Am Beispiel Amerikas wird deutlich, was in Teilen auch für Europa gilt: Der Begriff "Elite" wird vor allem materiell oder machtpolitisch verstanden. Diese Definition von Elite, das Klammern an Macht, ohne Verantwortung zu übernehmen, und die hohen Vergütungen, etwa in der Wirtschaft, erwecken das Misstrauen und verletzen das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen.

Auch an Universitäten kann man beobachten, dass Elite nicht selten materiell definiert wird. Es ist richtig, dass herausragende akademische Leistungen besonders gefördert werden. Ich verstehe aber auch die Kritik, dass immer mehr Geld in ein kleines Segment der Spitzenforschung fließt und der Alltag in den Hörsälen, Laboren und Seminarräumen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit und wenig Förderung erhält. In der Exzellenzinitiative – den Begriff "Eliteuniversität" vermeiden die meisten Hochschulen aus gutem Grund – zählt offenbar nur, was dem Ruf der Universität zur Ehre gereicht: die Veröffentlichung von vielen Papers, das Einwerben von Drittmitteln, das internationale Netzwerk. Kein Auswahlkriterium ist, wer besonders gut lehrt, wer sich für seine Studierenden ein Bein ausreißt. An manchen Universitäten entsteht sogar eine Hierarchie zwischen Exzellenzforschung und "normaler" Bildung. Während Erstere aus vollen Töpfen schöpft, sinkt die Grundfinanzierung der Hochschulen, ist manche Ausstattung veraltet oder kaputt. Das führt bei vielen Studierenden zu Unmut. Und nicht nur bei Studierenden.

Peter Bieri, lange Zeit Professor für Analytische Philosophie an der Freien Universität Berlin und erfolgreicher Romanautor unter dem Pseudonym Pascal Mercier, war bei seinen Studierenden sehr beliebt, denn er diskutierte mit ihnen auf Augenhöhe. Doch das zählte nicht. "Es geht nur noch um Geld und 'Corporate Identity'", klagte Bieri, "diese Mentalität macht die Universität kaputt." Der Druck, Drittmittel einzuwerben, regte ihn auf, für die Geisteswissenschaften sei das Nonsens. Die Situation an der FU machte ihn so wütend, dass er vorzeitig seine Sachen packte und ging. Nicht nur für Peter Bieri ist es frustrierend, wenn Elite fast ausschließlich auf materielle, machtpolitische oder gar machtgeile und verantwortungslose Weise verstanden wird.

Darüber regt sich auch eine auf, die beinahe ganz oben an der Spitze dieses Staates steht: Angela Merkel. Sie war in der Talkshow von Anne Will zu Gast und sagte dort einen auf genuine Weise verschachtelten und für Kanzlerin-Verhältnisse recht emotionalen Satz, von dem ich fürchte, dass sie ihn so nicht wiederholen wird: "Aber dass nur die, die Nein sagen und die kritisieren, jetzt plötzlich das Volk sind und alle anderen, die jeden Tag zur Arbeit gehen und Probleme lösen und sich versuchen einzubringen und nicht ganz so viel kritisieren – oder kritisieren und Lösungen anbieten –, dass die plötzlich nicht mehr das Volk sind und dass irgendwo dazwischen die Elite beginnt, das kann ich, will ich für mich nicht annehmen."

Korrektes Deutsch, verschachtelt, aber zutreffend. Und ich finde, sie hat recht. Auch mir hängt das ständige Motzen und Nörgeln zum Hals heraus – nie kommt dabei ein konstruktiver Gedanke heraus!

Andererseits ist die Kritik nicht an den Haaren herbeigezogen, dass sich das Volk und Teile des Establishments immer stärker voneinander entfernt haben. Dies ist vielleicht die größte und wichtigste Ursache für den weltweiten Aufstieg des Populismus.

Dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir Eliten brauchen. Denn was wäre die Alternative? Das Ende der repräsentativen Demokratie? Eine Regentschaft der viel gehypten Schwarmintelligenz? Alle Nase lang Volksentscheide?

Vielleicht brauchen wir Eliten sogar mehr als je zuvor. Denn wir leben in verstörenden Zeiten: Je unübersichtlicher die Globalisierung wird, desto größer ist das Bedürfnis der Menschen nach Orientierung. Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto verunsicherter sind die Leute aufgrund von Fake-News, die sich optisch kaum mehr von fundierten Nachrichten unterscheiden lassen. Und dann die neuen machtpolitischen Konstellationen: In Zeiten, in denen unberechenbare Männer wie Orbán, Erdoğan, Trump, Putin, Assad und Kim Jong Un herrschen, lässt bereits eine unklare deutsche Regierungslage Nervosität aufkommen.

Ohne Elite geht es also nicht, denn sie führt unsere Gesellschaft an und bringt das Land durch Expertise zu Höchstleistungen. Doch allein das definiert Elite nicht, es fehlt ein wesentlicher Aspekt. Einen wahren Anführer erkennt man nicht nur daran, dass andere ihm folgen. Auch aufgrund seines wirtschaftlichen Erfolgs sollte man niemanden zur Elite erklären. Und Prominenz reicht schon gar nicht aus.

Was dann? Auch wenn es mich Überwindung kostet, weil man dabei so leicht ins Moralistische, ins Wohlfeile kippen kann, will ich versuchen, es zu beschreiben: Elite zu sein, zu führen heißt, es sich nicht einfach zu machen. Verantwortung zu übernehmen. Zu sehen, was getan werden muss, auch wenn es lästig ist. Sich der Folgen seiner Handlungen bewusst zu sein. Mut zu zeigen, indem man für Mitmenschen einsteht und für Werte geradesteht. Es bedeutet auch, sich für eigene Fehler entschuldigen zu können und sie zu korrigieren. Und sich an Regeln zu halten, die für alle gelten.

Erlauben Sie sich ruhig ein wenig Idealismus

Das ist es, was ich unter Herzensbildung verstehe.

Natürlich küren Sie sich nie selbst zum Teil einer Elite, auch eine höhere Macht ist es nicht. Es sind Ihre Mitmenschen, die Sie, wenn sie Ihr Verhalten nachahmenswert finden, als Vorbild auserwählen.

Aber kein Mensch kann in allen Bereichen seines Lebens Vorbild sein und schon gar nicht lebenslang. Viele haben Altkanzler und ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt noch vor Augen: Wo immer er auch war, steckte er sich eine Mentholzigarette an. Bis an sein Lebensende erreichten ihn deshalb wütende Briefe: Wie könne er – als großes Vorbild, das er sei – in der Öffentlichkeit bloß rauchen?

Bei seinem letzten Auftritt hat Helmut Schmidt darum betont: Niemand kann zeitlebens ein Vorbild sein. Gerade mal zu bestimmten Zeiten und vielleicht auch nur angesichts bestimmter Herausforderungen sei man dazu in der Lage.

Die Menschen sind meist nicht nur gut und nicht nur böse. Sie haben Abgründe in sich, die sich einigermaßen im Zaum halten lassen, wenn nicht äußere Faktoren die Lebenskoordinaten durcheinanderwirbeln: sozialer Abstieg oder die Angst davor, Kontrollverlust oder chronische Nichtbeachtung etwa durch jene, die das Sagen haben. Das wird noch verstärkt durch eine autoritär geforderte politische Korrektheit. Dann kann es nämlich passieren, dass diese Forderung nicht mehr als wünschenswerter Schutz vor Beleidigung und Herabsetzung dient, sondern zum Knebel wird. Und das ist nichts anderes als ein Konjunkturprogramm für Populisten.