Das Ritual war immer das gleiche in der schön gealterten Villa in München-Schwabing. An der Tür begrüßte Else Bechteler-Moses. Im großen Flur stand ein riesiger Tisch mit unzähligen Fotokartons, manche offen, andere geschlossen und nach einer Ordnung befüllt und gestapelt, die nur der Besitzer kennen konnte. Auf dem Tisch mit Blick auf den Garten und die mächtigen Bäume standen schon das Kaffeeservice und der Kuchen. "Sie müssen erst ein Glas Lebenssaft trinken", sagte Stefan Moses dann und goss aus einer Karaffe die rote, leicht trübe Flüssigkeit ins Glas, "das hilft." Auf die Frage, was denn drin sei und wogegen der Saft helfe, reagierte der Fotograf jedes Mal wieder nur mit einem Lächeln und einem Halbsatz: "Alles und gegen alles." In der Nacht von Freitag auf Samstag ist Stefan Moses im Alter von 89 Jahren gestorben: einer der großen Fotografen der Bundesrepublik, und wahrscheinlich ihr größter Porträtfotograf.

Die Entscheidung, sich auf das eigene Land zu konzentrieren, fiel bald nach dem Krieg. Der 1928 in Liegnitz geborene Anwaltssohn, den die Nationalsozialisten als sogenannten Halbjuden noch im Frühjahr 1944 von Breslau aus ins Zwangsarbeiterlager Ostlinde deportierten, setzte nach seiner Flucht in Jena die Ausbildung zum Fotografen fort. Er arbeitete am Theater Weimar und für die Defa in Babelsberg und entschied sich dann 1950 für den Umzug nach München. Stefan Moses auf eine Rolle als Chronist der Bundesrepublik zu reduzieren würde weder seinem Anspruch noch seinem Werk gerecht. Er suchte nicht systematisch nach den großen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen seines Staates. Er interessierte sich für dessen Menschen und begegnete ihnen mit der Kamera auf eine so unaufdringliche Weise und mit solch großartigen Bildkonzepten, dass ihm damit über fast 70 Jahre hin doch so etwas wie eine Bestandsaufnahme gelang. "Jeder Mensch ist eine Gesellschaft", lautete einer seiner Glaubenssätze.

Für den stern, für die ZEIT und den Spiegel arbeitete Stefan Moses als Reportagefotograf. Schon früh, als die junge Bundesrepublik selbst von ihrer Vergangenheit am liebsten noch nichts wissen wollte, und danach über 50 Jahre lang suchte und fotografierte er immer wieder die Emigranten, um deren Geschichten zu bewahren. Einmal schaut die 83-jährige Schauspielerin Tilla Durieux 1963 wie ein kleines Mädchen zwischen den Ästen eines Baumes im urdeutschen Wald hindurch. Ein anderes Mal stehen die großen Philosophen Ernst Bloch und Hans Meyer verunsichert vor einem großen Garderobenspiegel: Stefan Moses hatte ihnen das Auslöserkabel für die Kamera selbst in die Hand gegeben und fotografierte die Geistesgrößen nun seinerseits dabei, wie sie nach einer angemessenen Position suchten. Der eine hat die Pfeife aus dem Mund genommen, der andere seinen Schlips akkurat in den Hosenbund gestopft – beide schauen so ernst und seriös, wie es sich für die damaligen Chefdenker der Republik geziemte: staatstragendes Selbstverständnis, von Revolution nicht der Hauch einer Spur. Auf einfühlsamere Weise ist die Suche nach neuer Identität in der alten Heimat nie beschrieben worden.

Eigentlich, erzählte Stefan Moses einmal, habe er in der jungen Bundesrepublik die guten Deutschen und die bösen Deutschen fotografieren wollen. Er bekam Franz von Papen vor die Kamera und Admiral Dönitz. Irgendwann aber sei ihm aufgegangen, dass das Konzept nicht funktionierte – weil dem gedanklichen Schwarz-Weiß- und Gut-böse-Schema die Entsprechung in der Realität fehlte. Er entschied sich stattdessen, das eigene Land mit der Kamera zu suchen – "weil es genauso unerforscht ist wie Südamerika" –, und stellte damit unbewusst in der Nachfolge August Sanders eine neue Typologie der Deutschen auf.

Von den Sechzigern bis weit in die Achtziger hinein zogen Stefan und Else Bechteler-Moses wie Wanderfotografen durch Deutschland und fotografierten Straßenbahnschaffnerinnen und Metallarbeiter, Rollmopspackerinnen, Bauernfamilien und Gymnastiklehrerinnen. Später wird der Fotograf vom "interessantesten Land der Welt" sprechen. Als Moses nach dem Fall der Mauer den Gedanken des fotografischen Bewahrens für die Reihe Deutsche – West, Deutsche – Ost wieder aufgreift, holt er das große Filztuch für seine Modelle aus dem Keller. Wie auf Brechts "offener Bühne" posieren diesmal nicht nur unbekannte, sondern auch prominente Zeitgenossen: Gregor Gysi und Hans Modrow, Heiner Müller mit Zigarre vor seinem Plattenbau und Egon Krenz, der Stefan Moses um Hilfe bei der Suche nach einem Studienplatz für seinen Sohn bat.

Das Lebenswerk von Stefan Moses war trotzdem nie Ausdruck eines Nationalbewusstseins, sondern eines von tiefem Interesse an seinen Mitmenschen geprägten Humanismus. Vielleicht ist deshalb jenes 1967 erschienene Buch Manuel der schönste seiner Bildbände. Stefan Moses dokumentierte darin in Fotosequenzen Ereignisse im Leben seines damals fünfjährigen Sohnes. Natürlichkeit und Naivität, Aufmerksamkeit und Liebe haben seither kaum einen innigeren Ausdruck gefunden.

Dass das, was Stefan Moses fotografierte, nicht allein journalistische oder dokumentarische Arbeit war, wurde der Öffentlichkeit spät bewusst: Erst 1980 zeigte das Museum Folkwang in Essen die erste Einzelausstellung von Stefan Moses. 2002 folgte die große Retrospektive im Münchner Stadtmuseum. Ihm selbst schien das alles nie wichtig zu sein. "Sie brauchen doch nicht extra nach München zu kommen", sagte er damals am Telefon. "Der Katalog ist so hervorragend, der genügt doch auch."