, was gewaltsam unterbrochen worden ist, aber seine Kunst passt nicht in das neue Leitbild der Abstraktion. Beharrlich schafft Schmidt-Rottluff Bilder von entrückten Stimmungen, mit unbestimmten Lichtschlieren zwischen Tag und Traum.

Wenn der Maler mit dieser Ausstellung im Bucerius Kunstforum nun in Hamburg Anerkennung erfährt, schließt sich aber ein Kreis. Viele Jahre unterstützte ihn die Kunsthistorikerin Rosa Schapire, deren Wohnung im Hans-Henny-Jahnn-Weg der Maler mit selbst gebauten Möbeln einrichtete. In der Kleinen Johannisstraße 6 hatte Schmidt-Rottluff ein Atelier, und die Galerie Commeter stellte ihn aus.