Es ist eine kurze Szene, scheinbar nebensächlich: Elisa, die Heldin des Fantasyfilms Shape of Water, nimmt wie immer auf dem Weg zur Arbeit den Bus. Im Universum ihres Regisseurs, des liebevollen Weltenentwerfers Guillermo del Toro, gibt es aber keine Nebensächlichkeiten. Zusammen mit der dünnen Elisa steigt ein schwergewichtiger Mann in den Bus. Er trägt eine Torte, in der ein Stück fehlt. Appetit, kindliche Ungeduld, Vernaschtheit steigen als Fahrgäste mit ein, und der tiefe Humanismus des mexikanischen Regisseurs ist in Szene gesetzt.

"Ich bin 52 Jahre alt, wiege 300 Pfund und habe zehn Filme gemacht" – mit diesen Worten begann Guillermo del Toro seine Dankesrede, als er im vergangenen September den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig gewann. Außerdem sagte er, dass er an Monster, das Leben und die Liebe glaube. Sein neues Werk Shape of Water kann man als eine poetische Illustration dieses Credos sehen.

Der Film handelt von einem Monster: einem türkis schimmernden menschenähnlichen Kiemenwesen (Doug Jones), das zu Beginn der sechziger Jahre von der CIA in einem Militärlabor festgehalten wird. Und er erzählt vom Leben einer Frau: Die stumme Elisa arbeitet als Putzfrau und wohnt über einem alten Kino, in einer Wohnung, deren abgeblätterte, feucht-grüne Wände schon halb zum Element des Wassers zu gehören scheinen. Es geht um die Liebe: zwischen Elisa, der Waise, die hören, aber nicht sprechen kann, und dem schuppigen Geschöpf vom Amazonas, in dessen Einsamkeit sie ihre eigene erblickt.

Man könnte von einem Monsterfilm über das schönste aller Gefühle sprechen. Von einer behutsamen Choreografie der Außenseiter – die zum trickreich ausgefochtenen Überlebenskampf wird.

Shape of Water spielt in einem fantasmagorischen Amerika. Geprägt ist es vom normal-realen Rassismus und von dumpfer Frauenverachtung, von einer Atmosphäre, in der gesellschaftliche Aufbrüche oder Befreiungen nicht einmal in der Ferne des von Unruhen und Bränden erzitternden Horizonts zu ahnen sind. Daher liegt alle Hoffnung auf den Figuren: allen voran der fragilen, um ihr Glück ringenden Elisa, der die zarte Sally Hawkins große Entschlossenheit verleiht. Gleich zu Beginn erzählt del Toro auf überraschende Weise von den Bedürfnissen dieser Heldin: Nach dem Aufstehen legt Elisa Eier ins kochende Wasser. Die drei Minuten bis zum Klingeln der Uhr nutzt sie, um sich in der Badewanne zu befriedigen. Frühstückseier bringt sie auch ihrem Nachbarn und besten Freund (Richard Jenkins), einem erfolglosen Grafiker. Diese beiden verbindet die Verwandtschaft einsamer Seelen. Elisas beste Freundin, die schwarze Putzfrau Zelda (Octavia Spencer), gibt dem Film einen Groove, den selbst Stechuhren und blaffende Vorgesetzte nicht aus dem Takt bringen. Ihre Dialogzeilen ergeben eine ganz eigene Art von Kalendersprüchen: "Es braucht einen Haufen Lügen, um eine Ehe am Laufen zu halten." Und es braucht eine solche Phalanx fantastischer Figuren, um auszuhalten, wovon del Toros Film auch erzählt. Von Hass und Angst, von der Grausamkeit eines weißen "Herrenmenschen", von einem Labor, das zum Folterkeller wird.

Tief unten im geheimen CIA-Komplex befindet sich das Schuppenwesen angekettet in einem Wassertank. Ein Agent namens Strickland untersucht und quält es mit einem elektrischen Schlagstock. Michael Shannon spielt diesen Typen, zu dessen Selbstverständnis gehört, sich nach dem Pinkeln nicht die Hände zu waschen, als eigentliches Monster des Films. Strickland hat eine wasserstoffblonde Frau, einen nagelneuen Cadillac und ist getrieben von einem einzigen Gedanken: das fremde Geschöpf umzubringen, bevor es den Russen in die Hände fällt. Die Pointe des Films besteht darin, dass diesem "America first"- Typen völlig entgeht, was sein Land und dessen Wissenschaftler von einem Geschöpf lernen könnten, das zugleich Lunge und Kiemen und magische Heilkräfte besitzt.

Beim Putzen hört Elisa die Schreie der gemarterten Kreatur. Sie wird sich dem Monster annähern, es wie den Nachbarn mit gekochten Eiern versorgen, ihm Swingmusik vorspielen, über Gesten eine Verbindung zu ihm aufnehmen.

Technik als Mittel zum träumerischen Zweck

Vor zwölf Jahren drehte Guillermo del Toro den Film Pans Labyrinth, in dem ein kleines Mädchen vor der Grausamkeit des Spanischen Bürgerkrieges in eine Traumwelt flüchtet. Geradezu demütig ordneten sich seine Computereffekte der Geschichte und ihren Fabelwesen unter – etwa indem eine Ingwerknolle zum Leben erweckt und zum Freund und Tröster des Mädchens wird.

Auch in Shape of Water setzt Guillermo del Toro die Technik mit schöner Strenge ein: als Mittel zum träumerischen Zweck. Als Verbündete unserer Vorstellungskraft. Als Pinsel, der im fertigen Bild nicht zu sehen ist. Und wozu ist Kino da, wenn nicht, um uns weiszumachen, dass es ganz natürlich ist, sich in einem bis zur Decke vollgelaufenen Badezimmer schwimmend, schwebend, rudernd mit einer regenbogenforellenhaften Kreatur zu vereinigen?

Shape of Water ist auch eine Verneigung vor der Fantasie und Erzählfreude des klassischen amerikanischen Kinos. Vor all den Filmen der dreißiger, vierziger, fünfziger Jahre, die bei Elisas Nachbarn auf der anderen Seite des Flures den ganzen Tag im Fernsehen laufen: Musicals, Films noirs, Wasserballettfilmen, Stepptanzfilmen, Liebesepen, romantischen Komödien, Historienschinken, Bibelfilmen, Kostümdramen. In Guillermo del Toros Farbdramaturgie weht der von ihm feinfühlig verdüsterte Geist des Technicolors. Seine Figuren sind Brüder und Schwestern im Geiste von Judy Garland, Cab Calloway, Esther Williams oder auch von Jack Arnolds Monsterfilm Creature from the Black Lagoon aus dem Jahr 1954. Und seine Geschichte lässt uns in einem sehr cineastischen Sinn an Monster, die Liebe und das Leben glauben.

Anders gesagt: Dieser für 13 Oscars nominierte Film ist auch deshalb so schön, weil er aus der Tiefe der Bilder kommt.

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