Lautet die Moral der Geschichte wirklich: Es gibt keine Moral mehr für Konservative? Den Eindruck kann man gewinnen. Schließlich ist die Moralkritik gerade in Mode bei konservativen Denkern. Da wird nicht nur gegen den linksgrünen Mittelschichtsspießer und seinen vermeintlichen Tugendterror im Namen der Menschheit polemisiert. Da will man am liebsten gar nicht mit Moral belästigt werden in der Öffentlichkeit und empfindet es bereits als persönliche Beleidigung, wenn Grünen-Politiker Kinderbilder twittern, um gegen die Begrenzung des Familiennachzugs für Flüchtlinge zu protestieren. Doch was haben die Kritiker eigentlich gegen die Moral der anderen? Eine entmoralisierte Politik können sie auch nicht wollen. Oder doch?

Hypermoral heißt das neue Buch des Philosophen und Cicero-Kolumnisten Alexander Grau. Bereits der erste Satz lässt keinen Zweifel an der These gelten, dass Deutschland moralisch abrüsten muss: "Die Hypermoral ist die Leitideologie unserer Zeit. Das gilt es anzuerkennen." So geht es weiter: Als "heilsgeschichtliche Utopie", so Grau, verspreche die "Hypermoral" dem Menschen die Selbsterlösung im Diesseits, vorausgesetzt er denkt, schreibt und wählt das Richtige.

Und wenn nicht, meinte FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube jüngst im FAZ-Feuilleton, kommen die Priester des neuen Glaubens, die Journalisten, "Meiner" und "Bescheidwisser", die ganze "denkfaule" Meute. Rettungslos nostalgisch gefalle die sich in der Rolle Kurt Tucholskys und streite im Kostüm des tragischen Helden tapfer gegen Nazis. Weil sie zur Gesellschaft nichts zu sagen haben, würden die Meiner so die Schlachten von gestern einfach noch mal schlagen.

Zugegeben, Bescheidwisser, für die alles gleich rechts ist, was konservativ, neoliberal, deutschnational oder konservativ-katholisch daherkommt, gibt es. Doch ist ihre Bissigkeit gerade kein Indiz für einen übermächtigen Tugendterror, sondern eher für die Hilflosigkeit der gesellschaftlichen Mitte, die es sich mit der Moral lange viel zu leicht machte. Wie selbstverständlich wurde mit Begriffen geschmissen, die angeblich keiner Erklärung mehr bedurften, sodass man heute ratlos ist und persönlich beleidigt, wenn Menschen nicht verstehen können oder wollen, wovon da bloß die Rede ist.

Freiheit, Nächstenliebe, Menschenwürde, Demokratie – jahrzehntelang kamen diese Worte Politikern und Journalisten wie selbstverständlich über die Lippen. Und wie selbstverständlich gab es Ohs und Ahs von links wie rechts dafür. So beschwor man Freiheit mehr, statt über sie zu sinnen. So zitierte man Menschenwürde lieber, statt zu fragen, was an ihr ewig ist und unantastbar. So leistete man pflichtbewusst seinen demokratischen Beitrag, ging wählen, ließ sich wählen und fragte nie: Warum das Ganze?

Genau das fragen nun die AfD und die renitenten Konservativen. Was sie aber gerne übersehen über der modischen Moralkritik: Auch auf der konservativen Seite des politischen Spektrums gibt es mindestens so viel Denkfaulheit und Häme. Auch hier verkleidet man sich mangels Ideen als tragischer Held und kämpft gegen Meinungsdiktatur und politische Verirrung. Auch hier wird diffamiert, gehasst, verunglimpft. Auch hier beansprucht man die Freiheit des Andersdenkenden in erster Linie für sich selbst und kennt nur Freund und Feind und nichts dazwischen.

Die Kostüme, die man trägt dabei, gehören selbstredend den eigenen Helden. In der Rolle Friedrich Nietzsches giftet man gegen Kirche, "Sklavenmoral" und Nächstenliebe. Als Stauffenberg probt man den Widerstand und versteht unter Unrechtsstaat nicht nur Hitler, sondern auch Merkel und den Genderwahn. Als Weiser aus dem Osten heideggert man vom deutschen Sein und Raum und erklärt sein Rittergut zur Pilgerstätte für alternative Demokraten.

Ohne Scham bedient man sich bei allen, die dieselben Ideen vor einem hatten. Bei Arnold Gehlen etwa. Der war trotz oder wegen seiner NS-Verstrickung einer der einflussreichsten Intellektuellen der jungen Bundesrepublik. Vergöttert von den einen, verdammt von anderen, galt sein Hass dem Spiegel und den 68ern. Deshalb fühlte sich Gehlen, anders als Heidegger, auch nie geschmeichelt, wenn Rudolf Augstein auf Erleuchtung hoffend an seiner Türe kratzte. Zu tief saß der Hass auf die Intellektuellen, auf "die Schriftsteller und Redakteure, die Theologen, Philosophen und Soziologen" und auf die "Nutznießer der gesellschaftlichen Nachsicht: Künstler und Literaten".

Es lohnt sich, Gehlen heute neu zu lesen. Mit ihm versteht man besser, woher sie kommt, die neue deutsche Moralkritik, was sie will und was sie mal wollte. So ist in Gehlens Essay Moral und Hypermoral aus dem Jahre 1969 vom Gutmenschen über die Lügenpresse bis zum Gesinnungsstalinismus bereits alles vor- und durchgedacht, was momentan vom rechten Rand in die gesellschaftliche Mitte rinnt. So auch der Hass auf Intellektuelle, Meiner, Profi-Moralisten. Der Intellektuelle, so Gehlen, mache die Moral zum Maßstab aller Dinge, er "luxuriere" seinen "Ethos", bis er zur Zumutung werde für Deutschland und die Menschheit. Nahezu unverfälscht findet sich Gehlens Antiintellektualismus in Alexander Graus Moral-Traktat. Mit "der Erfindung der Ethik", schreibt dieser, "tritt zugleich ein neuer Typus Mensch auf den Plan: der Fachmann für das richtige Handeln, der Intellektuelle. Er ist der Hohepriester der neuen, rational begründeten Moral. Mit ihr im Rücken macht er sich daran, die Gesellschaft zu kritisieren."

Schwamm drüber, dass Gehlen den Beginn der "neuen Moral" unwesentlich vor der Flüchtlingskrise ansetzt, bei der Integration der persischen Barbaren ins Reich Alexander des Großen nämlich: Der moderne Gesellschaftskritiker kennt kein Copyright auf große Gedanken. Munter gießt er alten Wein in zeitgemäße Schläuche. So ersteht Gehlens "Humanitarismus" als "Hypermoralismus" bei Alexander Grau wieder auf von den Toten, die "Leitmoral" kehrt als "Leitideologie" kaum verändert wieder, und die "Verpflichtung zum Kulte am Menschen" wird beim Cicero-Philosophen zur "Selbsterlösung qua politmoralischem Engagement".