Ein Plädoyer für mehr Mut der Studierenden in stürmischen Zeiten

Wenn ich mir meinen Bildungsweg ansehe, muss ich zugeben, dass ich nicht gerade als leuchtendes Beispiel für eine universitäre Laufbahn tauge.

Ich habe so viele Schulen besucht, dass ich mich gar nicht mehr an alle richtig erinnern kann. Ich bin sitzen geblieben. Ich wurde dringend gebeten, eine altehrwürdige Schule zu verlassen. Der Oberstudiendirektor dieses Gymnasiums eröffnete meiner armen Mutter beim Elternsprechtag, dass ich alle Anlagen für eine kriminelle Karriere hätte. Mein Abitur habe ich erst mit 20 Jahren gemacht. In den ersten Semestern nach meiner Einschreibung an der Universität besuchte ich weder Seminare noch Vorlesungen – und machte trotzdem meine Scheine. Die Prüfung an der heiß begehrten Journalistenschule in München habe ich bestanden – bin dann aber nicht hingegangen.

Trotzdem glaube ich, dass Universitäten mehr für die Gesellschaft leisten können, als Wissenschaftler und Experten hervorzubringen und sich den Kopf über Creditpoints und Exzellenzcluster zu zerbrechen, so wichtig die auch sind. Mir geht es dabei um einen Ausdruck, bei dem viele vielleicht erst mal stutzen werden, weil er aus der Zeit gefallen zu sein scheint, gefühlig und wohl auch kitschig. Aber er gefällt mir gut: Ich bin davon überzeugt, dass es während des Studiums auch um Herzensbildung gehen sollte. Ein Begriff, für den sich Friedrich Schiller zu Zeiten der Aufklärung starkmachte.

Deshalb will ich die zentrale Frage meines Vortrags bewusst an Sie als Studierende richten, nämlich: Sind Sie Elite?

Bildungspolitisch gehören Sie zu den Besten dieses Landes – nur 16 Prozent der Bevölkerung erlangen einen akademischen Abschluss –, darum lädt der Staat Sie auch ein, auf seine Kosten zu studieren. Ohne Studiengebühren! Es ist ein großer Segen, dass das bei uns möglich ist.

Stellt sich also die Frage, ob Sie dieser Gesellschaft nicht auch etwas zurückgeben können. Ich finde: Sie sollten Elite sein wollen!

Die Elite ist verpönt und wird beschimpft.

Der Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion Alexander Gauland sagte anlässlich der Diskussion um die Terrorabwehr: "Früher hatten wir noch eine glaubhafte politische Elite, die den Menschen Mut und Zuversicht machte und der Gefahr ins Auge sah, um sie erfolgreich zu bekämpfen."

Die Eliten werden von den Rändern her angegriffen

Katja Kipping, Vorsitzende der Linken, erklärt in einer Rede, die schwierige Gefühlslage der Menschen in Europa habe mit der "Arroganz und Gier der EU-Eliten" zu tun. Und der konservative CSU-Politiker Peter Gauweiler meint: "Die politische Elite nimmt nicht mehr wahr, was in den Menschen vorgeht."

Die Eliten werden also von den Rändern her angegriffen. Mehr denn je funktioniert der Begriff in Abgrenzung vom Volk: Wer Elite ist, ist nicht Volk, und wer Volk ist, ist nicht Elite. Damit werden die beiden Seiten aufeinander losgelassen.

Eigentlich stammt das Wort "Elite" vom lateinischen eligere beziehungsweise exlegere ab, was "auslesen" bedeutet. Die Elite, das sind also die "Ausgelesenen", "Ausgewählten". Doch statt es mit einer besonderen Qualifikation zu assoziieren, wird das Wort meist nur noch abschätzig verwendet.

Das lässt sich mit Statistiken durchaus belegen. Die amerikanische Kommunikationsagentur Edelman befragt für ihr Trust Barometer jedes Jahr rund 32.000 Menschen aus 28 Ländern. Das Ergebnis in diesem Jahr ist eindeutig: Rund die Hälfte der Befragten gab an, "das System" funktioniere nicht mehr. Gerade mal 41 Prozent der Menschen vertrauten ihrer jeweiligen Regierung. Für Wirtschaftsführer sind die Werte noch schlechter: Nur 37 Prozent halten sie für glaubwürdig. Die Bundesrepublik lag hier mit 28 Prozent weit unter dem Durchschnitt.

International sieht das ähnlich aus. Der Mann, der wie kein anderer den Affekt gegen das Establishment bedient, spricht so über Eliten, wie nur er es kann – Donald Trump: "Die sind die Elite? Ich bin auf bessere Schulen gegangen als die. Ich war ein besserer Student als die. Ich lebe in einem größeren, schöneren Apartment, und ich lebe im Weißen Haus, was wirklich auch ziemlich großartig ist."

In gewisser Hinsicht ist Donald Trump mit seiner Präsidentschaft ein Kunststück gelungen: Als Teil der Geldelite hat er gegen die Politik- und Kulturelite in Washington und Hollywood erfolgreich Wahlkampf gemacht. Gewählt von jenen, die diese Elite verachten. Nun ist einer, der vorher schon zur Geldelite gehörte, auch Mitglied der Politikelite: So viele Widersprüche muss man sich erst mal ausdenken!