Es wirkt immer ein wenig verklemmt, wenn man einem Roman vorwirft, sein Plot sei schwach. Aber bei fast vierhundert Seiten schadet eine gewisse erzählerische Linie dann doch nicht, vor allem wenn man es mit einem halben Dutzend Figuren zu tun hat. Weil hier Dialoge und Bonmotdichte außerordentlich, narrative Struktur und Schlüssigkeit aber mäßig sind, ist Nikotin nur ein ziemlich gutes und kein exzellentes Buch.

Nell Zink wird es womöglich egal sein, sie schreibt ihre Romane schon mal in drei Wochen (und wird dann auch noch für wichtige Preise nominiert). Als Leser sagt man sich irgendwann, "was soll’s", das Ganze läuft mal hierhin, mal dorthin, aber von diesen Akteuren kann man nicht genug kriegen. Sie sind einfach zu schräg, zu sexy, zu smart und zu eloquent, um sie nicht zu mögen.

Es treten auf: Penny, Mittzwanzigerin, arbeitslos, Tochter eines unlängst verstorbenen Schamanen aus Jersey City, der seine globale Anhängerschaft mit diffusen Geheimlehren und mit Drogen versorgte. Pennys Mutter Amalia, eine Indigene aus Kolumbien, die ihren Stiefsohn Matt liebt. Ebendieser Matt, ein Yuppie aus dem Bilderbuch des Neoliberalismus. Jazz, eine verruchte Schönheit mit gebrochener Nase und Gehfehler ("humpelt vom Prügeln in Polizeigewahrsam").

Jazz lebt gemeinsam mit Rob (kaut Kautabak, ist erst mal asexuell, sieht toll aus), Anka (Malerin, brotlos) und anderen, wie es im Werther heißt, "verzerrten Originalen" im besetzten "Nicotine"-Haus, einer Bleibe für Aktivisten, die sich, nun ja, für die Rechte von Rauchern einsetzen.

Penny erbt das Nicotine, aber anstatt die Eindringlinge zu vertreiben, zieht sie selber ein. Und so kommt ein Liebeskarussell in Gang, gegen das Schnitzlers Reigen nur einen braven Ringelpiez darstellt. Amalia liebt Matt, der ist Jazz verfallen, die wiederum Rob begehrt, der mit Penny zusammen sein will. In diesem Kräftefeld – es wird kräftig kopuliert und debattiert, agitiert und randaliert – spannt Zink ihre Satire aus.

Das ist dieser Roman vor allem: eine großartige satirische Szenensammlung über junge weiße Mittelschichtler, die in ihrer Gier, an irgendwas zu glauben, alles Mögliche anstellen, und sei es "die szenische Lesung eines gemeinsam verfassten apokalyptischen Science-Fiction-Stücks, das auf Anomalien im Lebenszyklus der siebzehnjährigen Singzikade basiert". In Zinks turbulentem Post-Hippie-Kosmos werden alle bloßgestellt, und das auf eine coole, lässige, zitierfähige Weise.

Männer: "Ihr könnt hundertmal nacheinander Mist bauen, es ein einziges Mal hinbekommen und von einer Lernkurve reden." Feministinnen: "Ich hätte gern eine NGO, die Mädchen beibringt, Jungs beim Reden ins Wort zu fallen." Hausbesetzer: "Diese Leute sind wie eine Schar Bettwanzen, die immerhin den Abwasch machen." Schlechte Liebhaber: "Es ist, als hättest du alles über Sex nur in Romanen von Houellebecq gelernt."

Ideologiekritisch gesehen ist Zink eine linksliberale Zynikerin, die genau weiß, dass das Justemilieu aus Umweltschützern, Gentrifizierungsgegnern und Tofu-Essern sein Moralsystem nur allzu gern gegen eine schicke Wohnung im Stadtzentrum eintauscht.

Nell Zink: Nikotin 
A. d. Engl. v. Michael Kellner; Rowohlt Verlag, Reinbek 2018; 400 S., 22,95 €, als E-Book 19,99 €