Er: Mir fehlt viel im Leben. Skifahren fehlte mir nie. Ich konnte mir keine Lücke vorstellen, die sich dadurch stopfen ließe, dass ich Hunderte von Kilometern fahre, um mir dort für das Äquivalent des Bruttoinlandsprodukts eines kleinen (aber nicht sehr kleinen) Landes einen Skipass zu kaufen und mich dann, eingehüllt in Kälte und schmerzhaft farbenfrohem Goretex, an Seilen einen Berg hochziehen zu lassen, damit ich ihn auf zwei unangemessen langen Brettchen wieder hinuntersause. Mit etwas Glück würde ich mir dabei nur das Bein brechen oder zwei, drei unwichtigere Wirbel. Mit etwas Glück würde ich dem Après-Ski entkommen, mit etwas Glück würde das Geld nach ein paar Tagen ausgehen, und ich könnte den Rest der Zeit das machen, was man im Urlaub ohnehin machen sollte, nämlich nichts. Skifahren befremdete mich, Skifahrer befremdeten mich, und die sektenhafte Begeisterung, die dieses ganze Ski-Brimborium umgab, befremdete mich am meisten.

Sie: Wäre Skifahren wirklich eine Sekte, hätten alle anderen Religionen ausgedient. "Skifahren macht euphorisch", locke ich den Mann, aber so richtig glaubt er es mir nicht. Er kennt den Rausch nicht bei einer Schussfahrt mit 80 km/h, kennt den Adrenalinschub nicht, wenn man sich abseits der planierten Strecken durch die Wälder kämpft, und am wenigsten kennt er den Moment, in dem die Angst keine Chance mehr hat, in dem man nur noch da ist, man selbst, der Schnee, die Geschwindigkeit, dieses allumfassende, süchtig machende Glücksgefühl. Neuschnee, das Kokain des Skifahrers. Ich komme aus den Bergen, viele Kindheitserinnerungen handeln vom Skifahren: "Weißt du noch", fragt meine Mutter gern, "als du deinen Ski im Sessellift verloren hast und die ganze Piste einbeinig danach absuchen musstest?" Natürlich weiß ich es noch, ganz genau sogar. Der Mann allerdings versteht nicht, "was reizvoll daran sein soll, auf einem Ski einen steilen Hang runterzufallen, um nach dem zweiten Scheißding Ausschau zu halten". Vielleicht ist Skifahren wirklich eine Sekte. Dann möchte ich bitte mit jemandem zusammen sein, der derselben Religionsgemeinschaft angehört.

Die Frau hat das Skifahren natürlich schon im Mutterleib gelernt. Sie kann besser Ski fahren als gehen. Und natürlich droht sie seit Jahren, dass sie mich bald mal mitnehmen werde in die Berge, in eine dieser feindselig verschneiten Höllen, die alle nach seltenen Krankheiten klingen: Oberjoch, Erbeskopf, Nesselwang, Sackpfeife. Und natürlich antworte ich seit Jahren darauf mit dem einzig Angemessenen: "Ja, ja." Aber weil ich dann doch ein paar Mal zu viel in Poesiealben und auf Facebook-Walls gelesen habe, man solle alles im Leben einmal ausprobieren, und ich die Frau außerdem sehr mag, ist aus dem "Ja, ja" irgendwann tatsächlich ein "Ja" geworden, wenn auch ein sehr geseufztes.

Warum will die Frau mich töten?
Er

Sein Seufzen überhöre ich, mir reicht ein "Ja", egal, wie gemurmelt. Endlich hat der Mann Gelegenheit, zu bemerken, dass er bisher eigentlich nicht gelebt hat! Ich packe also alle meine Ski, meine Thermosocken, meinen Helm, und der Mann packt gar nichts, weil er nichts an Ausrüstung besitzt. Das Zeug wird dann eben geliehen. Wir entscheiden uns für Bad Gastein in Österreich. Oder eher: Ich entscheide mich für Bad Gastein, und der Mann sagt: "Ja, ja." Bad Gastein ist nicht nur umgeben von großen Skigebieten, sondern liegt selbst wunderschön im Tal. Die Häuser und Hotels schmiegen sich zum Teil aberwitzig an den Hang, und es ist noch etwas vom Glamour der zwanziger Jahre zu spüren, als der Ort seine große Zeit hatte. Das denkmalgeschützte Grand Hotel de l’Europe soll zum Beispiel als Vorbild für Wes Andersons Grand Budapest Hotel gedient haben. Leider ist das Casino darin mittlerweile geschlossen, und auch ein Grandhotel ist es nicht mehr. Wir kommen dafür im Miramonte unter. Trinken ein Glas Wein in der schummrigen Hotelbar. Draußen Schnee, drinnen gemütlicher Minimalismus und die zufriedene Erschöpfung derjenigen, die den Tag schon auf Skiern verbracht haben. Es ist alles, wie es sein sollte. Ich erzähle dem Mann von all den großartigen Abenteuern, die ihn erwarten, und checke den Wetterbericht, Neuschnee beim Vorarlberg, Sonne auf dem Graukogel. "Was für ein Vogel?", fragt der Mann, und ich denke zum ersten Mal, dass unser Unternehmen doch noch eine Menge Arbeit bedeuten könnte.

Die Frau will mir natürlich alles höchstpersönlich beibringen, was eine irre behämmerte Idee ist. Wir trennen uns ohnehin alle vier Wochen, da reicht ein falscher Blick, ein falscher Traum und einmal sogar ein falsches Horoskop. Und der Streit, den wir als Lehrerin und Schüler unausweichlich anzetteln, würde langsamer verheilen als jedes gebrochene Bein. Deshalb schalten wir lieber Hans dazwischen. Hans ist Skilehrer, trägt Pferdeschwanz und sieht mit Ende 50 deutlich jünger aus als ich. Was ich denn außer Skifahren so für Sport mache, fragt er, und ich sage: "Bisschen Schwimmen", weil ich letztes Jahr mal schwimmen war, und Hans merkt spätestens jetzt, dass er viel Geduld brauchen wird. "Bist du bereit?", fragt er. "Ja, ja", sage ich. Als Erstes lernt man beim Skifahren, wie man damit wieder aufhört. Also wie man anhält, wenn man da ist, wo man in diesem Sport offenbar unbedingt sein will: ganz unten. Hans zeigt mir den "Schneepflug", der bei kleinen Kindern mittlerweile "Pizzastück" heißt, und beides ist keine gute Beschreibung für den absolut unsexy und anstrengenden Winkel, in den man Beine und Skier beim Bremsen bringen soll. Ansonsten ist diese Haltung aber erstaunlich wirkungslos.

Wenn ich dem Mann schon nicht das Skifahren beibringen darf, möchte ich wenigstens zuschauen. Also ungefähr zwei Minuten lang. Länger hält man es eigentlich nicht aus, den Partner derart erbarmungswürdig den Berg runterrutschen zu sehen, in einer Haltung, als müsste er dringend aufs Klo oder halt schon nicht mehr, zumindest aber so, als wolle er auf gar keinen Fall Ski fahren. Ich wünsche Hans alles Gute, er nickt aufmunternd. Ich verabschiede mich und erkunde das Skigebiet allein. Unbedingter Tipp für alle, die ohne Partner oder mit einem ähnlich nutzlosen wie meinem in den Skiurlaub fahren: Musik hören beim Fahren. Vom Stubnerkogel hat man eine lange Abfahrt mit einigen schwarzen Pisten vor sich. Links und rechts fliegt der Tiefschnee, während Bon Jovi It’s my life singt. Da ist es, das einzigartige, schnelle, schöne Skifahrleben.