Bewegung, Wahlliste oder Partei? Wagenknecht lässt es offen, sagt aber: "Die Idee einer parteiübergreifenden Bewegung hat Charme". © Olaf Blecker für DIE ZEIT/dpa

DIE ZEIT: Frau Wagenknecht, warum wollen Sie eine linke Sammlungsbewegung gründen?

Sahra Wagenknecht: In der Bevölkerung gibt es in vielen Fragen keinen rechten Zeitgeist, sondern einen linken. Eine Mehrheit will höhere Löhne, eine Vermögenssteuer für Reiche, ein Rentensystem, das den Anspruch, im Alter den Lebensstandard halten zu können, einlöst, und die meisten sind gegen Waffenlieferungen in Spannungsgebiete und gegen Kriegseinsätze. Aber diese Mehrheit hat keine politische Repräsentanz. Die einzige Partei, die das vertritt, ist aktuell die Linke, aber wir können allein keine Regierung bilden. Das wissen die Leute auch.

ZEIT: Was kann eine Sammlungsbewegung, das Rot-Rot-Grün nicht könnte?

Wagenknecht: Rot-Rot-Grün ist auf absehbare Zeit tot. Die Grünen haben sich entschieden, eine bürgerliche Partei zu werden, die ihren Platz eher an der Seite der Union sieht. Auch für die SPD ist die Überwindung von Niedriglöhnen, Altersarmut oder Leiharbeit kein Thema mehr. Dass Frau Nahles in dem dürftigen Sondierungsergebnis 80 Prozent des SPD-Wahlprogramms verwirklicht sah, sagt viel darüber aus, wo die SPD heute steht. Mit diesem Kurs hat sie seit 1998 zehn Millionen Wähler verloren. Die Linke hat heute zwei Millionen Wähler mehr als die damalige PDS. Wo sind die übrigen acht Millionen geblieben? Viele wählen gar nicht mehr, manche aus Wut AfD. Aber man kann davon ausgehen, dass sie sich nach wie vor eine sozialere Politik wünschen, einen Staat, der sie vor dem entfesselten Konzernkapitalismus und globaler Dumpingkonkurrenz schützt. Es muss für sie wieder ein Angebot von links geben.

ZEIT: Wie gehen Sie vor?

Wagenknecht: Ich will eine Diskussion anstoßen. Das scheint gelungen. Ich bekomme viele positive Reaktionen von früheren SPD-Wählern, SPD-Mitgliedern, Gewerkschaftern. Ich würde mir allerdings wünschen, dass es auch ein paar bekannte Gesichter gäbe, die bisher nicht bei der Linken sind, die eine Sammlung linker Kräfte nicht nur im persönlichen Gespräch, sondern auch öffentlich unterstützen.

ZEIT: Wer könnte das sein? Und haben Sie schon mit Juso-Chef Kevin Kühnert gesprochen?

Wagenknecht: Jeder muss für sich entscheiden, ob und was er politisch bewegen will. Viele warten jetzt natürlich erst mal auf den Ausgang des Mitgliederentscheids. Wenn die SPD unter den gegebenen Bedingungen noch einmal mit der CDU/CSU regiert, wird sie weiter Wähler und Mitglieder verlieren. Ich hoffe, dass es in der SPD noch genügend Leute gibt, die mehr wollen, als dem Niedergang ihrer Partei zuzuschauen.

ZEIT: Einer der Gründe für die Zersplitterung des Parteiensystems ist ja, dass die Leute immer individueller werden. Wieso sollte die Zusammenführung verschiedener linker Parteien zu einer gemeinsamen Bewegung die Leute mobilisieren?

Wagenknecht: Der Hype um Martin Schulz vor einem Jahr hat gezeigt, dass es ein großes Wählerpotenzial für soziale Gerechtigkeit gibt, das sich allerdings schnell wieder abgewandt hat, als deutlich wurde, dass Schulz nicht liefert. Wir können in anderen europäischen Ländern auch ein bisschen in die eigene Zukunft schauen. In Österreich regieren die Konservativen jetzt mit der FPÖ, weil sich auf der linken Seite nichts bewegt hat. In Frankreich ist eine linke Sammlungsbewegung entstanden. Dort ist heute nicht mehr die rechtsextreme Marine Le Pen das Gesicht der Opposition, sondern der Linke Jean-Luc Mélenchon, der fast 20 Prozent bei der Präsidentschaftswahl erreicht hat.

ZEIT: Weil Sie gerade Mélenchon ansprechen: Jede Bewegung lebt auch von einem Kopf, der sie führt. Wer soll der Kopf der neuen linken Sammlungsbewegung sein? Sie?

Wagenknecht: Wir brauchen mehrere Köpfe und vor allem eine gesellschaftliche Basis. Da muss etwas in Bewegung kommen.

ZEIT: Planen Sie eine parteiübergreifende Bewegung? Eine Liste? Oder eine neue Partei?

Wagenknecht: Ich habe die konkrete Form bewusst offengelassen. Die Idee einer parteiübergreifenden Bewegung hat Charme. Was sich daraus entwickelt, muss man sehen. Das deutsche Wahlrecht ist leider stark auf Parteien orientiert. Denkbar wäre, dass eine Partei ihre Wahllisten öffnet und dadurch breiter ins linke Lager ausstrahlt.

ZEIT: Würden Sie denn auf einer offenen Liste einer linksgewendeten SPD antreten?

Wagenknecht: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Führung der SPD über eine Linkswende nachdenkt.