Anderthalb Jahre haben sie gestritten, dann monatelang verhandelt, begleitet von massiven Protesten der Belegschaft. Die IG Metall und die Betriebsräte von Thyssenkrupp auf der einen, der Vorstand des Ruhrkonzerns um den Vorsitzenden Heinrich Hiesinger auf der anderen Seite. Es ging um die Zukunft der Stahlsparte, mit der Krupp und Thyssen einst groß und berühmt wurden. Sie trägt heute nur noch ein Viertel zum Konzernumsatz bei. Zu klein zum langfristigen Überleben im Verdrängungswettbewerb, meint der Vorstand in Essen. Deshalb sollen die Stahlkocher von Thyssenkrupp mit den Kollegen von Tata Steel, das zur indischen Tata Gruppe gehört, künftig gemeinsame Sache machen – in einem 50:50-Joint-Venture. Gut 27.000 Stahlkocher beschäftigt Thyssenkrupp, knapp 21.000 davon sind in der IG Metall. Jetzt durften die Mitglieder über einen Tarifvertrag abstimmen, der ihre Zukunft in einer fusionierten Thyssenkrupp/Tata Steel-Gruppe regeln soll: Alle 13 Standorte waren mehrheitlich dafür, im Schnitt über 90 Prozent.

Der Vorgang hat Signalwirkung – für Thyssenkrupp und für Deutschland. Letztlich hat nämlich die Basis in allen 13 Werken und Laboren entschieden, dass sie den massiven Umbau mitträgt. Damit steigen die Chancen, dass die bei solchen Neuorientierungen unvermeidlichen Fusionsschmerzen – Abbau von Doppelfunktionen, Verschmelzung von Kulturen – erträglicher ausfallen als nach einem allein von Vorstand und Eignern diktierten Plan.

Verlierer gibt es nicht

Schöner Nebeneffekt: Keine Seite muss sich als Verlierer fühlen. Das Unternehmen verpflichtet sich zu einer Beschäftigungsgarantie bis 2026 und dazu, mindestens sechs Jahre 50 Prozent am vereinten Stahlproduzenten zu halten. Der wird auf einen Schlag zum zweitgrößten europäischen Stahlkocher. Die Arbeitnehmer müssen akzeptieren, dass der Unternehmenssitz des Joint Ventures in den Niederlanden liegen wird und die paritätische Mitbestimmung dann nur für den deutschen Teil gilt. Zudem will der Vorstand in den kommenden Jahren 2.000 Stellen im deutschen Unternehmensteil abbauen – allerdings ohne betriebsbedingte Kündigungen.

Thyssenkrupp verabschiedet sich dadurch nicht – wie von vielen befürchtet – komplett aus dem angestammten Stahlgeschäft. Wohl aber gewinnt der Vorstand um Heinrich Hiesinger Luft, sich stärker um die anderen Unternehmensteile wie Aufzüge, Maschinen- und Anlagenbau, Autoteile (Lenksysteme, Achsen) und den Rohstoffhandel zu kümmern. Er wird dadurch in seinem Widerstand gegen Forderungen aggressiver Anleger, wie dem – nach der Krupp-Stiftung – zweitgrößten Anteilseigner Cevian, gestärkt. Die Fondsmanager fordern die Zerschlagung des Mischkonzerns, weil seine Einzelteile angeblich an der Börse mehr wert wären.

Die IG Metall könnte jetzt häufiger auf eine Abstimmung der Belegschaft drängen

Doch nicht nur die Unternehmensführung wird von dem Deal profitieren, auch die IG Metall hat durch die Einbeziehung der Basis ihre Position bei künftigen Verhandlungen mit anderen Konzernlenkern gestärkt. Schließlich geht der Trend bei vielen Konzernen hin zur Aufgliederung und Verselbstständigung ihrer Sparten – Siemens ist bereits munter dabei, Daimler und neuerdings auch Continental sind auf dem Weg dahin. Auch bei ihnen könnte die IG Metall künftig auf eine Abstimmung der Belegschaft drängen. Sich gegen ein klares Votum durchzusetzen wäre für jeden Konzernchef schwierig.

Wie sinnvoll es sein kann, die betroffenen Arbeitnehmer bei Konzernumbauten mitzunehmen, hat Mitte letzten Jahres schon der Autozulieferer Bosch vorgemacht – ohne großes Aufsehen. Das Stiftungsunternehmen hat damals sein Geschäft mit Generatoren – die Keimzelle des Konzerns ("Bosch Zünder") – an chinesische Investoren verkauft. Rund 95 Prozent der 1.300 Generatorenbauer in Deutschland hatten dem Deal zuvor zugestimmt. Jetzt will das daraus entstandene Unternehmen mit seinen 8.000 Beschäftigten zum Weltmarktführer für Generatoren werden.

Eines scheint sicher: Sowohl die Stahlkocher von Thyssenkrupp als auch die Generatorenbauer von Bosch werden sich dafür ins Zeug legen, dass ihre neuen Unternehmen im Markt erfolgreich sind. Schließlich durften sie bei der Entstehung ihrer neuen Gesellschaften mitbestimmen. Eine Garantie dafür, dass die Pläne langfristig aufgehen, haben die Beschäftigten nicht. Sowohl im zyklischen Stahlgeschäft als auch beim Umbruch der Autobranche gibt es viele Unwägbarkeiten. Und noch gibt es im Falle von Thyssenkrupp eine Hürde. Die Arbeitnehmer wollen den Plan von Hiesinger durch Gutachter prüfen lassen. Nur wenn diese die Tragfähigkeit der Stahlfusion bestätigen, wollen sie im Aufsichtsrat zustimmen.

Doch wenn es klappt, können sich Manager und Beschäftigte in beiden Fällen auf das Wesentliche konzentrieren: mit guter Arbeit und neuen Ideen gegen die Konkurrenz bestehen. Der Deal bei Thyssenkrupp könnte so zum Lehrstück werden und zeigen, dass gelebte Mitbestimmung hierzulande noch lange nicht zum alten Eisen gehört.