Es war abzusehen, jetzt ist das Geschrei wieder groß. In der Innenstadt, zwischen Springerplatz und Graskellerbrücke, baut die Firma Quantum das Stadthaus-Ensemble zu einem neuen Vergnügungszentrum namens Stadthöfe um. Dieses Jahr noch soll Eröffnung sein: Shopping, Hotel, Restaurants, das Übliche. Dazu Büros, ein bisschen teures Wohnen, alles unter dem Motto "Hommage an das Leben". Immerhin gab es am Anfang noch die Hoffnung auf eine historisch korrekte Architektur mit der alten, wiederhergestellten Dachlandschaft. Davon ist leider kaum etwas zu erkennen. Alles sieht obenrum so platt draufgestapelt und falsch aus wie zuvor; nur der runde Turm an der Ecke zum Neuen Wall bekam seinen schnörkeligen Helm zurück.

Doch für Erregung und inzwischen schon internationale Empörung sorgt eher und völlig zu Recht das Untenrum. Denn im Stadthaus befand sich der Sitz der Polizei, hier amtierte von 1933 an die Gestapo. Hier wurde eingesperrt und gefoltert, die Diensträume und Keller waren Schreckenskammern. Bisher wiesen nur zwei versteckte Tafeln auf die Polizei-Verbrechen hin. Nach dem Umbau sollte ein Dokumentationszentrum entstehen. Dies hatte die Stadt 2009 beim Verkauf allerdings an die Firma Quantum delegiert. Denn wenn man Krankenhäuser und anderes privatisiert, dann kann man doch wohl auch, in der Logik des damaligen CDU-Senats unter Ole von Beust, das Gedenken an den NS-Terror privatisieren.

Das Ergebnis ist verheerend: Von 530 Quadratmetern war einmal die Rede, geblieben ist eine Alibi-Fläche von 70 Quadratmetern. Das muss genügen für, erstens, eine kleine Buchhandlung mit, zweitens, einem Café und, drittens, einem Gedenk-Eckchen, das die Buchhändlerin nebenbei betreuen soll.

Offenbar begreift Quantum gar nicht, worum es geht. Denn schon jetzt begrüßt die zukünftigen Kunden am Eingang ein metallener Schriftzug ("Moin Moin" und "Bienvenue"), der exakt den zynischen Losungen in den Toren der Konzentrationslager nachgeschmiedet zu sein scheint: "Arbeit macht frei" und "Jedem das Seine". Was für ein Desaster – oder in der infantilen, Deutsch und Französisch travestierenden PR-Kunstsprache der Firma Quantum: "Kell Blamage!"

Diese Peinlichkeit der intellektuell offenbar heftig überforderten Investoren fällt indes auf die Stadt zurück. Denn natürlich muss man fragen, warum es in den mehr als siebzig Jahren seit 1945 niemand nötig fand, an dieser Stelle für Aufklärung und ein angemessenes Gedenken zu sorgen. Immerhin war der Stadthaus-Komplex bis zu seinem Verkauf an Quantum in städtischer Hand, hatten hier Hamburger Behörden ihren Sitz.

Andere Städte zeigen, wie es besser geht. In Köln wurde bereits 1981 die ehemalige Gestapo-Zentrale, das EL-DE-Haus, zu einer Gedenkstätte umgewandelt. In (West-)Berlin gibt es seit 1987 die Topographie des Terrors, in Münster seit 1999 die Bildungsstätte Villa ten Hompel – zur Nazizeit ein Sitz der Polizei – und in München, nach langen, qualvollen Debatten, seit 2015 das große NS-Dokumentationszentrum beim Königsplatz in der Innenstadt. Auch mitten in Stuttgart wird jetzt ein Ort der Erinnerung im ehemaligen Gestapo-Quartier der Stadt eröffnet.

...erinnert an Konzentrationslager wie Sachsenhausen © Sophia Kembowski/picture-alliance/dpa

Man könnte von einem unglücklichen Versäumnis sprechen, von fatalem Versehen. Doch wenn man sich die Gedenkzeichen in Hamburgs City anschaut, entdeckt man erschreckend viel Versehen und Versagen. Da finden sich Tafeln, die gedenken, ohne zu erinnern. Die sich davor drücken, die NS-Verbrechen überhaupt beim Namen zu nennen, und andere, die wesentliche historische Fakten unterschlagen (wie einige der blauen Tafeln des Denkmalschutzamtes). Da sind die verlogenen Reliefs zur Bücherverbrennung unter der missratenen Heine-Statue am Rathausmarkt: als wären es feiste SA-Proleten gewesen und nicht feinsinnige Professoren und Studenten, die 1933 die Werke Freuds, Döblins und Remarques in die Flammen warfen. Auch manch bizarre Installationskunst gehört dazu, wie die Blumentopfsammlung vor dem Oberlandesgericht, die an die NS-Terrorjustiz gemahnen soll, und ein nur schwer zu dechiffrierender Textverhau am Dammtor zur Erinnerung an die Mordjustiz der Wehrmacht.

Man mag zum gelungenen Gegenbeispiel auf das kleine Museum unter der Ruine der Nikolaikirche an der Willy-Brandt-Straße verweisen. Doch darf man diesem wichtigen Ort, der über die Zerstörung Hamburgs im Luftkrieg informiert, nicht zu viel aufbürden. Und das geschieht, wollte man dort die Geschichte Hamburgs im "Dritten Reich" erzählen.

Auch der Hinweis auf die KZ-Gedenkstätte Neuengamme führt nicht weiter. Denn so fabelhafte Arbeit dort draußen geleistet wird – die Erinnerung an den alltäglichen Terror, der aus der Mitte der Stadt kam, gehört genau dahin: in die Mitte der Stadt, zwischen Boutiquen, Büros und Restaurants, in die "Hommage an das Leben". Aber nicht als marketingkompatibles Apropos, sondern angemessen dimensioniert als stadtgesellschaftlicher Raum der historischen Aufklärung für heute.