Andreas Dressel also. Der Meister des politischen Ausgleichs, der Mann, der alle mitnimmt und niemanden zurücklässt, der seinen Kontrahenten mit unermüdlicher Freundlichkeit die Welt erklärt und den Genossen wie politische Gegner schon darum mögen, weil er so anders auftritt als Olaf Scholz, der Erste Bürgermeister. "Dass er in seinem Inneren manchmal verärgert ist, dürfen wir ruhig annehmen", sagt ein Freund – ein seltener Hinweis auf die theoretisch denkbare Möglichkeit, dass selbst der SPD-Fraktionschef nicht immer so friedlich gestimmt sein könnte, wie er aufzutreten pflegt.

Nun soll Dressel Nachfolger von Scholz werden, falls dieser tatsächlich als Finanzminister und Vizekanzler nach Berlin geht. Es wäre typisch für das lautlose Funktionieren der sozialdemokratischen Regierungsmaschinerie in Hamburg, wenn es so käme: dass der Mann, der seit Jahren als Kronprinz gilt, im Fall des Falles wie selbstverständlich ins Bürgermeisteramt nachrückt.

Aber will er den Job wirklich? Kann er ihn tatsächlich so ohne Weiteres bekommen? Und, vor allem, was würde er daraus machen?

Andreas Dressel, 43 Jahre, promovierter Jurist, seit vierzehn Jahren in der Bürgerschaft: Im sozialdemokratischen Mikrokosmos gilt der Fraktionschef als Vertreter des rechten Flügels, was ihm zwar Verbündete, aber seltsamerweise kaum Gegner verschafft. "Ich habe lieber einen aufrechten Konservativen als einen spitzköpfigen Linken, auf den ich mich nicht verlassen kann", heißt es im linken Lager.

Sein Doktorvater beschreibt ihn als blitzgescheit und fleißig. "Mit diesen Qualitäten hätte er auch in der freien Wirtschaft was werden können", sagt ein früherer Mitstudent.

Dressel lebt in Volksdorf, in der behaglichen Welt der Walddörfer mit ihren Buchenhecken und rot verklinkerten Kaffeemühlenhäusern. Dort ist er aufgewachsen, dort, berichtet ein Nachbar, sei er bei jedem Wetter am Infostand seiner Partei anzutreffen, keineswegs nur zu Wahlkampfzeiten. Längst nicht jeder Spitzensozi nimmt das auf sich. "Direkter Bürgerkontakt", sagt Dressel selbst, sei "elementar für uns in der Politik."

Ist das der nächste Bürgermeister?

Ob er es werden möchte, kann Dressel selbst derzeit unmöglich verraten. Gerade ist der letzte Genosse, der zu früh Ansprüche anmeldete, der SPD-Vorsitzende Martin Schulz, von der politischen Bühne gepurzelt. "Wir müssen uns auf unsere Inhalte konzentrieren, statt weiter Personaldebatten zu führen" – diese Parole gab der Hamburger Fraktionsvorsitzende beim Neujahrsempfang seiner Partei am vergangenen Wochenende aus, noch bevor sein Generalsekretär Lars Klingbeil in seiner Eigenschaft als Ehrengast allen eine "Rote Karte" androhte, die in diesen Tagen des SPD-Mitgliederentscheids über den Eintritt in eine große Koalition noch öffentlich über die Verteilung von Regierungsämtern spekulierten.

Umso deutlicher ist allerdings, was andere über Dressels Pläne sagen.

"Darauf hat er sich mindestens seit der sechsten Klasse vorbereitet." So urteilt ein langjähriger Weggefährte.

Ein Spitzengenosse sagt: "Er ist extrem ehrgeizig, es war immer klar, dass er politisch etwas erreichen will."

Auch für sich selbst?

"Ja."

Kann Dressel Bürgermeister Scholz beerben, wenn er es tatsächlich will?

Gewählt würde ein Scholz-Nachfolger in der Hamburgischen Bürgerschaft. Frage an einen SPD-Abgeordneten: Ist es denkbar, dass sich die Fraktion für einen anderen als Dressel entscheidet? – "Nein."

Natürlich, vor der Abstimmung im Landtag müsste sich noch ein Landesparteitag der Sozialdemokraten auf einen Kandidaten verständigen. Doch in seiner Partei ist Dressel unumstritten, zudem hat er als Vorsitzender der Wandsbeker SPD den größten Kreisverband hinter sich. Es wäre ein politischer Kraftakt, eine oder einen anderen als ihn an die Spitze der Stadt zu stellen – wer in der SPD sollte das unternehmen, und warum?